Ungenaue Coronazahlen? Dieses Unternehmen macht es besser als das RKI | The European

Corona-Zahlen: Startup misst genauer als Robert-Koch-Institut

Oliver Stock7.01.2022Medien, Wirtschaft

Die Corona-Fallzahlen sind Grundlage für alle Entscheidungen zu Einschränkungen oder Lockerungen im täglichen Leben. Doch sie sind so ungenau, dass Politiker wie Gesundheitsminister Karl Lauterbach von „Blindflug“ sprechen. Ein kleines Startup aus Karlsruhe macht vor, wie es besser geht. Von Oliver Stock.

Chef des Robert-Koch-Institutes, Lothar Wieler, Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Während die offiziellen Corona-Fall-Zahlen nur mit Vorsicht zu gebrauchen sind, hat sich ein kleines Startup aus Karlsruhe inzwischen zu einem weitaus zuverlässigeren Zahlenlieferanten entwickelt, als das staatliche Robert-Koch-Institut (RKI): Risklayer, eine Ausgründung der Universität Karlsruhe, in der ganze fünf Geophysiker, Datenanalysten und Programmierer fest beschäftigt sind, beobachtet die Entwicklung der Pandemie genau und liefert Daten in Echtzeit, die das Infektionsgeschehen oft deutlich präziser abbilden als das RKI.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte mit Blick auf die Zahlen von einem „Blindflug“ gesprochen; durch Testausfälle und Meldeverzögerungen hätte sich eine unübersichtliche Lage zusammengebraut. Zudem würden in der Ferienzeit nicht alle Gesundheitsämter vor Ort und die ihnen übergeordneten Landesämter ihre Zahlen weiterleiten. Das Problem, das sich über Feiertage, Wochenenden und während der Ferien jeweils verschärft, ist seit Beginn der Pandemie bekannt, abgestellt ist es von offizieller Seite bis heute nicht. Zahlen bilden allerdings die Grundlage für alle Entscheidungen, wie es weitergehen soll. Mit ihnen werden Einschränkungen und Lockerungen begründet. Nachbarländer wie Großbritannien oder Frankreich erleben wegen der Omikron-Variante seit Wochen hohe Infektionswellen. Im Vergleich dazu liegen die deutschen Zahlen niedriger, der Grund dürften schlicht unzuverlässige Zahlen sein.

Hier setzt Risklayer an. Andreas Schäfer, Geophysiker und Technologie-Chef des Startups, das er gern als „ThinkTank“ bezeichnet, berichtet von der Scraping-Methode, womit das Sammeln von Informationen durch gezieltes und automatisiertes Abgreifen von Daten von Websites gemeint ist. Auf diese Weise werden mehr als 5000 Datenquellen analysiert. „Wir sind damit nicht auf die Meldekette angewiesen“, sagt Schäfer. Die sieht idealerweise so aus: Ein Betroffener meldet seine Infektion dem lokalen Gesundheitsamt, das den Fall noch am selben Tag an das Landesamt weiterleitet, das wiederum das RKI informiert. Das RKI berücksichtigt all diese Zahlen in einer bundesweiten Statistik, die es am Folgetag veröffentlicht.

Der Idealfall ist jedoch der Ausnahmefall. Es dauert oft länger, bis Infektionszahlen aus einzelnen Städten und Landkreisen das RKI erreichen – wodurch die offiziellen Zahlen stark schwanken. An diesem Mittwoch zum Beispiel sind rund 60 000 offizielle Fälle hinzugekommen, eine große Anzahl bei rund 215 000 Gesamtfällen in den letzten sieben Tagen. Das spricht für eine starke Ausbreitung – oder für viele Nachmeldungen, keine weiß es so genau. Regelmäßig passiert es, dass am Samstag noch nicht alle Ämter ihre Daten übermittelt haben, weswegen das RKI sonntags stets harmlosere Zahlen bekannt gibt, als zum Beispiel dienstags.

Das Risklayer-Team ist aus dem Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie der General Sir John Monash Foundation in Australien hervorgegangen. Die Mitarbeiter von Risklayer sind im Austausch mit internationalen Datenforschern verschiedener Universitäten, die es Risklayer ermöglichen, auf dem neuesten Stand wissenschaftlicher und technischer Lösungen zu bleiben. Die Corona-Daten-Forschung betreiben sie unentgeltlich, ansonsten finanziert sich das Startup bis auf wenige Spenden vor allem aus öffentlichen Forschungsprojekten. Darin geht es beispielsweise um die Einschätzung von Risiken für Touristen in bestimmten Ländern, Städten und Hotels, ein anderes Projekt beschäftigt sich mit der Minimierung von Risiken von Weinbauern durch Unwetter, die die Ernte vernichten können.

Die Risklayer GmbH sammelt gemeinsam mit CEDIM, einem interdisziplinären Zentrum für Katastrophenforschung, Daten zur Corona-Pandemie direkt von den lokalen Behörden und hat eine Datenbank aufgebaut. „Unser Ziel ist es, einen Überblick über die Zahl der mit dem Corona-Virus Infizierten im Vergleich zur Einwohnerzahl in jedem Bezirk zu geben“, sagt James Daniell, Wissenschaftler am KIT und Mitgründer von Risklayer.

Das Team hat außerdem eine Crowd-Sourcing-Initiative gestartet, um mit Hilfe vieler Freiwilliger aus Deutschland die neuesten Daten zu sammeln. Ein Dutzend Datenspezialisten überprüft die eingehenden Informationen. Neben der Zahl der Coronavirus-Fälle wertet das Unternehmen auch demografische Informationen wie die Einwohnerzahl, die Gesundheitskapazitäten wie die Zahl der Krankenhausbetten in jedem Bezirk und die Altersstruktur der betroffenen Bevölkerung aus. „Je genauer wir Risikozonen identifizieren, desto besser können wir uns schützen”, sagt Schäfer. Zudem ist es möglich, auf Basis der ausgewerteten Informationen Trends zu beobachten und damit Einschätzungen für die Zukunft zu treffen.

Das Startup sorgt inzwischen für internationale Aufmerksamkeit. „Ein kleines privates Projekt liefert präzisere Daten als das RKI mit einem Jahresbudget von 133 Millionen Euro“, stellt etwa die Neue Zürcher Zeitung nüchtern fest. Eine offizielle Zusammenarbeit mit Ministerium oder RKI gebe es bisher nicht, sagt Schäfer. Allerdings habe er festgestellt, dass sowohl ehemalige wie aktuelle Minister dem Twitteraccount des Startups folgten.

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