Was wäre gewesen, wenn Söder und Habeck im Rennen wären? | The European

Habeck contra Söder - Der Name Baerbock fiel kein einziges Mal

Oliver Stock29.08.2021Medien, Politik

Robert Habeck und Markus Söder wären gerne Kanzlerkandidaten geworden. Im Streitgespräch konnten sie sich jetzt beweisen. Beim Duell fiel der Name Annalena Baerbock ein einziges Mal. “Die einzig wahre Wahlkampfdebatte” von t-online, “Spiegel” und Vice sollte Inhalte in den Vordergrund rücken.

FOTOMONTAGE-Themenbild Bundestagswahl 2021. Alles kann-nichts muss-Im Falle einer Kanzlerkandidatur von Markus Söder (Ministerpräsident Bayern und CSU Vorsitzender) und Robert Habeck (Buendnis90/Die Gruenen) könnte es zum grossen Showdown der beiden Parteivorsitzenden am 26.September kommen, Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Wieder ist eine Woche vorüber, in der der Wahlkampf nicht in Fahrt gekommen ist. Die Spitzenkandidaten von Union und Grünen laufen einfach nicht zur Form auf. Was wäre gewesen, wenn an ihrer Stelle Markus Söder und Robert Habeck im Rennen wären? In Umfragen liegen sie derzeit deutlich vor den Kanzlerkandidaten ihrer Parteien. Hiervon träumt Deutschland.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Träumen wir von dem, was nicht passiert ist: Die Union hat nicht Markus Söder aufgestellt und die Grünen haben nicht Robert Habeck zu ihrem Kanzlerkandidaten gewählt. Die einen verlassen sich stattdessen auf einen Armin Laschet, der seinen Vorsprung im Formel-Eins-Tempo verspielt. Und die anderen kürten Annalena Baerbock, von der sie erst hinterher merkten, dass sie selbst nicht so genau wussten, wer das ist.

Halten wir also einen Augenblick inne und nähern uns dem Dreamteam Söder/Habeck. Diesem kernigen Bayern und diesem zersausten Schleswig-Holsteiner, der eine steigt gleichsam aus den Bergen zu uns herunter, der andere kommt direkt von der rauen See. Das Team würde ein Deutschland repräsentieren, das von seinen Polen her gedacht wird und nicht von seiner schwerfälligen Mitte wie es die Niedersächsin Baerbock und der Rheinländer Laschet verkörpern. Und wir wissen, Pole ziehen an, zur Mitte hin lässt die Anziehungskraft nach. Zu den Polen unternehmen wir Expeditionen, die Mitte überrennen wir manchmal achtlos.

Wir könnten uns über Söder ärgern oder uns an ihm erfreuen, je nachdem – er böte jedenfalls Reibefläche. Zu Konflikten wie in Afghanistan hätte ein Kanzlerkandidat Söder vielleicht das gesagt, was er schon mal von sich gab: „Natürlich kann jeder, der zu uns kommt und sich zu unseren Werten bekennt, dabei sein. Aber klar ist auch, dass wir CSU und nicht MSU heißen. Das christliche Menschenbild steht im Vordergrund. Die CSU sollte nicht den Eindruck erwecken, als wäre sie die Sammlungsbewegung für Muslime.“ Das wäre etwas klarer gewesen als das orakelige „Die Zustände von 2015 dürfen sich nicht wiederholen“, das Laschet jetzt eingefallen ist. Erfrischend klar auch Söders aktuelle Analyse über die pandemische Lage: „Wer geimpft ist, stellt keine Gefahr dar, deshalb muss man ihm verfassungsrechtlich zwingend die Grundrechte zurückgeben.” Die Pandemie, so stellt er fest, sei inzwischen eine „der Ungeimpften”. Laschet dagegen verharrt im „geimpft, genesen, gestestet-Modus“, der nun wirklich allen, die geimpft sind und tägliche Tests über sich ergehen lassen müssen, zum Hals raushängt. Söder ist der Mann der klaren Worte, der auch Bäume umarmen, Bienen streicheln und die Klimaneutralität für sein Bundesland schon früher versprechen kann als andere. Er beweist damit Anschlussfähigkeit.

Und das, was ihm vielleicht in seiner pragmatischen Art an intellektuellem Überbau fehlte, das hätte der promivierte Philosoph Robert Habeck ohne weiteres liefern können. Er ist es, der die Bücher schreibt, die die Anleitung zu dem sein könnten, was Söder dann ganz pragmatisch umsetzt. „Ruf der Wölfe“ heißt eines davon, aber das ist ein Kinderbuch und hier gar nicht gemeint. „Von hier aus anders“, steht über Habecks jüngstem Werk, in dem er Gründe für Verunsicherungen sucht, die am Ende zu Autoritätsgläubigkeit und ganz und gar unliberalen Denkweisen führen. Söder hätte sozusagen mit seinem Habeck im Schrank eine Art Manifest für ein Koalitionsvertrag gehabt und ganz nebenbei gewusst, wo für ihn die Fettnäpfchen lauern.

Und jedem, den Habeck zu luftig ist, dem hätte der sagen können: Seht her, ich war Minister und sogar stellvertretender Ministerpräsident im schönsten Bundesland Deutschlands. Söder hätte dann hineingegrätscht und gesagt, dass da schon er regiere und dann hätten sich beide in die Augen geschaut wie Westernhelden am Anfang des Films. Sie hätten gewusst, dass sie vor der Wahl politische Feinde, danach aber politische Partner sein können. Sie wären die alten Hasen im Politgeschäft gewesen. Es wäre nicht so wie bei Annalena Baerbock gewesen, die selbst mit viel guten Willen keine Regierungs- oder Managementerfahrung in ihrem Lebenslauf unterbringen konnte. Habeck redet klar, wenn er zum Klimawandel sagt: „Wir reden einzig und allein darüber, dass die Erderwärmung so verlangsamt und so eingebremst wird, dass wir uns als Menschen anpassen können, dass wir in der Lage sind, unsere Städte, unser Leben so zu schützen, dass wir nicht katastrophale Zustände erleben.” Das klingt nach Windmühlen und Deiche bauen, und auf jeden Fall pragmatischer als dieser Satz aus Baerbocks Repertoire zum gleichen Thema: „Eine starke Klimaschutzpolitik muss immer mit einer starken Sozialpolitik einhergehen.”

Was Söder und Habeck voneinander halten, ist auch schon bekannt, sogar bevor sie wie an diesem Wochenende wieder einmal öffentlich in der sogenannten „Einzig wahren Wahlkampfdebatte“ aufeinandertreffen: Habeck findet, dass der bayerische Ministerpräsident einem Kamel gleicht, so hat er es mal in der Corona- Krise gesagt. „Für alle, die jetzt Regierungsverantwortung tragen, ist diese Krise ein langer Weg durch die Wüste, der viel Kondition und Zähigkeit erfordert.” Auf Söders Einspruch hin, so etwas habe sich nicht einmal Horst Seehofer zu sagen getraut, entgegnete Habeck: „Besser Kamel als Gorilla.“ Im Gegenzug erkannte Söder den „anderen, philosophischen Blick auf die Politik”, den Habeck habe, positiv an. „Das kann den Diskurs erweitern und Menschen auch wieder für Politik begeistern.“ Verzückt dürfte Söder übrigens sein, vom jüngsten Video der Grünen, das zum urdeutschen Volkslied „Kein schöner Land“ einen neuen grünen Text reimt. Soviel Patriotismus war selten im grünen Lager. Söder wäre so eine Idee zu gerne selbst eingefallen.

Nun ist es anders gekommen. Es heißt: Aufwachen. Laschet und Baerbock liefern die tägliche Reality-Schau. Aber, man wird ja mal träumen dürfen.

Der Beitrag erschien zuerst auf The European am 26. August 2021

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