Corona-Kanzlerin ratlos | The European

In der Coronakrise hat die Bundesregierung versagt

Oskar Lafontaine12.12.2020Medien, Politik

Ein bitteres Fazit zur Krisenbewältigung der Corona-Pandemie in der Bundesrepublik zieht Oskar Lafontaine und schreibt: “Wir müssen aus den Erfahrungen lernen und für ein halbes Jahr planen. Merkel und ihre Corona-Paladine von Spahn und Söder bis Lauterbach, sie können es offensichtlich nicht.”

Deutschlandfahne mit Corona-Virus, Quelle: Shutterstock

Angela Merkel hat im Bundestag eine emotionale Rede gehalten. „Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und anschließend es das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben.“ Die Journalisten waren begeistert: Ihre Stimme habe sich überschlagen. So kannten wir sie ja noch nie, hieß es. Aber diese emotionale Rede hilft uns nicht weiter. Wir müssen aus den Erfahrungen lernen und für ein halbes Jahr planen. Merkel und ihre Corona-Paladine von Spahn und Söder bis Lauterbach, sie können es offensichtlich nicht.

1. Obwohl Pandemie-Pläne vorlagen, wurde keine Vorsorge getroffen. Als es im Frühjahr losging, fehlten Masken, Intensivbetten und Atemgeräte. Auch deshalb sind Menschen gestorben, die nicht mehr Weihnachten feiern.

2. Als China dicht machte, wurde bei uns noch Karneval gefeiert. Merkel und die Verantwortlichen hofften, dass der Kelch an uns vorüberginge. Weil zu spät eingegriffen wurde, sind Menschen gestorben und können nicht mehr Weihnachten feiern.

3. Als es nicht mehr anders ging, wurde im März der Lockdown beschlossen., Wir wussten zu wenig und hatten zu wenig Erfahrung. Ich habe daher diese Entscheidung mitgetragen.

4. Dann kam der Sommer. Eine langfristige Strategie wurde nicht entwickelt. Als die Erkältungssaison kam, waren die Verantwortlichen wieder nicht vorbereitet. Überfüllte Schulbusse und nicht vorhandene Luftfilteranlagen sind die Beispiele.

Was wurde versäumt und ist sofort in Angriff zu nehmen?

1. Wir brauchen endlich repräsentative Untersuchungen, die uns verlässliche Zahlen liefern.

2. Das Starren auf die sogenannte Inzidenz (wie viele von hunderttausend Einwohnern haben sich innerhalb von sieben Tagen angesteckt) ist die wichtigste Entscheidungsgrundlage der Corona-Politiker. Diese Messwerte sind aber, wenn überhaupt, nur bedingt brauchbar. Die Anzahl der Tests wird nicht angegeben, die Labore haben unterschiedliche Testmethoden, die Tests sind nicht standardisiert. Wenn wir andere Erkältungsviren ebenso verfolgen würden, zum Beispiel bei Grippe oder Lungenentzündung, könnten die Medien auch jeden Tag hohe Zahlen melden.

3. Der Ratschlag eines Teils der Mediziner, der bekannteste ist der Virologe Hendrik Streeck, sich auf die Zahl der belegten Intensivbetten und Beatmungsgeräte zu konzentrieren und vor allem die Alten und Kranken zu schützen, ist richtig. Bei den gemeldeten Todeszahlen sollte die Übersterblichkeit angegeben werden, von der eine Reihe von Leuten sagen, sie sei nicht höher als in der Grippesaison 2017/2018.

4. Der seit langem bestehende Plan, die Alten, vor allem die in den Alten- und Pflegeheimen, besonders zu schützen, wird sträflich vernachlässigt.

Das Gegenbeispiel ist Tübingen. In neun Altenheimen mit 1000 Pflegeplätzen gibt es „seit Mai nicht einen einzigen Corona-Fall“, sagt Oberbürgermeister Boris Palmer. Beschäftigte, Bewohner und Besucher von Altenheimen werden dort regelmäßig und kostenlos getestet, und die Einrichtungen mit sicheren FFP2-Masken versorgt. Warum wird außerhalb Tübingens über diesen Weg seit Monaten nur geredet? Und warum haben Merkel, Spahn, Söder und die anderen Entscheider diesen Weg nicht konsequent umgesetzt? Weil es aufgrund dieses Versäumnisses in Deutschland zu immer mehr Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen kommt, sterben auch hier Menschen, mit denen wir nach den Worten der Kanzlerin nicht mehr Weihnachten feiern können.

5. Der größte Fehler ist das von den oben genannten Corona-Politikern zu verantwortende Kaputtsparen des Gesundheitssystems. Es fehlen bis zu 100.000 Pflegekräfte. Merkel und Co haben so gut wie nichts unternommen, um diesen Engpass zu beseitigen, der dazu führt, dass weniger Patienten auf Intensivstationen behandelt werden können.

Und hätten wir solide repräsentative Zahlen darüber, wo sich die Leute anstecken, dann könnte man auch den Lockdown soweit notwendig auf der Grundlage von Daten steuern und begrenzen. Die liegen aber unverzeihlicherweise bis heute nicht vor. Dass die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten von falschen Zahlen und Voraussetzungen ausgehen, zeigt der gescheiterte Lockdown „light“. Sie glaubten wohl, das Virus würde sich saisonal anders verhalten als die Erkältungsviren.

Emotionale Reden helfen nicht.

 

 

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