Keks-Erbin Verena Bahlsen geht in die Offensive | The European

Bahlsen-Erbin: „Ich bin der Kopf-durch-die Wand-Typ“

Oliver Stock31.08.2021Gesellschaft & Kultur, Medien

Zwei Jahre nach ihren unbedachten Äußerungen zu Zwangsarbeit und Kapitalismus geht Keks-Erbin Verena Bahlsen in die Offensive. Sie ist inzwischen Hauptgesellschafterin bei Bahlsen und will wenig lassen, wie es war. Dafür nimmt sie auch Konflikte in Kauf.
Zu den Streitthemen von damals hat sie heute eine differenzierte Haltung. Von Oliver Stock.

Verena Bahlsen, Foto: Verena Bahlsen

Die Familienunternehmerin und Erbin des hannoverschen Keksimperiums Bahlsen will das Traditionsunternehmen in eine neue Richtung führen. Der rund 3000 Mitarbeiter große Konzern müsse „innovativer und wandungsfähig“ werden, sagt die 28jährige Bahlsen-Hauptgesellschafterin im Gespräch mit dem Mittelstandsmagazin „Markt und Mittelstand“. „Wir brauchen Impulse von außen, agilere Strukturen und eine lebendige, aber auch entscheidungsfreudige Kultur.“ Allen Verkaufsspekulationen erteilte sie eine Absage: „Dieses Unternehmen muss bestehen und in Familienhand bleiben.“

Bahlsen setzt sich damit deutlich von ihrem Vater Werner Michael Bahlsen ab, der im vergangenen Jahr die Entscheidung getroffen hatte, das Unternehmen in die Hände seiner Tochter zu legen. „Wir können nicht ausschließen, dass wir uns streiten“, sagt Verena Bahlsen zur Situation innerhalb der Familie, in der eine Auseinandersetzung schon vor Jahren dazu geführt hat, dass das Unternehmen in ein „süßen“ und einen „salzigen“ Bereich geteilt wurde. Ihre Geschwister, die Familie und sie selbst sprächen viel miteinander und investierten „viel in die Beziehung“. „Ich bin eben ein Kopf-durch-die Wand-Typ, anders als mein Vater“, sagt die Bahlsen-Erbin, die sich für das operative Geschäft auf ihren neuen CEO Phil Rumbol verlässt.

Verena Bahlsen war vor zwei Jahren öffentlich in die Kritik geraten, weil sie sich unbedacht über das Thema Zwangsarbeiter geäußert hatte: „Wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt“, hatte sie damals gesagt, als sie noch nicht Hauptgesellschafterin Familienunternehmens war. Sie hatte außerdem mit ihrer Ansicht über den Kapitalismus – „Ich bin Kapitalistin. Das ist toll“ – Kritik auf sich gezogen. Im Gespräch mit „Markt und Mittelstand“ berichtet sie, die Erfahrungen nach diesen Äußerungen habe „alles übertroffen, was mir bis dahin passiert ist“. Bahlsen beauftragte den ehemaligen VW-Chefhistoriker Professor Manfred Grieger mit der Forschung über die Geschichte des Unternehmen in der NS-Zeit. Das Projekt sei noch nicht abgeschlossen, aber: „Es wird bereits deutlich, dass wir als Familie keine Klarheit über die damaligen Geschehnisse hatten“, sagt Bahlsen heute. Vom Kapitalismus halte sie immer noch „prinzipiell viel“. „Kapitalismus und Marktwirtschaft sind der Motor für gesellschaftlichen Fortschritt.“ Allerdings habe es Fehlentwicklungen gegeben. „Ich hoffe, dass wir in meiner Generation nachjustieren werden, um Wirtschaftsmodelle zu finden, die nicht nur auf Pofitmaximierung optimiert sind.“

Verena Bahlsen lebt in Berlin und pendelt regelmäßig zu ihrem Arbeitsort Hannover. Sie hatte in einem früheren Podcast Hannover als „spießig“ bezeichnet, was sie nun ebenfalls relativiert: „Bei vielen jungen Talenten gilt das, was nicht Berlin Hamburg, München oder Düsseldorf ist, als uncool und spießig. Das ist für Unternehmen außerhalb dieser Hotspots eine Herausforderung.“

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