Deutsche Identität – ein Suchen ohne Finden?

von Oliver Weber16.11.2017Gesellschaft & Kultur, Medien

Wer sich auf die Suche nach der deutschen Identität begibt, muss sie verlieren. Nicht weil die Suche einem Hirngespinst nachjagt, sondern weil so etwas wie Einheit mit dem Beginn der Suche schon verloren war. Wie zwei sehnsuchtsvolle Augen, die einen Gegenstand erspähen wollen, den der bloße Blick zertrümmert. Das macht die Suche nicht wertlos. Nur ganz anders.

Dieter Borchmeyer nahm seine Leser jüngst mit auf eine sich über tausend Seiten erstreckende Abenteuerfahrt durch deutsche Gewässer – mit weiten weltbürgerlichen Landschaften und hohen nationalen Wellenschlägen. Wer möchte behaupten, aus ihr könne man nichts lernen? – Im Gegenteil. Die Fahrt ist reich an Wissen und birgt zahllose geistige Schätze. Gerade auch deswegen weil Borchmeyer Quelle und Mündung des Stromes nicht erreicht. Und wie man vermuten darf, auch nicht erreichen will.

Mit der Identitätssuche beginnt die Entzweiung von dem, was Identität hätte sein können. Statt den erwünschten Ursprung, finden wir mannigfaltige mögliche ›Ursprünge‹, die sich widerstreiten, ergänzen, im Laufe der Zeit umkehren, dann neu beginnen, sich und die Welt ganz anders auslegen, den Schritt nach Vorne wagen, stolpern und hie und da den Stillstand loben können. Aber vor allem findet man sich selbst in der Suche wieder. Denn die Suche und das Gefundene, beides, ist immer schon ein von mir vorgefundenes. Was ich damit und mit mir anstellen werde liegt daher in meinen Händen. Deswegen ist in der Suche nach Einheit eine unüberbrückbare Differenz angelegt zwischen dem Gegenstand, der gesucht wird, und mir, der ihn sucht. Auch wenn ich deutsches finden werde, ich bin es deswegen noch nicht und muss es auch nicht sein. Insofern produziert allein die Frage nach deutscher Identität eine Fülle an Pluralität, die nicht gewollt war. Schließlich gründet auch der Zweifel in dieser zertörten Einheit: Ist das Gefundene auch ein Gutes? Ein Schönes? Passt es zu mir und meiner Zeit?

Ich kann die Suche übergehen, leugnen, um mich mit meinem Gegenstand zu identifizieren. Ja, ich kann im wahrsten Sinn des Wortes behaupten: »Ich bin es selbst, diese Identität, die ich gefunden habe«. Aber jeder der aufmerksam zuhört, wird die ironische Distanz raushören und sie feststellen können. Deswegen ist Flucht ein übliches Strukturmoment in Identitätsdebatten. Sichere Häfen gibt es zur Genüge: Tautologien (»unsere Identität ist objektiv die der Deutschen als Deutsche«), Dogmatismen (»Nur das ist deutsch«) und Trivialitäten aller Art. Sie leugnen das Eigene in der Suche nach dem, was »deutsch« hätte sein können, um es festzulegen, zu bestimmen. Und insofern das Leugnen politisch wird, auch um es aufzuzwingen.

Das muss aber nicht das Ende dieser Debatten sein. Hier kann ein fruchtbarer Anfang liegen, der darin besteht, die Entzweiung ernst zu nehmen, die immer vorgefunden wird. Der Ursprung einer – gerade nationalen – Identität bleibt immer verborgen. Stattdessen finden wir eine Vielzahl möglicher ›Ursprünge‹, Eigenarten, Besonderheiten, Schätze und Gräueltaten vor. Behalten wir sie, als das was sie sind. Erforschen wir sie, lasst uns über sie reden. Aber sie sind nie die deutsche Identität. Auch wenn wir manche von ihnen mehr schätzen als andere, es sind wir die sie schätzen und niemand muss unsere Wertschätzung teilen, nur weil wir sie aufwendig in der Vergangenheit gesucht und gefunden haben. Ihnen fehlt das Sollen, das Warum, der Grund ihrer Bedeutung für unsere Zukunft. Das ist kein Grund zur Resignation. Wenn wir diesen Umstand erkennen, sehen wir auch, werein solches Warum begründen kann. Weil wir diesen Ursprung suchten, sind es auch wir, die über seine Geltung und Macht entscheiden. Das Fehlen an Einheit ist kein Mangel, sondern eine Möglichkeit die sich uns bietet, die wir in Freiheit ergreifen können.

Rudolf Borchardt schrieb im Entwurf eines Briefes an Hugo und Wilhelmine Schäfer im März 1935: »Aber das Vaterland ist nicht nur unsere Mutter. Es ist auch unser Kind…« Darin könnte eine Wendung liegen, die unsere nationalen Identitätsdebatten, auch die derjenigen, die in ihnen ein Unheil sehen, von ihrer paradoxen Versessenheit befreit: In unserem Herkommen gründet unser Dasein als politische Gesellschaft, aber damit muss es nicht enden. Das Vaterland ist auch unser Kind. Wir legen es aus, bestimmen es, schaffen es – und wenn man so will: erziehen es. Der Fundus unserer Ursprünge wird behilflich sein für den Fortgang der Zeit, aber er hat ihn nicht in der Hand. Wir sind es. Wir, die gerade da sind, versammelt hier und jetzt, als politische Gesellschaft. Und die Bedingung der Möglichkeit dieses Beisammen-Seins ist unsere Verfassung. Mit ihr schiffern wir immer weiter entlang des Stroms, blicken sehnsüchtig zurück, ehrgeizig nach vorn; nie aber sehen wir die Quelle oder die Mündung. Darin liegt kein Ende, sondern der Anfang.

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