Weihnachtsmarktbetreiber schreiben einen Brandbrief an Karl Lauterbach | The European

„Diese Familien haben Angst, Herr Lauterbach“

Oliver Stock20.11.2021Medien, Politik

Weihnachtsmarktbetreiber schreiben einen Brandbrief an Karl Lauterbach. Die Budenbesitzer sehen sich nach zwei Jahren „Berufsverbot“ ruiniert. Die reihenweisne Absagen der Weihnachtsmärkte, nach einer entsprechenden Aufforderung des Gesundheitspolitikers, mache jede Hoffnung zunichte. Jetzt soll der Staat die Coronahilfen für die Schausteller verlängern. Von Oliver Stock.

Karl Lauterbach gibt Interview im Bundestag, Foto: IMAGO / Christian Spicker

Plettenberg-Holthausen liegt im Märkischen Kreis. Und der wiederum liegt in Nordrhein-Westfalen etwas hinten rechts. Die 3985 Menschen, die hier laut jüngster Zählung wohnen, erhielten diese Woche eine betrübliche Nachricht: Das beliebte Adventssingen der Elsetaler Vereine fällt aus. Besonders bitter: Damit wird auch der traditionelle Besuch des Nikolauses entfallen, der stets im Rahmen dieser Veranstaltung mit der Feuerwehr-Drehleiter hinab geschwebt war. Die Entscheidung habe die Interessengemeinschaft aller Elsetaler Vereine schweren Herzens getroffen. Die steigenden Coronazahlen lassen die Erdenfahrt des Nikolaus, bei der unzählige Menschen dicht an dicht stehen, nicht zu, heißt es von der Gemeinde.

Weihnachtsmärkte gehören zur Vorfreude auf Heiligabend, wie das Meer zum Sommer und der Kutter zur Scholle. Doch nun fallen sie reihenweise aus: Plettenberg-Holthausen, Solingen, Erfurt, München. Wo die gerade erste zusammengenagelten Bretterbuden nicht schon wieder abgerissen werden, bereiten sich Veranstalter und Besucher auf strenge Regeln vor, die nicht zu Glühwein-Feeling und gerösteten Mandeln taugen. 2G und Maskenpflicht, Kontrollen und Schnelltest vor der Zuckerwatte – all das führt gerade zur stillen Kapitulation der Weihnachtsmärkte. Es ist ein schwerer Schlag für die ohnehin gebeutelten Schausteller.

Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) begründet die Absage mit der „katastrophalen Situation“ in den Kliniken und den „exponentiell steigenden Infektionszahlen“. Auf dem engen, schwer abgrenzbaren Gelände vor dem Rathaus könnten Zugangskontrollen nicht überwacht werden. Kein Verständnis für die späte Absage fünf Tage vor Beginn haben die Budenbetreiber, die längst Süßes eingekauft und Verträge mit dem Standpersonal abgeschlossen haben. Sie seien „absolut geschockt“, heißt es aus ihren Reihen.

Markus Kaiser ist Inhaber vom „Mandelhans”. Seit rund 65 Jahren verkauft der Familienbetrieb gebrannte Mandeln oder überzogene Äpfel auf der Wiesn, der Auer Dult und dem Münchner Christkindlmarkt. Wie viele andere Budenbesitzer hat auch er mit großer Anspannung auf die Entscheidung gewartet, ob der Christkindlmarkt wie geplant stattfindet, berichtet er dem Bayerischen Rundfunk: „Jeden Tag hoffen und bangen, viele schlaflose Nächte.“ Dann die Gewissheit: Nach der wiederholten Absage des Oktoberfestes fällt eine weitere wichtige Einnahmequelle weg. „Unsere Branche ist auf sich alleine gestellt und ohne nennenswerte Einnahmen“, klagt er nun.

Reiter hat einen finanziellen Ausgleich für die Schausteller und Budenbetreiber angekündigt. Doch die Schausteller beruhigt das nicht mehr. Ihr Verbandspräsident Albert Ritter hat jetzt einen Brandbrief an den prominenten SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach geschrieben, der öffentlich gesagt hatte: „Jeder Weihnachtsmarkt, der nicht durchgeführt wird, ist ein guter Weihnachtsmarkt.“ „Ein solcher Satz“, schreibt Ritter, „ist ein Schlag ins Gesicht derer, die im Vertrauen auf die politischen Aussagen der vergangenen Monate, es werde keine Schließungen und keine Lockdowns mehr geben, in diesen Tagen diese Märkte aufbauen.“ Seine Mitglieder, alles Familienbetriebe, seien seit fast zwei Jahren mit einem Berufsverbot belegt und finanziell am Ende. Altersrückstellungen seien aufgebraucht, Lebensversicherungen gekündigt, Konten überzogen. Mit einem enormen Kraftakt haben diese Familien jetzt noch ihre Geschäfte aufgebaut, Personal eingestellt, Waren ins Lager gelegt und Standmieten gezahlt. „Diese Familien haben Angst, es geht um ihre Zukunft.“ Jeder, der über Wohl und Wehe der Weihnachtsmärkte entscheide, möge im gleichen Atemzug auch sagen, wie diese Existenzen gerettet werden, fordert der Schausteller-Chef. Patrick Arens, Vorsitzender des Schaustellervereins Rote Erde in Dortmund ist nicht ganz so fein in seiner Wortwahl. Lauterbach sei arrogant und von seiner Medienpräsenz besoffen, geht er den SPD-Politiker persönlich an.

Entsetzt ist auch die „Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft“. Die Lobbyisten des mit 81Milliarden Euro Umsatz sechstgrößten deutschen Wirtschaftszweigs verlangen ein „Investitionsprogramm für Neustart und Ausfallkosten“. Sie haben eine Umfrage unter 1000 Mitgliedern gemacht, die allein auf knapp 100 Millionen Euro an Umsatzverlusten kommen. 240 000 Betriebe seien „akut existenzgefährdet“. Eine Stornowelle erschüttere die Branche. Unterdessen, und das kritisieren die Betroffenen besonders, laufen Wirtschaftshilfen und Kurzarbeit zum Jahreswechsel oder im Frühling aus. An die Verhandler zur neuen Regierungskoalition stellen sie deswegen die Forderung: Nach dem Vorbild des Beauftragten für Tourismus und Mittelstand soll es einen Verantwortlichen in der neuen Regierung geben, der sich um die Belange der Veranstalter kümmert.

In Plettenberg-Holthausen hebt das die Stimmung auch nicht mehr. Die Feuerwehr der Löschgruppe Holthausen hatte schon die Fackeln bestellt, um wieder Spalier zu stehen, wenn der Nikolaus mit der Drehleiter vom Himmel herabschwebt. Sie werden wahrscheinlich bis zum nächsten Jahr eingemottet.

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