Die Linke ist ein Traum der Rechten

von Oliver Weber25.11.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Muss man, soll man, kann man mit Rechten reden? Leo, Steinbeis und Zorn zeigen, wie es gehen kann, ohne dem Gegner in die Hände zu spielen.

»Seit der Wahl Donald Trumps, dem Brexit und dem Einzug der AfD in den Bundestag ist der Rechtspopulismus in der westlichen Welt auf dem Vormarsch. Globalisierung, Migration und Identität sind die Fragen, die seinen Erfolg entscheiden; Fake News und postfaktische Demagogie befördern ihn« – so hätte die Einleitung dieses Artikels beginnen und damit hundert anderen gleichen können. Der Satz und seine Assoziationen sind deswegen nicht falsch. Nur vielleicht handelt es sich um eine festgefahrene Perspektive. Er benennt sowohl Täter, als auch Tat und Ursachen um sie präzise vom Beklagenden zu scheiden. Eine Perspektive, die der Historiker Per Leo, der Jurist Maximilian Steinbeis und der Philosoph Daniel-Pascal Zorn mit ihrem Buch »Mit Rechten reden« für einen Moment aufzusprengen versuchen, um ihr eine ungekannte an die Seite zu stellen.

Doch wozu? Sind die Rechtspopulisten denn nicht die Täter, die das Dunkel der Nacht verwenden, um die liberalen Demokratien in völkische Mehrheitsdiktaturen zu verwandeln? Vielleicht sind sie das. Aber sie haben das Licht der aufklärenden Nachtscheinwerfer nicht selbst gekappt. Wir haben sie selbstvergessen ausgeschaltet.

Das Buch beginnt mit seiner Perspektivenöffnung an diesem Punkt, der präzis ein anderer ist, als der vergleichbarer Werke. Jene untersuchen die Genese des Rechtspopulismus oder seiner theoretischen Erscheinung, der Neuen Rechten, in historischer, ideengeschichtlicher, soziologischer, politischer, persönlicher oder ökonomischer Hinsicht. Was per se kein Fehler ist, denn sie alle haben ihre eigene Rechtfertigung. Doch sie sind eben das: nur bestimmte Hinsichten. Und gemein haben sie meistens eine Verlegung des Problems auf eine Seite, die zu bekämpfen deren legitimer Schluss ist. Was aber, wenn wir ein Problem mit der Rechten haben? Also: wir mit ihr – dieses Problem also mit dem Gegner teilen? Der Lösungsversuch für ein solches Problem müsste nicht nur an einem stärkeren Bekämpfen des Gegners ansetzen, sondern auch bei demjenigen selbst, der zu lösen versucht. »Worin unser Problem besteht, wer Verantwortung für seine Entstehung trägt und ob es lösbar erscheint« ist folglich das Anliegen des Buches.

Daher auch der Name des Buches: »Mit Rechten reden«. Der eben nicht lautet: »Nazi-Schlägerbanden prügeln«, »NSU-Terror stoppen« oder »Hakenkreuze entfernen«. Nicht weil diese Tätigkeiten nicht ebenso angebracht wären, sondern weil sie einen anderen Gegenstand haben: Rechtsextreme, gewaltbereite Milieus. Wären das allein »Die Rechten« , müsste man wohl die Budgets des Verfassungsschutzes und Bundesverfassungsgerichtes verfünffachen, aber all zuviel Denkarbeit wäre nicht gefordert. Das Problem ist, dass die Rechten, von denen das Buch handelt, und von denen nun eine große Anzahl auf deutschen Parlamentssesseln sitzt, so nicht bekämpft werden können. Das Problem, das wir mit ihnen teilen, ist ein »Beziehungsproblem«. Das heißt es äußert sich in dem Zu-Nutze-Machen der krisenhaften demokratischen Öffentlichkeit durch die Rechten, zugunsten gewalttätiger Politik. Und weil sich diese eigentümliche Beziehung zwischen grundgesetztreuen Nicht-Rechten und antipluralistischen Rechten eben vor allem in der Rede zeigt, muss jeder, der das Problem beseitigen will, beim Redeverhalten ansetzen. »Mit Rechten reden« ist deswegen kein Imperativ, sondern die Beschreibung dessen, was täglich medial verbreitet stattfindet, während die Linke Kommunikationsbereitschaft gen Rechts unter Allmachtsillusionen ablehnt.

Doch worin genau liegt dieses Problem? Es ist zugleich Schwäche und Stärke des Buches, dass es dieses Problem nicht genau benennt und erklärt. Schwäche deswegen, weil es damit Spekulationen, Dogmatismen und wütende Reaktionen hervorruft, die in dem Titel eine Kapitulation oder Anbiederung der liberalen Mitte an einen rechten Nationalismus sehen. Stärke deswegen, weil genau solche Reaktionen das Problem präzise in sich tragen. Das Problem zeigt ein »rechter Informant« (der den Rezensenten an Armin Mohler erinnert, was aber ein Irrtum sein kann) dem Leser auf. Das heißt: er zeigt es an sich selbst, statt es begründet aufzudröseln.

Zum einen in der Beschreibung eines wirren Theaterspiels, das den verräterischen Namen »Theatrum Sinistrae« trägt. In ihm erscheint die Hauptfigur, die Linke, als wohlgeordneter Koordinator von Opfern, Tätern und Reumütigen. Ihr Manko: Sie hat den Spiegel ihres Zimmers durch ein Portrait ihrer selbst ersetzt, kann also ihr eigenes Tun nicht mehr reflektieren und bleibt also in ihrem Spiel gefangen. Die Rechten schauen zu, begreifen die Vorhersehbarkeit und ergreifen die Chance: stürmen die Bühne, lassen Minderheiten aufeinander losgehen und die Linke selbst zum Schläger werden. Letztendlich steht die Rechte auch noch als Opfer da. Welch‘ geschickte Inszenierung!

Zum anderen erzählt der »rechte Informant« von einem Traum, der ihm am Sterbebett widerfuhr: Eine idyllische Gegend, bis zu dem Zeitpunkt als »plötzlich eine Lautsprecherdurchsage alles erklärt. Die Parlamentsarmee ist in der Stadt! Die Verfassungsfeinde werden ins Wäldchen deportiert! Bleiben Sie ruhig! Nur die Rechten müssen die Härte des Gesetzes fürchten!«. Der Traum fasst zusammen, was den Mythos der Rechten ausmacht, der sie trotz aller inneren Widersprüche zusammenhält: »Es ist der Mythos vom ewigen, unerlösten Opfer… Besessen von seiner Schönheit, Grausamkeit und vermeintlichen Ewigkeit, sind die Gefangene ihres eigenen Mythos seit hundert Jahren träumen sie ihn. Bei Tag und bei Nacht«.

Die Autoren fassen die Rechte als Kreisläufer, der mal diese, mal jene Position einnimmt, ein Sprachspiel spielt, das den Gegner aus der Reserve locken soll. Provokation, Empörung, Rückzug und Selbstviktimisierung: Sobald die demokratische Öffentlichkeit auf dieses Spiel konditioniert ist, vollzieht sie, was rechtes Denken im Innersten ausmacht: Relativismus und Dogmatismus, als zwei Seiten desselben polemischen Blattes, das sich »Realismus« nennt. »Unerbittlich schlagt ihr [die Rechten, Anm. d Rez.] mit eurem Hämmerlein auf die Moralsehne, und wenn das Empörungsschenkelchen dann brav zuckt, dann überzieht ihr den anderen mit eurem Hohn, weil dieser mit der gleichen Verlässlichkeit moralisch empfindet, mit der ihr euren Schweinebraten verdaut. Fuck your feelings, snowflake, sagt ihr dann, I’m just being what I am.«

Ihre Anerkennung in der Wählerschaft folgt auch (!) aus der gekonnten Setzung, Meinungen seien ja nur Meinungen und prinzipiell gleichwertig, weil die Welt eben so sei wie sie sei und bleiben müsse. »Ja« antwortet die Linke ohne es zu sagen, »aber Offenheit und Toleranz gelten eben weil wir das so wollen«.

Deswegen handelt es sich um ein Beziehungsproblem: die rechte Strategie kann ohne ihren Widerpart, der ihre Inhalte verteufelt aber ihre Struktur potenziert, nicht erfolgreich sein. Der Lösungsansatz von Leo, Steinbeis und Zorn ist, gerade wegen oder in seiner gekonnten literarischen Einkleidung, überzeugend: eine Herausforderung an das eigene Denken, die Strategie des Gegners mitzudenken, statt unbewusst zu kopieren. Die Strategie in der Rede offen zu legen – mittels gekonnt-geübten Nachfragen – ihr Vorschlag zur Güte. »tl;dr: Tristesse droite: Tertium datur.«

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