Sebastian Herzog: „Berater leiden an Selbstüberschätzung“ | The European

Sebastian Herzog: Berater müssen Mitunternehmer sein

Oliver Stock3.05.2021Medien, Sport

Er ist der Nestbeschmutzer. Der Branchenschreck: Sebastian Herzog, Partner bei der Beratungsfirma hy, räumt auf mit den Mythen der Branche: Von Meinungen hält er nichts, genauso wenig von Honoraren, die Zeit mit Geld bemessen. Und dann benennt er auch noch eine Kernschwäche seiner Zunft: „Berater leiden an Selbstüberschätzung.“

Sebastian Herzog

16 Uhr, Anruf bei Sebastian Herzog. Er ist Partner bei der Beratertruppe hy, 50 Menschen sind das, Standort Berlin, einem Tochterunternehmen der Axel-Springer-Gruppe. Warum soll so einer ein „Macher“ für diese Rubrik sein? Eigentlich sagt die Berufsbezeichnung „Berater“ doch schon, dass andere dann mal machen müssen, oder? Er sei nicht einer von denen, behaupten die, die Herzog kennen. Sie bezeichnen ihn eher als den Angreifer, als denjenigen, der die Branche aufmischen will, weil er nicht mitmacht bei den Ritualen, mit den sich die anderen aus seiner Zunft umgeben.

Und tatsächlich sticht Herzog gleich zu Beginn mal in ein Wespennest: „In herkömmlichen Beratungshäusern“, sagt der Mann, der selbst zwölf Jahre bei Lufthansa Heerscharen von Beratern erlebte und beauftragte „leiden Consultants zu oft unter Selbstüberschätzung.“ Natürlich nennt er keine Namen, aber die McKinsey- oder Bain- oder Wie-sie-heißen-Größen fallen einem ein, und Herzog zeigt Verständnis für ihren Auftritt. Die Selbstüberschätzung rühre daher, weil sie „in ihrem System erfolgreich sind“. „Berater sind gefangen im eigenen System“, fügt er hinzu und nennt gleich noch einen Nachteil dieser Aufstellung. Die Koordinaten im eigenen System lauteten früher: Größe. Danach kam: Geschwindigkeit.  „In Wahrheit“, hat Herzog für sich und möglicherweise andere erkannt, „geht es aber inzwischen um Anpassungsfähigkeit.“ Und das schaffe das traditionelle System nicht.

Wissen, wie es sich anfühlt

Abhilfe gegen das Baden im eigenen Saft und dessen Folgen liefere da, selbst Verantwortung in einem Nicht-Beratungs-Unternehmen zu tragen. Herzogs Rezept: „Bei uns achten wir darauf, dass unsere Beraterinnen und Berater nicht nur relevante Berufserfahrung gesammelt haben, sondern auch neben ihrer Tätigkeit bei hy unternehmerischen Nebentätigkeiten nachgehen. Das bewahrt vor Selbstüberschätzung.“ Berufserfahrung zählt für ihn, am Rande bemerkt, auch mehr als ein Abschluss bei einer der üblichen Business Schools. Deren Absolventen seien super. „Aber wir suchen Menschen, die wissen, wie es sich anfühlt, wenn Zweidrittel des Managements gegen sie sind oder Ideen am Markt einfach nicht funktionieren und man alles über Bord werfen muss.“

Zweiter Stich, der von neuem die Wespen unruhig macht: Zeit ist Geld, wissen Kunden und deren Berater, wenn es darum geht, Honorarnoten zu stellen und sie zu bezahlen. Herzog sagt dagegen: „Die Frage, wie lange hast Du dafür gebraucht, ist irrelevant. Sie fragen einen Künstler ja auch nicht, wie lange er für ein Bild gebraucht hat.“ Dahinter steckt die Kernthese von dem Mann, der es sich offenbar zum Ziel gemacht hat, als Branchenschreck zu gelten. „Wir bemessen“, sagt er, „unseren Wert – und unsere Honorare – nicht nach Aufwand und Zeit, sondern danach, was wir bewirken.“ Er nennt ein Beispiel: Manche Projekte klemmen tagelang, wochenlang, monatelang. Und plötzlich gelingt es, den richtigen Menschen für die richtige Funktion zu gewinnen und das Projekt kommt ins Rollen. Die Entscheidung für den oder die richtige ist dann mehr wert als alle Power-Point-Präsentationen zuvor. Überhaupt: Power-Point. Herzog, der sicher nicht das Schwarze Schaf, aber doch eine Art Einhorn unter den Beratern ist, hegt Misstrauen gegen jede Form der allzu künstlichen Kommunikation: „Je mehr wie telefonieren und je weniger wir uns nur Nachrichten schicken – umso besser“, stellt er fest.

Die richtigen Wetten

Schließlich kommt der Ko-Schlag gegen die Etablierten. Herzog spricht ihn – und da ist er eben doch gefangen in seiner Zunft – auf Englisch aus, so dass ihn wirklich jeder versteht: „Data beats opinion.“ Dass Daten getriebene Erkenntnisse besser sind als die meinungsgetriebenen, macht Herzog an einem Beispiel deutlich: Wer meine, Trends zu erkennen, stehe schlechter da als der, der Geldströme und Gründungsgeschehen vermesse. Gründer wetteten all ihr Wissen auf eine Zukunft und Investoren zahlten dafür. Aus diesen beiden Datenströmen lässt sich ablesen, was Herzog schließlich als Kernaufgabe von hy beschreibt: „Wir helfen Unternehmen in einer unsicheren Welt, die richtigen Wetten einzugehen.“ Meinung interessiere dabei keinen, was aber in der Branche offenbar nicht von allen so gesehen wird: „Berater werden in vielen Bereichen meist für ihre Meinung bezahlt und zeigen Optionen auf, um sich nicht festzulegen.“ Von ihm gebe es dagegen klare Empfehlungen. „Wir sind Mitunternehmer“, sagt Herzog – womit klar wird: Dieser Berater jedenfalls hat sich den Sprung zum „Macher“ selbst in seine DNA geschrieben.

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