Die linke Jugend muss erwachsen werden!

von Oliver Weber4.08.2016Gesellschaft & Kultur

Linkssein zählt in der Jugend immer noch zum guten Ton. Doch manchmal ist es an der Zeit, erwachsen zu werden.

Manchmal glaube ich, Linkssein ist in Jugendjahren eine Art Reflex. Man wird in eine fremde Welt geworfen und ihre Schlechtigkeit au fond bekommt man als durch und durch medialisierter Mensch von Anfang an vor die Nase gesetzt. Hungernde Kinder im Afrika, von Hartz-IV-Armut geplagte deutsche Familien und Kriege allerorten, wer damit aufwächst, der kann nur wegsehen, oder links werden. Denn wer möchte schon, dass alles so bleibt wie es ist und immer war? Wer möchte schon bewahren, wo weit und breit nur Leid und Not zu sehen sind? Noch hinzu kommt, dass Erziehung, Tradition, Sitten, Religion kaum eine Rolle spielen. Diese, bei Linken immer noch unbeliebte Menschheitsbegriffe, stehen für das Ältere, das Hergebrachte, für das, was die Eltern ihrem Kind vergeblich eintrichtern wollen. Kein Wunder, dass sie eher einen schlechten Ruf genießen.

Gegen die Autorität

Und so kommt es, dass die Jugend, soweit sie überhaupt irgendetwas ist, sich überwiegend auf der linken Seite des politischen Spektrums verortet. Sich progressiv nennen, Fundamentalkritik üben, Autoritäten anzweifeln – ach: verhöhnen -, protestieren, aufklären immer und überall, Antifaschist und Antikapitalist sein, von einer besseren Welt träumen; all diese Dinge gehören in jungen Jahren einfach dazu. Man möchte verändern, ausbrechen, verbessern. Und geht in seinem revolutionären Geist über alles Tradierte hinweg, als hätte es keine Bedeutung, als sei es weder von Wert, noch eines einzigen konservativen Gedankens würdig. Die Veränderung wird zum Selbstzweck, das Neue nolens volens zum visionären Lebensziel. Marktwirtschaft und Eigentum? Weg damit! Kirche und Tradition? Hinfort! Nation und Kultur? Wer braucht das schon? Auf jede Werte- und „Das-haben-wir-immer-schon-so-gemacht”-Beschwörung reagiert der Linke mit pawlowschen Reflexen. Stattdessen: Kommunismus? Machen wir! Multikulti? Versteht sich doch von selbst! Die erträumte neue Welt wird für den Linken zu einem größeren heilsgeschichtlichen Sehnsuchtsort, als das heilige Land für den Abendländer in seinen konservativsten Zeiten je sein konnte.

So schlimm ist der Kapitalismus dann doch nicht

Je mehr das eigene Leben voranschreitet, desto eher gewinnt die Skepsis Raum in der eigenen schön-linken dogmatischen Welt. Ist das Privateigentum vielleicht aus historischer Sicht eher ein zivilisierender Faktor, als die Wurzel allen Übels? Wie soll die Knappheit der Güter in einer verplanwirtschaftlichen Nationalökonomie gemessen werden, wie sollen Anreize für Investitionen, Gründungen, Produktivität entstehen? Liegt in der quasi-religiösen Theorie des Marxismus, der alles Arbeiten, alles Leben, ja sogar alles Historische zu kennen und zu bestimmen meint, bereits sein totalitärer Kern? Muss, wer vom neuen sozialistischen Menschen träumt, nicht schon zwangsweise Umerziehungslager bauen? Wer diese Fragen stellt, zeigt erste Anzeichen von persönlicher Restauration, der entdeckt den alten Metternich in sich. Vielleicht ist der Kapitalismus doch gar nicht so übel und das Elend der dritten Welt sowie der Abgehängten in unseren Breiten entsteht durch Korruption, Oligarchie, fehlende Infrastruktur, kaputte Institutionen und fehlende Bildung. Gründe gibt es viele – auch viele die dringend beseitigt werden müssen -, doch die Marktwirtschaft gehört wohl nicht dazu, sie hat, im Gegenteil, seit dem 19. Jahrhundert eine enorme Wohlstandsexpansion zu verantworten.

Auch in kultureller Hinsicht wachsen Zweifel. Vielleicht ist die Religion, in alter marx’scher Manier, gar nicht das „Opium des Volkes”, sondern gibt Halt und stiftet Sinn, gerade in wirren Zeiten. Ja, es gibt sogar Grund zu der Annahme, der Mensch braucht wie eh und je „metaphysisches Obdach“ (Heidegger), das der Linke seit jeher von innen her einzureißen versucht.Vielleicht gilt es auch Abstand zu nehmen von der Sicht, Nation und Nationalstaat seien überholte Realitäten, wie die „Star-Trek-Kommunistin” Laura Meschede vor kurzem bei ZEIT Online verkündete. Sie war sich dessen so sicher, weil der israelische Historiker Yuval Noah von der „Wandelbarkeit” des menschlichen Daseins sprach und deswegen, so die Logik, müsse man doch auch einfach einen Weltstaat bauen können. Dass es schon Jahrhunderte und Millionen von Menschenleben gekostet hat aus absolutistischen Kleinsaaten politische Großkörper namens Nationen zu formen, fällt in der linken Träumerei mal eben unter den Tisch. Und nun wird eben einfach mal Supranationalität und One-Earth-Menschelei gepredigt, ob das machbar, möglich, wünschenswert ist, bleibt bis auf weiteres ungeklärt, ja im idealistischen Wahn werden skeptische Fragen, die den linearen Progressivismus in Frage stellen, sogar durchweg ignoriert.

Tradition und Sittengesetz, die natürlichen Feinde linken Denkens, sind ähnlicher Ignoranz ausgesetzt – als seien sie beliebig wählbare Konstrukte, statt das das innere Band einer Gesellschaft, das alles zusammenhält. Wer in bester robespierres’scher Tradition den In-die-Welt-Geworfenen fallbeilartig von seiner Herkunft trennt, der gefährdet Zusammenhalt und gemeinschaftliche Solidarität, also auch genau jene Werte, die der Linke für ureigenes Gedankengut hält.

Soldat und Polizei, in linken Kreisen gerne als „Mörder” und „Bullen” beschimpft, sorgen nicht nur für Recht und Ordnung – im Übrigen auch, wenn Nazis Flüchtlingsheime anzünden wollen -, sondern beschützen auch die Demokratie und Menschenrechte dieses Landes nach außen hin. Gottlob es gibt noch solch ehrenwehrte Mitbürger, es wäre schlimm, es sähe anders aus.
Und die Ästhetik, ach, auch hier fällt es schwer ein Linker zu bleiben. Wer sich noch ein schöngeistiges Bewusstsein bewahrt und schon einmal einen „gegenderten” Text gelesen hat, der kann auf derartige Sotissen nur allergisch reagieren. Sternchen, Unterstriche und Binnen-Is in Texten? Man stelle sich einmal vor Goethe, Schiller, Storm, Heine, Kafka oder Thomas Mann hätten so geschrieben, kein Ausländer käme heute noch auf die Idee, uns „Kulturnation” zu nennen.

Alles in allem passt das Klischee, jung und links gehörten untrennbar zusammen, immer noch. In der Pubertät möchte man alles anders machen, alles verändern, ringt mit Autoritäten jeder Art, ob Schule, Polizei oder Eltern. Es gehört allerdings auch zur Wahrheit, dass einem, ist der Erwachsenenzustand einmal erreicht, die eigenen pubertären Aufwallungen der letzten Jahre eher peinlich sind. So oder so ähnlich ergeht es auch einem Ex-Linken, hat er mit seinem Revoluzzerdasein abgeschlossen.

_Der Autor vertritt diese Position heute nicht mehr!_

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