Das Kind in der Krippe ist keine digitale Repräsentation Gottes

Originalquelle 25.12.2019Europa, Gesellschaft & Kultur, Medien

“Weihnachten erinnert daran, dass – neben all dem Guten,das mit der Digitalisierung verbunden ist – nichts die wirkliche, menschliche Nähe ersetzen kann. Gott hat genau die in der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus zu uns gesucht. Eine rein durch sich selbst steuernde Algorithmen erzeugte Kommunikation und Begegnung beschneidet Menschen ihrer personalen Würde, weil es letztlich eine anonyme und entmenschlichte Kommunikation ist. Wir sind mehr als Mr. Data, dieser irgendwie sympathische Humanoide in der TV-Serie „Star Trek“. Weihnachten erzählt davon, dass das Kind in der Krippe nicht eine digitale Repräsentation Gottes ist. Nein, es ist seine Inkarnation”, so der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki in seiner Weihnachtsbotschaft.

Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki

Predigt zum Pontifikalamt am 1. Weihnachtstagam 25. Dezember 2019 im Kölner Dom

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

heute haben sich die Hoffnungen und Verheißungen der Alten erfüllt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns“ (Mt 1,23; Jes7,14). In dem Kind in der Krippe ist Gott mit uns.

Und auch das Evangelium des heutigen Weihnachtsmorgens gibt uns die gleiche Antwort –nur mit anderen Worten: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh1,14), heißt es da. Das Wort ist der ewige Gottessohn. Er ist Fleisch geworden -das heißt ein Mensch wiewir -und er hat unter uns Wohnung genommen. Er ist der Gott mit uns, ja noch mehr: Er ist einer von uns geworden. Das feiern wir Weihnachten. GottesSohn kommt in unsere Welt. Er kommt in sie, so wie sie ist. Aber er kommt nicht, um sie so zu lassen, wie sie ist.

Er kommt, um unsere Not zu wenden. Er kommt, um unsere Tränen zu trocknen, um unsere Wunden zu heilen, um uns das Heil zu schenken. Kann das ein Kind? Ist das nicht selbst auf Hilfe angewiesen? Braucht es dazu nicht einen, der anpacken, der Ordnung schaffen kann? Braucht es da vielleicht nicht sogar einen, der auch mal richtig draufhauen kann, wenn’s nötig ist? Aus Erfahrung wissen wir: Mit Gewalt hat sich auf unserer Erde selten etwas zum Guten hin entwickelt. Besser geworden ist unsere Welt immer nur dort, wo es Menschen gab, die liebten, die Licht in die Finsternisse unserer Welt gebracht haben. Diesen Weg ist Gott an Weihnachten gegangen.Er wendet unsere Not nicht, indem er drauf-oder drein haut, sondern indem er sie hinwegliebt, so wie das Licht geräuschlos, aber siegreich die Finsternis vertreibt.

 

Die größte Finsternis ist gegen das kleinste Licht machtlos. Wo auch nur eine Kerze entzündet wird, muss die Finsternis weichen. Die Kerzen, die wir heute Nacht und heute Morgen entzündet haben, sie verweisen uns auf das Licht der Weihnacht, dass Gott mit der Geburt seines Sohnes aus der Jungfrau Maria in der Finsternis unserer Welt entzündet hat. Die Botschaft der Weihnacht lautet: Christus, das Licht ist da! Er ist das Licht der Menschen! Und dieses Licht leuchtet in der Finsternis (Joh 14.5). Keine Nacht und keine Macht der Welt wird dieses Licht je zum Erlöschen bringen. Niemand kann es mehr ausschalten. Es ist „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9). Natürlich handelt es sich bei diesem Licht nicht um die Art Licht, die unser alltägliches Leben ausmacht. Es ist nicht das Licht, das Strom verbraucht, nicht das Licht, das die Nacht der Metropolen dieser Welt zum Tag macht, nicht das Licht, das an Elektrogeräten aufleuchtet, sobald wir auf „On“ geschaltet haben. Und ebenso auch nicht das Licht, das ausgeht, wenn wir den „Off“-Schalter betätigen.

Wir spüren immer häufiger,wie sehr sich unser Leben genau in dieser Polarität bewegt: an –aus; hell –dunkel; offen –geschlossen; Freund –Feind; wir –die. Unsere Welt hat die Zweipoligkeit zu ihrem zentralen Aggregatzustand gemacht. Der Megatrend Digitalisierung basiert genau auf diesen Zuständen „an –aus“ oder mathematisch gesagt: „0 –1“. Dabei kann jede Information,jedes Ereignis, jedes physische Objekt digital repräsentiert werden. Endlose Zahlenschlangen –Big Data–bilden die Realitätin einer Präzision ab, die analog nicht annähernd erreichbar ist.

Durch die digitale Repräsentation können wir immer mehr Wissensbestände immer und überall abrufbar machen –wenn wir denn angeschaltet haben, online sind, Strom oder Netz haben. Immer schnellere Internetverbindungen ermöglichen dabei immer weitergehende und weltweiteInformation und Kommunikation. Forschung und Wissenschaft profitieren davon. Die sogenannte„Künstliche Intelligenz“(KI) nimmt immer neue Züge an, verändert mehr und mehr unser menschliches Leben. Sie orientiert sich möglichst perfekt nicht nur an menschlicher Logik, sondern auch schon an menschlichen Gefühlen. Das ist dann nicht Ausdruck des perfekt Menschlichen, sondern des perfekt Technischen. Alexa, Siri und andere Maschinen erzählen uns Witze, unterhalten sich mit uns und kaufen für uns ein. Humanoide Roboter können bereits streicheln, lachen und weinen, um uns menschliche Nähe zu suggerieren. Dahinter stehen schlicht rationale Algorithmen, die menschliches Verhalten imitieren und Realität und Suggestion verschwimmen lassen. Dieselben Algorithmen steuern Fahrzeuge und stellen ärztliche Diagnosen.

Künstliche Intelligenz schickt sich an, den Menschen in vielem zu übertreffen.Das gilt nicht nur in Spielen wie Schach oder Go. Es betrifft auch Fähigkeiten angemessener Problemanalyse und Diagnose, strategischer Entscheidungen in Wirtschaft und Politik, aber eben auch das Trösten,das Mut-Machen und einfach das Mit-Da-Sein im Blick auf unsere Mitmenschen.

Weihnachten erinnert daran, dass – neben all dem Guten,das mit der Digitalisierung verbunden ist – nichts die wirkliche, menschliche Nähe ersetzen kann. Gott hat genau die in der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus zu uns gesucht. Eine rein durch sich selbst steuernde Algorithmen erzeugte Kommunikation und Begegnung beschneidet Menschen ihrer personalen Würde, weil es letztlich eine anonyme und entmenschlichte Kommunikation ist. Wir sind mehr als Mr. Data, dieser irgendwie sympathische Humanoide in der TV-Serie „Star Trek“. Weihnachten erzählt davon, dass das Kind in der Krippe nicht eine digitale Repräsentation Gottes ist. Nein, es ist seine Inkarnation!

Gott kommt in echt! Er hat Fleisch angenommen in seinem Sohn JesusChristus. Er ist gekommen, indem er einer von uns geworden ist. Und er bleibt, was er geworden ist, in alle Ewigkeit: ein Mensch wie wir.Er gehört zu uns, und wir gehören zu ihm. Er ist berührbar wie wir selbst. Er spürt, ob wir es ernst meinen mit ihm und umgekehrt. Er ist nicht aufuns programmiert –sein Programm ist das Leben selbst!

Damit gibt Gott uns Antwort auf die wichtigste Frage unseres Lebens. Was wir als Menschen sind? Und woher wir kommen? Wohinwir gehen? Und wo unsere tiefste Sehnsucht nach Glück gestillt wird? Auf die Frage, die wir selbst sind, antwortet uns Gott nicht mit sich selbst steuernden Algorithmen, sondern mit seinem Wort, das Fleisch geworden ist, mit seinem Sohn, der sein Ebenbild ist (Kol1,15), „der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens“ (Hebr 1,3). Er antwortet also mitsich selbst, aber auf eine ganz menschliche Art. Er antwortet mit einem Kind, das geboren und in Windeln gewickelt und auf die Fürsorge seiner Mutter angewiesen ist. Indem Gottes Sohn Mensch wird, zeigt er uns, was der Mensch ist.

Dieses Kind ist ein Geheimnis. Geboren vonseiner Mutter Maria hat es Gott selbst zum Vater und ist darum aus seinem Innersten heraus so auf den Vater im Himmel bezogen, dass es ohne ihn nicht einmal gedacht werden kann. Damit öffnet uns Gott die Augen für die tiefste Wurzel unseres Menschseins: Das ist er selbst.

Von ihm kommen wir her. Denn er hat uns geschaffen, und zwar nach seinem Bild, auf das wir seine Kinder sind. Er hält uns mit seiner Handim Dasein. Auf ihn sind wir hingeordnet. Er ist das Ziel unseres Lebens. In ihm finden wir ewige Erfüllung, eine Erfüllung, die uns diese Welt nicht geben kann. Denn allein eine solche ist des Menschen angemessen. Gott will unser Leben mit sich selbst, mit der Fülle seines Lebens und Glücks erfüllen. Das ist der Sinn unseres Menschseins, von Gott erfüllt und dadurch ganz Mensch zu werden. Wir kommen von ihm her und gehen auf ihn zu und sind so auf ihn hin geordnet, so dass er geradezu in die Definition des Menschen hingehört. er Mensch ist das Wesen, das fähig ist, von Gotterfüllt zu werden. Würde man den Menschen von Gott abtrennen, so würde er von der Wurzel, aus der er lebt, abgeschnitten und im letzten verdorren.

Weihnachten bedeutet jedoch noch mehr. Denn dieses Kind, dessen Geburt wir heute feiern, ist ein Geschenk, ein Geschenk Gottes an uns. In diesem Geschenk schenkt er uns nicht etwas, sondern sich selbst, seine Liebe. Mit diesem Kind sagt uns Gott nicht nur mit Worten,sondern mit Händen greifbar, dass er uns liebt. Wir sind von Gott Geliebte. Das ist für unser Menschsein entscheidend. Das sagt etwas über unsere Würde als menschliche Person. Schon von einem Menschen geliebt zu sein, macht uns glücklich. Unser Leben wirkt dadurch wie verwandelt, so als ob das Leben neu begänne.

Mit dem Kind in der Krippe sagt Gott uns: Ich liebedich. Ich liebe dich so sehr, dass ich nicht nur zu dir gehören will, sondern dir gehöre und du mir gehören darfst. Das ist noch einmal mehr, als mit der Liebe eines Menschen beschenkt zu werden – so schön und beglückend dies auch immer sein mag. Durch seine Liebe will Gott unser Leben verwandeln, indem er unsere Einsamkeit mit seiner Gegenwart erfüllt, unser Versagen und unsere Schuld durch seine Vergebung und Barmherzigkeit tilgt und unsere Todesverfallenheit in sein ewiges Leben wandelt.

Von all dem spricht Weihnachten. Das alles macht die Freude von Weihnachten aus, die Gott uns mit der Geburt seines Sohnes bereitet. Und er lockt uns dadurch, liebend aus uns selbst herauszugehen auf ihn zu, um uns selbst in ihn hinein zu schenken, um so in ihm ganz Mensch zu werden. Und dann?

Dann wäre Weihnachten wirklich Weihnachten, eine Begegnung nämlich, die Weihnachten zu dem macht, was es sein will: Das Fest der Liebe schlechthin nämlich, der Liebe von Gott und Mensch sowie von Mensch und Gott. Amen.

Quelle: Erbistum Köln

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