Wir müssen endlich wieder global denken

von Ortwin Renn26.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Von der Konzentration auf kleine Schritte bis hin zur Nutzung von Erzählungen, um Veränderungen voranzutreiben – ein Plan zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele.

Wir leben in einem Zeitalter reichlich vorhandenen Wissens. Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat die moderner Kommunikationstechnologien genutzt, um Erkenntnisse schnell über die ganze Welt zu verbreiten und neue Forschungsgebiete zu erschließen. Die Klimaentwicklung für die kommenden Jahrzehnte wurde so vorhersagbar. Das Streben nach einer nachhaltigen Entwicklung wird folglich weniger an mangelndem Wissen, als an mangelndem Handeln scheitern.

Die Umsetzung von Wissen in die Praxis ist jedoch keine leichte Aufgabe. Dies zeigt sich besonders deutlich am Klimawandel und an der UN-Agenda 2030. Sie hat uns mit den 17 Zielen der nachhaltigen Entwicklung (SDGs) einen Fahrplan für den Übergang vom Wissen zum Handeln gegeben. Die SDGs sind ein unbestreitbarer Erfolg, der jedoch komplexe und anspruchsvolle Herausforderungen mit sich bringt. Noch ist nicht genug geschehen, um sie umzusetzen. Noch fehlen effektive Wege. Und nun gehen die Menschen auf die Straße zum Protest, weil die Politik nicht schnell genug agiert.

Ebenso zeigen die Ergebnisse der Europawahlen im Mai dieses Jahres den wachsenden Wunsch der Europäer, insbesondere der Jüngeren, nach mehr und besseren Maßnahmen für den Schutz der Umwelt und für einen schnelleren Übergang zu einer nachhaltigeren Gesellschaft. Gleichzeitig haben die Menschen in den Bergbaugebieten Angst vor der Zukunft und kämpfen für den Schutz ihrer fossilen Energiewirtschaft. Wie sollen wir als Gesellschaft mit diesen Konflikten umgehen?

Diese Themen standen im Mittelpunkt, als 17 Nachhaltigkeitswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler im März 2019 zum ersten Global Sustainability Strategy Forum (GSSF) in Potsdam zusammen kamen– ich war einer von ihnen. Unsere Gruppe bestand aus Expertinnen und Experten aus zwölf Nationen von sechs Kontinenten. Vertreten waren die Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Gemeinsam versuchten wir herauszufinden, wie wir unsere bestehenden Strategien ändern können, um die SDGs besser zu erreichen.

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Anstatt uns auf langfristige Ziele zu konzentrieren, müssen wir uns auf realisierbare Ziele für die nahe Zukunft konzentrieren und kleine Schritte dorthin unternehmen.

Die Politik tendiert dazu, für die ferne Zukunft sehr ehrgeizige Ziele zu formulieren, um fehlendes Handeln in der Gegenwart auszugleichen. Dies ermöglicht es, unpopuläre Entscheidungen zu vermeiden, gibt dem ungeduldigen Publikum aber dennoch die Sicherheit, dass in Zukunft etwas getan werde. Um die SDGs tatsächlich zu erreichen, sollten wir in den kommenden Jahren kurze Sprints planen, anstatt unseren Trainingsplan für einen Ultramarathon, der bis weit in die Mitte dieses Jahrhunderts dauern wird, ständig zu überarbeiten.

Schritt für Schritt entfaltet sich der Fortschritt als ein Prozess des kontinuierlichen und dynamischen Lernens. Was wurde erreicht? Wo entstehen neue Konflikte? Wie können unbeabsichtigte Nebenwirkungen abgefedert werden? Indem wir kontinuierlich und beharrlich kleine Schritte machen, kommen wir dem Ziel immer näher.

Regional denken, nicht global

Wir müssen anfangen, in regionalen und weniger in globalen Kontexten zu denken. Die globale Perspektive ist zu abstrakt und verlangsamt Prozesse. In einem wenig wirksamen Global Governance System brauchen globale Maßnahmen Zeit und haben nicht unbedingt im Fokus, welche besonderen regionalen Bedingungen und Zusammenhänge herrschen. Die aber müssen berücksichtigt werden, wenn Maßnahmen wirksam sein sollen.

Strategische Balance zwischen Zielkonflikten

Umweltschutz bietet nicht unbedingt wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Vorteile. Dennoch ist der Erhalt ökologischer Lebensgrundlagen eine Voraussetzung für die Umsetzung wirtschaftlicher und sozialer Ziele und muss Priorität haben. Wir müssen widersprüchliche politische Ziele im Auge behalten und sicherstellen, dass wir Prioritäten bei den Zielen setzten und diese dann beherzt angehen, und zwar so, dass wir andere Ziele so wenig wie möglich gefährden. Bei sich widersprechenden Werten und Zielen hat Politik immer mit schmerzhaften Kompromissen zu kämpfen: Es wird Gewinner und Verlierer geben. Aber den Nutzen der Transformation müssen auch die spüren, die von Verlusten betroffen sind. Eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Solidarität basiert, lässt ihre Bürgerinnen und Bürger, die vorübergehend negativ betroffen sind, nicht im Stich.

Von unten nach oben arbeiten

Transformationen zu Nachhaltigkeit können nicht von aufoktroyiert, von Wissenschaftlern vorgeschrieben oder von Nichtregierungsorganisationen ´erzwungen werden. Sie müssen von den Menschen initiiert und umgesetzt werden, die ihre Auswirkungen – individuell und kollektiv – in den sozialen und kulturellen Kontexten zu spüren bekommen, in denen sie leben und arbeiten.

In einem iterativen Prozess von Lernen und Wandel kann die Wissenschaft ´wertvolle Hinweise geben und die möglichen Auswirkungen und Nebenwirkungen von Maßnahmen im Voraus abschätzen. Aber sie kann nicht einfach Lösungen verschreiben, die Betroffenen müssen im Fahrersitz bleiben. Dafür brauchen sie Hilfe, aber sie dürfen nicht nur als passive Passagiere an diesem Prozess „mitgenommen“ werden, sie müssen mit steuern.

Verwenden Sie Erzählungen, um Veränderungen voranzutreiben

Wissenschaft ist wichtig, aber mitreißende Geschichten sind noch wichtiger, weil sie die Wissenschaft zu den Menschen bringt. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Modelle spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, uns zu sagen, was wir tun müssen. Aber mehr auch nicht, es sei denn, es gelingt uns, gemeinsam mit den Betroffenen Erzählungen zu entwickeln und diese dann in den politischen Entscheidungsprozess zu integrieren.

Die Menschen fragen sich, warum sie ihr Leben verändern sollten, warum sie die Anstrengung der ständigen Lernphasen auf sich nehmen und ihren Lebensstil anpassen sollten. Abstrakte Modelle, unabhängig von ihrem wissenschaftlichen Wert, können keine zufriedenstellenden Antworten liefern. Die Antworten, auf die Menschen reagieren, sind in Erzählungen über das „gute Leben“ und, was es dazu braucht, verwoben.

Erzählungen sind wirkungsvoll, wenn sie nicht als Geschichten des katastrophalen Schreckens, sondern als Geschichten von Chancen und Entwicklungen erzählt werden.

Nächste Schritte

Die Kernbotschaft des diesjährigen GSSF lautet: Wir können nicht auf eine globale Revolution warten.

Stattdessen müssen wir heute damit beginnen, Schritt für Schritt und weltweit regional wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um die Lebensgrundlagen für alle zu erhalten. Und das auf eine Weise, die von den Betroffenen mit gesteuert wird. Wissenschaft sollte nicht so tun, als hätte sie alle Antworten. Stattdessen sollte sie die Entwicklung von Erzählungen erleichtern und unterstützen, die eine sinnvolle Zukunft versprechen und jedem eine hohe Lebensqualität in seinem jeweiligen kulturellen Kontext bietet.

Ein zweites Forum wird 2020 stattfinden und sich auf die regionalen Auswirkungen der SDGs konzentrieren. Wie können Politik und Praxis bei der Zielerreichung unterschiedliche wirtschaftliche, kulturelle, institutionelle, historische, soziale und geografische Gegebenheiten berücksichtigen? Denn Eines ist inzwischen klar: Indem wir uns auf die regionale Umsetzung konzentrieren, verlassen wir trotzdem nicht die globale Perspektive.

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