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Deutsche Bahn: Geisterzüge ohne Wifi, Toiletten ohne Wasser, Tiere auf dem Gleis

Oliver Stock23.06.2022Medien, Politik

Ich bin mal wieder Bahn gefahren. Es ist meine alte Liebe. Und jetzt weiß ich wieder, warum wir beide uns einst getrennt haben. Ich befürchte nun, wir haben keine Chance, jemals wieder zusammenzukommen. Von Oliver Stock

Geislingen, Germany - July 21, 2021: Regional train of bwegt operated by DB Regio Deutsche Bahn on Geislinger Steige near Geislingen, Germany.

Quelle: Shutterstock /Markus Mainka

Dies ist dies sicher die eine Millionen und einste Geschichte über das Bahnfahren in Deutschland und ich hatte mir vorgenommen, niemals eine zu verfassen. Da ich aber unendlich viel Zeit habe, weil ich in einem ICE sitze, der seit einigen Stunden nicht ankommt, schreibe ich sie in der Absicht, dass wir alle, die wir die Eisenbahn seit unseren Märklin-Tagen zärtlich lieben, nun auf diese schöne Bahn schauen. Und sie uns an ein leider im Laufe seines Wachstums entgleistes Kind erinnert, das doch noch immer zu uns gehört, obwohl es sich dagegen wehrt, so gut es kann.

Meine kleine Reise sollte von Düsseldorf an den lieblichen Tegernsee führen, wo ich manchmal zu tun habe und manchmal auch einfach nur älteren Herrschaften gerne beim Geldausgeben zuschaue. Mein persönlicher ICE startete sekundenpünktlich und wir rauschten still dahin und ich genoss die Ruhe und eine Schaffnerin kam und entschuldigte sich, dass der Zugchef nicht persönlich mit mir sprechen könne, weil die Sprechanlage kaputt sei. Ich fand das nicht weiter schlimm, denn dieses persönliche Gespräch hatte ich in früheren Zügen als recht einseitig empfunden. Kein Zugchef hatte jemals mir zugehört, weswegen diese Unterhaltungen auf mein Leben auch keine Auswirkungen hatten.

Die kaputte Sprechanlage hatte es aber doch, denn sie führte dazu, dass in Frankfurt die zu einer einzigen Eisenbahn verkoppelten zwei Züge getrennt wurden.

Darauf funktionierte die Sprechanlage wieder und die erste Durchsage des Zugchefs lautete: „Wir sind jetzt einteilig unterwegs“, was mir ein Lächeln entlockte, weil ich mir einen einteiligen Zugchef irgendwie wie ein Michelin-Männchen vorstellte. Damals wusste ich noch nicht, was mich noch erwarten würde.

Ich sah allerdings, dass aus dem ersten Teil des Zuges nun viele Menschen in den zweiten Teil strömten. Ich musste meinen Platz verteidigen und den für meine Tasche aufgeben. Ich schaute in die erste Klasse hinüber, wo viel kalte Luft transportiert wurde, denn die Klimaanlage funktionierte zu 120 Prozent. Ansonsten saßen da wenige, denn trotz des überraschend einteiligen Zuges hatte der ebenfalls einteilige Zugchef die erste Klasse nicht für seine nun doppelt so vielen Passagiere freigegeben. Frohgemut kam ich dennoch am Tegernsee an und verließ ihm nach zwei Tagen wieder, um die Rückfahrt anzutreten, die mich nun, neun Stunden nach Abreise, immer noch beschäftigt.
 
Denn mein Zug, der von München losgehen sollte, war ganz ausgefallen. Keiner wusste wohin er gefallen war, es war ein Geisterzug, die Informationsschalter am Hauptbahnhof waren wegen Überfüllung nicht ansprechbar, die herumlaufenden uniformierten Menschen zuckten mit den Schultern und die App aktualisierte sich nicht.

Ganz auf mich gestellt, nahm ich den nächsten ICE Richtung Norden, nahm hin, dass das Wifi ausgefallen war, und es war mir nur ein ganz bisschen unangenehm, dass die Spülung am Waschbecken der Toilette auch ausgefallen war. Ich erzählte mit launigem Ton einer Schaffnerin davon, die mir zwei Getränkegutscheine in die Hand drückte und so aussah, als hätte sie gerne ein Bier mit mir getrunken und über Sportwagen philosophiert, aber ihre Arbeit rief.

Mein Zug spuckte mich in Frankfurt aus, bevor er scharf nach Fulda und damit in die falsche Richtung abbiegen sollte. Ich hatte die Chance einen um 45 Minuten verspäteten ICE nach Düsseldorf zu erreichen. Es war der über Limburg, Montabaur und Siegburg und in Siegburg hatte ich die Gelegenheit wegen Tiere auf dem Gleisbett intensiv eine Lärmschutzmauer anzuschauen. Die beiden Gutscheine fürs Trinken galten nur für Kakao und Softdrinks, wie mich die Wirtin im Speisewagen belehrte, weswegen ich die beiden Biere, die ich getrunken hatte, dann bar bezahlt habe. Am Nachbartisch unterhielten sich eine Schaffnerin und ein junger Schaffner über ihre Urlaubspläne. Er möchte an die Ostsee. Mit dem Auto, fügt er hinzu. Er habe schließlich nur eine Woche Ferien.

Ich dachte an Indien, wo die Lokomotivführer entspannt sind und die Züge eben dann losfahren, wenn sie voll sind und Fahrpläne unbekannt sind. Ich dachte an die Großeltern, die einst vor einem halben Jahrhundert mit Schlaf- und Speisewagen ins Tessin gerollt waren. Ich dachte, ich könnte jetzt so einen echten Motherfucking-Rap durch die Sprechanlage jagen. Wenn ich dann wegen Lausbuberei festgenommen werde, habe ich eine reelle Chance. Denn wie geht das Sprichwort: In der Deutschen Bahn und vor Gericht bist Du in Gottes Hand. Und vielleicht ist der liebe Gott ja ein Inder.

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