Preisexperte Herbert Simon und die Inflation | The European

Inflation: „Das Geld wird die Ware jagen“

Oliver Stock6.04.2022Medien, Politik, Wirtschaft

Preisexperte Herbert Simon rät angesichts der Inflation zu einem kräftigen Schluck aus der Pulle: Unternehmen sollten Preise, die sie von ihren Kunden verlangen, jetzt massiv erhöhen, um nicht selbst in die Verlustzone zu rutschen. Die Kunden, so sagt er voraus, werden schnell den Überblick verlieren und einfach kaufen.

Die Welt des Geldes brennt. Die Finanzbombe explodiert.Rauch, Sicherung.Dollar und Euro sinken. Globales Rezessionskonzept.Weltkarte im Hintergrund, Shutterstock

Wie umgehen mit der Inflation? Ganz einfach: Man muss selbst die Preise erhöhen. Und zwar kräftig und mehrfach. Diesen Rat gibt nicht irgendjemand, sondern Professor Hermann Simon, Bestsellerautor („Am Gewinn ist noch keine Firma kaputt gegangen“), Gründer und Ehrenvorsitzender bei Simon Kucher, einem internationalen Marketing-Institut, das weltweit Firmen bei der Preisfindung für ihre Waren und Dienstleistungen berät. „Man muss vor die Kostenwelle kommen“, sagt Simon in einem aktuellen Interview mit dem „Deutsche Wirtschaft“-Herausgeber Michael Ölmann. ( https://die-deutsche-wirtschaft.de/hermann-simon-inflation-preiserhoehungen/ ) Er richtet seinen Aufruf an Unternehmen, rechnet aber auch damit, dass Arbeitnehmer und Gewerkschaften nach dem gleichen Prinzip verfahren und entsprechende Lohnforderungen stellen.

Niemand geht am Gewinn kaputt

Angesichts einer Inflationsrate von derzeit mehr als sieben Prozent in Deutschland und rasant steigenden Preisen an Tankstellen, in Supermärkten und Restaurants gießt Simon damit Öl ins Feuer. Allerdings hat der Experte für das Austüfteln des richtigen Preises einige Argumente auf seiner Seite: Wer jetzt versuche, über eigene günstige Preise den Wettbewerb auszustechen, gerate selbst in die Defensive. „Das wirkt wie ein Schraubstock auf die Gewinne“, sagt Simon. Angesichts schmaler Renditen im Handel, die oft nur zwischen drei und vier Prozent liegen, seien bei der derzeitigen Inflationsrate rote Zahlen programmiert. „Wer es nicht schafft, Preissteigerungen oberhalb der Inflationsrate weiterzugeben, rutscht in die Verlustzone.“

Simon erinnert daran, dass im Zeitalter der D-Mark in den siebziger Jahren Inflationsraten von mehr als fünf Prozent ein ganzes Jahrzehnt lang gang und gebe waren und sich die Unternehmen daran ausgerichtet hatten. Das Problem sei, sagt der Preisexperte, „dass die Manager unserer heutigen Unternehmen mit Inflation keine Erfahrung haben.“ Viele warteten ab, dabei sei dies garantiert der falsche Weg. „Marschiert früh genug mit der Inflation“, lautet sein eindeutiger Rat. Dies um so mehr, weil er keinen Hinweis sieht, dass sich die Inflation so schnell wieder auf ein Maß von um die zwei Prozent drücken ließe. Dauerhaft höhere Energiepreise in Europa und den USA und dank niedriger Zinsen billiges Geld sei die Ursache. Und daran werde sich so schnell nichts ändern. Die Geldmenge sei riesig. „Das Geld wird weiter die Ware jagen.“

Mit der Inflation marschieren

Dass die Verbraucher in den Läden nicht mehr mitkommen, befürchtet Simion nicht. Er glaubt viel mehr, dass die Nachfrage steigen werde, weil allen klar sei, dass gespartes Geld sich von allein entwerte. Er erinnert an die große Inflation der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als Arbeiter nach Empfang ihrer Lohntüte damit sofort ins nächste Geschäft gingen, weil sie wussten am nächsten Tag bekämen sie weniger für ihr Geld.

Ausgeben, ausgeben, ausgeben

Das Phänomen an der Ladentheke sei bis heute das gleiche geblieben, glaubt Simon. Erst versuchten die Verbraucher billigere Alternativen für das Produkt zu finden, das sie sonst bevorzugen. „Aber bei Preissteigerungen auf breite Front verlieren sie schnell den Überblick.“ Der Maßstab verschwinde. „Der Verbraucher weiß dann nicht mehr, was ist billig und was ist teuer. Er kauft einfach.“ Oliver Stock

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