Das historische Zeichen ist leider ausgeblieben

Originalquelle 12.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Keine Frage: Die Reaktion an den Aktienmärkten auf das Coronavirus ist heftiger ausgefallen als erwartet. Ein Beitrag von Michael Winkler.

In den vergangenen Tagen ist von vielen Marktexperten immer wieder gerätselt worden, ob und mit welchen Maßnahmen die EZB auf die Verwerfungen durch das Coronavirus reagieren wird. Das inzwischen erreichte Kursniveau in den weltweiten Aktien-Leitindizes preist eine Rezession ein. Zu Recht! Denn eine solche Rezession wird 2020 tatsächlich stattfinden. Wir befinden uns durch die Gleichzeitigkeit von Angebots- und Nachfrageschock in einer historischen Sondersituation. Und extrem ungewöhnliche Herausforderungen wie die aktuelle sollten eigentlich dazu führen, unkonventionelle Maßnahmen zumindest anzudenken. Der Kauf von Aktien im großen Stil durch die EZB wäre eine solche Maßnahme gewesen. Dies wäre ein wichtiges psychologisches Signal zur Beruhigung der Märkte gewesen, um die panikartigen Verkäufe zu beenden. Außerdem wären die nicht fundamental begründeten zusätzlichen Treiber für Kursrückgänge wie zum Beispiel Trendfolgesysteme als Faktor neutralisiert worden. Es ist schon richtig: Bisher hat es im Wesentlichen weltweit nur zwei weitere Notenbanken gegeben, die Aktien im großen Stil gekauft haben: Die Schweizer Nationalbank und die Bank of Japan. Und es gab bislang durchaus sehr gute Gründe für die EZB, diesem Beispiel nicht zu folgen. Die aktuelle Lage verändert aber die Rahmenbedingungen fundamental. Leider ist die Diskussion über Aktienkäufe jedoch offenbar auch diesmal im EZB-Rat noch nicht einmal geführt worden. Gerade angesichts des neuerlichen Kursrutsches zu Beginn des heutigen Tages wäre ein solches starkes Signal sehr wünschenswert und ein historisches Zeichen gewesen.

Die stattdessen heute von der EZB getroffenen Entscheidungen sind zwar fundamental berechtigt, angesichts der akut grassierenden Panik an den Aktienmärkten aber eher enttäuschend. Denn kurzfristig tragen weder die Erweiterung der Anleihekäufe noch das aufgestockte Kreditprogramm für Banken zu einer Beruhigung bei. Die wäre jetzt aber das Gebot der Stunde gewesen!

Davon abgesehen ist die Versorgung der Märkte, Banken und Unternehmen mit Liquidität natürlich elementar. Und diese Aufgabe kann die EZB in der Tat nicht alleine schultern. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten sind selbst gefragt, mit Konjunkturpaketen und Konjunkturhilfen ihre Volkswirtschaften zu stützen.

Keine Frage: Die Reaktion an den Aktienmärkten auf das Coronavirus ist heftiger ausgefallen als erwartet. Dazu tragen nicht unerheblich politische Entscheidungen wie der jetzt von US-Präsident Trump verhängte Einreisestopp bei. Das Coronavirus wird die Kapitalmärkte, Unternehmen und Staaten noch das gesamte Jahr über beschäftigen. Seine Bedeutung wird aber im weiteren Jahresverlauf abnehmen. Es wäre wichtig gewesen, wenn die EZB heute ein klares Zeichen zur Beruhigung gegen die Ausverkaufsstimmung an den Aktienmärkten gesetzt hätte. Das ist leider ausgeblieben. Anleger sollten sich dennoch von der grassierenden Panik nicht anstecken lassen, sondern die Krise je nach ihrer persönlichen Positionierung durchaus auch als Chance begreifen. Mit Discounterstrategien kann zum Beispiel die historisch hohe Volatilität kostengünstig zum Aufbau von Positionen genutzt werden. Und auch bestimmte Wertpapiere bieten wieder erste Einstiegsmöglichkeiten.

Michael Winkler, Leiter Anlagestrategie bei der St.Galler Kantonalbank Deutschland AG

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