So bekommen wir die Energiepreise in den Griff | The European

So bekommen wir die Energiepreise in den Griff

Oliver Stock15.03.2022Medien, Wirtschaft

Steuersenkungen, Subventionen, Gutscheine: Die Diskussion um ein Gegenmittel gegen die hohen Energiepreise ist in vollem Gange und vieles geht durcheinander. Wenn wir uns jedoch fünf Punkte stellen, lässt sich das Durcheinander lichten.

Energiepreise

Leere Zapfsäulen: Die Energiepreise machen Kunden wie Tankstellen gleichermaßen zu schaffen. (Foto: Shutterstock).

Von Oliver Stock / WirtschaftsKurier

Es ist ein psychologischer Effekt: Nach einem unvorhergesehenen Ereignis herrscht ängstliches Durcheinander. Jeder braucht Zeit, sich zu sortieren. Die durch den Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland über jedes Maß hinausgeschossenen Energiepreise sind ein solches unvorhergesehenes Ereignis. Sie führen zu Angst: Angst bei energieintensiven Unternehmen in der Chemie und Montanindustrie, die nicht wissen, wie sie die Preise bezahlen sollen. Angst bei den Spediteuren, die bei jeder Fuhre draufzahlen, Angst bei den Händlern, weil die Regale leer bleiben, wenn die Lastwagen wegbleiben, Angst bei den Energieversorgern, die nicht wissen, wie sie den Preis, den sie ihren Kunden garantiert haben, noch anbieten sollen, ohne selbst in die Pleite zu rutschen. Und Angst bei all denen, die aufs Auto angewiesen sind, weil es keine machbare Alternative gibt.

In der Politik, wo eben noch alles auf Energiewende gepolt war, führen diese Ängste zum derzeitigen Durcheinander: Tankgutscheine, Steuersenkungen, Anzapfen von Reserven – alle möglichen Vorschläge machen die Runde. Tatsächlich ist es Zeit, das was Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zu Aufrüstung und Nato gesagt haben, auch auf die Energiepolitik anzuwenden: Auch dort gibt es jetzt eine Zeitenwende. Und die führt zu einer Abkehr von der Energiewende, wie wir sie uns bisher vorgestellt haben.

Fünf Punkte sind es, die sich ändern, die von der Politik vorangetrieben und von den Menschen und Unternehmen in Deutschland akzeptiert werden müssen:

Erstens: Schneller wenden

 Die Wende von der Wende bedeutet nicht den Ausstieg aus der Energiewende, sondern eine Beschleunigung. Das was die Ampelregierung mit Blick auf eine CO2-Neutralität bis 2035 vorhatte, muss sich jetzt von ihr mit Blick auf die gefährliche Abhängigkeit von russischer Energie noch schneller vorangetrieben werden. Deutschland muss unabhängiger werden von Energielieferungen, an denen andere nach Lust und Laune herummanipulieren können. Das gilt für alle Lieferquellen: arabisches Öl genauso wie amerikanisches Gas.

Zweitens: Atomstrom ist okay

Es nützt nichts, den Ausstieg aus der Kernkraft zu bedauern. Deutschland hat hier auf Jahrzehnte den Anschluss verloren. Es nützt aber etwas, Atomenergie nicht länger zu verteufeln und nicht jedes Mal, die Nase zu rümpfen, wenn Energie aus Atommeilern von jenseits der Grenze importiert werden muss. Ohne den französischen, tschechischen oder belgischen Atomstrom geht es nicht. Wir sollten unseren Nachbarn, die uns beliefern, helfen, ihre Kraftwerke so sicher wie möglich zu machen.

Drittens: Kohle bleibt

Kohle ist ohne Zweifel die dreckigste Form der Energieversorgung. Wir brauchen sie dennoch länger als ursprünglich gedacht. Kohlekraftwerke müssen die Grundlast übernehmen, wenn die Wind nichts bläst, die Sonne nicht scheint, das Gas knapp wird und der Atomstrom aus dem eigenen Land ausbleibt. Deswegen müssen Kohlekraftwerke am Netz bleiben. Aus dem vorgezogenen Ausstieg im Jahr 2030 wird nichts.

Viertens: Vollgas

Wir brauchen Gaslieferungen aus allen Richtungen, jeder Kubikmeter, der aus dem Westen kommt, kann einen aus dem Osten ersetzen. Allerdings braucht die Bau neuer Flüssiggasterminals Zeit, ist teuer und das Gas heranzuschaffen ist alles andere als ökologisch nachhaltig. Deswegen sollten diese Terminals auch wasserstofftauglich sein, wobei klar ist: in den nächsten zehn Jahren gibt es keine nennenswerte Versorgung mit grünem Wasserstoff. Bisher sind alle dazu notwendigen technischen Verfahren noch viel zu inneffizient. Eine direkte Nutzung grüner Energie ist wirtschaftlicher.

Fünftens: Weniger verbrauchen

Wir müssen sparen. Langsamer fahren, weniger heizen, besser isolieren, effizienter verbrennen. Energie ist nicht länger nur eine Frage der Kosten, sondern es ist ein knappes Gut, das wir selber rationieren sollten, bevor es uns andere vorschreiben. Angesichts von Preisen, auch das müssen wir uns eingestehen, die nie wieder günstig sein werden, ist Sparen die einzige Option.

Unterm Strich geht es darum, durch weniger Verbrauch und einem stärkeren Ausbau der Energiequellen, über die das Land selbst verfügt, schneller zu mehr Selbständigkeit in der Versorgung zu kommen. Damit sind die Prioritäten festgeschrieben. Das Durcheinander könnte jetzt aufhören.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Deutschland verspielt außenpolitisches Vertrauen

Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas. Der russische Angriffskrieg zwingt die NATO und die EU dazu, die Bewahrung von Frieden und Freiheit in dem Teil Europas, in dem wir das große Glück haben zu leben, wieder zur vorrangigen politischen Priorit

Woke sein ist ok – wenn man es denn wirklich ist!

Der rechtskonservative Kongress in Texas, bei welchem unter anderen auch der ungarische Ministerpräsident Orbán eine Rede gehalten hat – hat deutlich gezeigt, dass die Rechtspopulisten etwas geschafft haben, wozu die gesellschaftspolitische Linke nicht im Geringsten in der Lage ist: eine globale

Mehrheit will keine Maskenpflicht mehr

In den vergangen beiden Jahren 2020 und 2021 war der Kampf gegen die Corona-Pandemie das maßgebliche Thema. Die Mehrheit der Bürger sprach sich für strenge Maßnahmen aus. Im laufenden Jahr hat aber nicht nur die Angst um den Frieden in Europa, sondern auch um die Versorgung mit Energie - beides

Der CumEx-Kanzler bald Ex-Kanzler?

Olaf Scholz wird mit voller Wucht von einem alten Skandal eingeholt. Die Details der Hamburger Finanzaffäre werden immer brisanter. Dabei sind die Umfragen für den Kanzler wie für die SPD ohnedies miserabel. Die Linkspartei sieht Scholz schon stürzen. Tatsächlich ist die Ampelregierung alles an

Merkel vor Kohl: So werden die Kanzler seit der Wiedervereinigung bewertet

Von 1998 bis 2005 war Gerhard Schröder Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er führte eine rot-grüne Koalition. Wenn man heute fragt, welcher Bundeskanzler seit der Wiedervereinigung die Interessen Deutschlands am besten vertritt oder dies getan hat, belegt Alt-Kanzlerin Angela Merkel (38 Proz

Wir wären vollkommen verrückt, wenn wir die Kernkraftwerke vom Netz nehmen

Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber es gibt angesichts möglicher Energieversorgungsengpässe im Herbst dringenden Handlungsbedarf – im Sommer trotz der Parlamentsferien. Von Friedrich Merz

Mobile Sliding Menu