Internationale Initiative für einen regionalen Nachhaltigkeitsansatz

von Ortwin Renn27.02.2019Wissenschaft

Das aktuelle Nachhaltigkeitsdilemma wurde in den vergangenen 500 Jahren von den westlichen (entwickelten) Gesellschaften geschaffen, indem sie das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Umwelt veränderten. Die gesellschaftlichen Faktoren für (Un )Nachhaltigkeit sind jedoch nicht so intensiv erforscht wie die ökologischen Folgen. Von Ortwin Renn, Ilan Chabay, Sander van der Leeuw und Solène Droy.

Eine Transformation ist die grundlegende Veränderung komplexer Systeme, die häufig von einflussreichen Akteuren gefördert oder initiiert wird. Aber auch bewusst herbeigeführte Transformationen haben immer unbeabsichtigte oder unerwartete Folgen ¬¬- etwa den Klimawandel, die Urbanisierung oder die Migration. Im Gegensatz zu früheren großen Transformationen zeichnen sich die aktuellen dadurch aus, dass mehrere Transformationsprozesse gleichzeitig ablaufen, einerseits mit Synergien, andererseits mit gegenläufigen Tendenzen.

Drei kollidierende Transformationswellen

Unserer Meinung nach lassen sich aktuelle Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft hauptsächlich auf drei weltweite Transformationen zurückführen: Globalisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit. Sie verlaufen parallel zueinander und umfassen fast alle Aspekte, die die gleichzeitigen globalen Entwicklungen prägen.

Interessant sind die Brüche, Widersprüche und vor allem Konflikte dieser Transformationen in sich selbst und gegenüber den jeweils anderen . Dies gilt in besonderer Weise für die Veränderungen und
Ziele im Bereich der Nachhaltigkeit, die von den Vereinten Nationen gefordert und in den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDG) definiert werden.

Zwar orientieren sich viele Nachhaltigkeitsvorhaben an ökologischen Auswirkungen wie Klimawandel oder dem Schutz der Biodiversität. Andere Ziele wie wirtschaftliches Wachstum verringern die Umweltfolgen jedoch nicht. Die traditionelle Trennung zwischen ökologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nachhaltigkeit führt eher dazu, aufkommende Zielkonflikte zwischen den drei Dimensionen zu verschleiern, anstatt sie zu verdeutlichen.

Was als gesellschaftlich nachhaltig gilt – etwa der Kampf gegen Armut – ist möglicherweise aus ökologischer Sicht nicht nachhaltig. Denn die Nachhaltigkeitsforschung konnte einen Zusammenhang zwischen persönlichem Wohlstand und negativen Umweltauswirkungen belegen.

Ein weiteres Beispiel: Der Ausstieg aus fossilen Energieträgern, um das Klima zu schützen, läuft den Interessen der Menschen in Regionen zuwider, deren Wirtschaftskraft und Industriekultur auf Kohleabbau oder Kohlekraftwerken beruhen.Darüber hinaus kann das Bemühen um Nachhaltigkeitin die gleiche oder in die entgegensetzte Richtung wie die anderen großen Transformationen laufen. So führt die Digitalisierung durch intelligente Stromnetze zu mehr Nachhaltigkeit. An anderen Stellen ist das Gegenteil der Fall, zum Beispiel durch das erhöhte Verpackungs- und Transportaufkommen im E-Commerce.

Gleiches gilt für das Verhältnis zwischen Nachhaltigkeit und Globalisierung: Während globale Normen und Standards, etwa von der Welthandelsorganisation (WTO) oder der Internationalen Organisation für Normung (ISO) für mehr Nachhaltigkeit sorgen, kommt es in anderen Bereichen der Globalisierung zu Verstößen gegen Nachhaltigkeitsgrundsätze. Beispiele sind der wachsende ökologische Fußabdruck weltweiter Lieferketten, ökologischer Raubbau und eine zunehmende soziale Ungleichheit.

Weil mehrere, teils gegenläufige Veränderungsprozesse mit Störungen und Konflikten parallel stattfinden, birgt die Frage nach der Rolle transformationsorientierter Forschung besonderen Sprengstoff.

Was sind die gesellschaftlichen Faktoren für (Un-)Nachhaltigkeit?

Die zentrale Frage lautet nicht, wie Mensch und Natur koexistieren können. Es gibt keine objektive Anleitung dafür, wie wir die Welt nachhaltiger gestalten können. Vielmehr ist es Aufgabe der verschiedenen Gesellschaften, ihr Verhältnis zur Umwelt zu definieren, von der sie abhängig sind. Außerdem schaffen Gesellschaften einen Rahmen für die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, sowie für die möglichen Lösungen und setzen dabei Prioritäten.

Das aktuelle Nachhaltigkeitsdilemma wurde in den vergangenen 500 Jahren von den westlichen (entwickelten) Gesellschaften geschaffen, indem sie das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Umwelt veränderten. Die gesellschaftlichen Faktoren für (Un )Nachhaltigkeit sind jedoch nicht so intensiv erforscht wie die ökologischen Folgen.

Daher werden Forschungsinitiativen benötigt, die sich auf die Fähigkeit von Gesellschaften konzentrieren, angemessene Strategien für eine Transformation hin zur Nachhaltigkeit zu finden. Guter Wille und gute Absichten reichen nicht aus.

Unser Ansatz

• Erstens brauchen wir ein umfassenderes, ganzheitliches Bild des gesellschaftlichen Rahmens, in dem gleichzeitig ablaufende Veränderungen erfolgen, und von deren Auswirkungen auf die verschiedenen Regionen der Erde.

• Zweitens muss anerkannt werden, dass jede Region einen eigenen, einzigartigen Transformationspfad finden und beschreiten muss, der zu ihrem Kontext, ihrer Kultur und ihren Voraussetzungen passt. Somit sind an Regionen angepasste Strategien notwendig, damit die Nachhaltigkeitstransformation global gelingt.

• Drittens muss die Wissenschaft die Konflikte und Widersprüche der verschiedenen Transformationen herausarbeiten. Dann kann sie die Politik zu einem besseren Umgang mit Zielkonflikten, mit unterschiedlichen Definitionen von Nachhaltigkeit und mit einander widersprechenden Werten anleiten. Benötigt wird insbesondere ein „inklusiver Bottom-up-Ansatz“, der sämtliche Beteiligten dazu bringt, die erwünschten Veränderungen gemeinsam zu gestalten.

Mit diesem Ziel haben das Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) und die Arizona State University unter der Bezeichnung „Global Sustainability Strategy Forum“ eine neue Initiative gegründet. Dort bringen die beiden Einrichtungen anerkannte Fachleute aus dem Nachhaltigkeitsbereich zusammen. Ihr Wissens- und Erfahrungsschatz vereint Informationen aus einer Vielzahl internationaler Quellen weltweit. Damit sollen Strategien für die wirksame Transformation unserer Gesellschaftssysteme entstehen, die unser Verhältnis zu uns selbst und zu unserer Umwelt in ein neues Gleichgewicht bringen. Dies wiederum wird uns den SDGs näher bringen.

Das Forum will keine Handlungsmöglichkeiten zur Abschwächung der Folgen menschlicher Aktivitäten auf die natürliche Umwelt entwickeln. Vielmehr soll es den Austausch über Werte, Präferenzen und Verhaltensweisen in verschiedenen Weltregionen mit Blick auf ökologische Krisen im Zusammenhang mit wünschenswerten Transformationen ermöglichen.

Das Forum wird vom 4. bis zum 8. März 2019 in Potsdam eine einwöchige Klausurtagung abhalten. Triebfedern sind der Wunsch, Übersicht ins komplexe Transformationsgefüge zu bringen, und die Frage zu beantworten, wie jede Region im globalen Prozess einen passenden Weg zu einer nachhaltigen Zukunft finden kann.

Deeplink zum ersten Meeting

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