Interview mit Jochen Schweizer | The European

Jochen Schweizer: „Geld macht unglücklich und ich bin unglücklich genug“

Oliver Stock2.11.2021Medien, Wirtschaft

Irgendwo im nördlichen Norwegen trotzt eine Hütte dem Eissturm. Dorthin hat sich ein alter Mann zurückgezogen, und es kommt zu einer denkwürdigen Begegnung. So beginnt der erste Roman, den der Abenteurer und Unternehmer Jochen Schweizer geschrieben hat. Er ist ein Aufruf zur Eigensinnigkeit. „Menschen werden als Originale geboren und sterben als Kopie“, sagt Schweizer. Das Gespräch führte Oliver Stock.

Inhaber Jochen Schweizer vor der künstlichen Surfwelle in der Freizeit-Erlebnisanlage "Jochen-Schweizer-Arena München" bei Taufkirchen, Foto: picture alliance / SZ Photo | Claus Schunk

Der Mann im schwarzen Hoody diktiert eifrig Mails in sein Smartphone. Der Videotrailer für sein neues Buch muss noch fertig produziert werden. Schließlich ist er soweit. Jochen Schweizer lümmelt sich ins Lederfauteuil und erzählt, warum er als Unternehmer einen Roman geschrieben hat. Ist das jetzt der neue Trend? Drogeriekönig Dirk Rossmann hat bereits den zweiten Thriller verfasst. Irgendwann nimmt Schweizer die dunkle Kapuze ab und ist selbst tief in seinen Roman eingetaucht. „Die Begegnung. Eine Geschichte über den Weg zum selbstbestimmten Leben“ heißt er und ist im Droemer Knaur-Verlag erschienen. 120 Thesen enthalte er, so etwas wie die Summe seiner Erfahrungen, die er nun weitergeben will. Schweizer sagt, er sei ein Abenteurer, der die Idee hatte, Menschen Erlebnisse zu verkaufen. In seiner Jochen-Schweizer-Arena bei München, wo auch sein Arbeitsraum ist, geht das ganz direkt: Wellenreiten, auf einem Luftpolster fliegen, Virtual Reality.  Seine Abenteuer-Urlaubssparte hat Schweizer im Jahr 2017 an den TV-Konzern Pro-Sieben-Sat1 verkauft. Seither ist er das, was man einen „gemachten Mann“ nennt. Was kommt jetzt noch?

Herr Schweizer, warum haben Sie als Unternehmer einen Roman geschrieben?
Sicher nicht wegen der Gage. Geld macht doch unglücklich und ich bin schon unglücklich genug.

Warum also?

Ich bin 65 Jahre alt. Wenn alles gut läuft, habe ich vielleicht noch 30 Jahre vor mir. Das ist eine lange Zeit, um noch etwas Neues zu lernen, aber auch, um Erkenntnisse weiterzugeben. Als Unternehmer muss man etwas unternehmen. Und ich habe überlegt, was ich denen, die nachfolgen, zu sagen habe. Ich stehe am Anfang meines dritten Lebensabschnitts. Das erste Drittel war wildes Aben- teuer, im zweiten habe ich wirtschaftlich alles erreicht. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben.

Das klingt nach Ratschlägen für den guten Unternehmer, Sie aber haben einen Abenteuerroman geschrieben, der im rauen Norwegen spielt.
Da habe ich selbst eine Hütte, in die ich mich oft zurückziehe. Ganz abgeschieden. Das Auto parkt ein gutes Stück weit weg. In einer infernalischen Sturmnacht im November, als Regen – und Salzwasser gegen die Wände meiner Hütte gepeitscht wurden, habe ich mir die Frage gestellt, was ich mir selbst zu sagen hätte, wenn ich meinem jugendlichen Ich im Alter von 15 Jahren begegnen könnte. Dann habe ich 120 Thesen aufgeschrieben, die mir wichtig sind, und die ich weitergeben möchte. Sie alle stecken in dem Roman. Ich habe dann meinen Verlag angerufen, der schon mehrmals nach einem neuen Buch gefragt hatte, und gesagt: „Ich habe eine Idee.“

Was für Thesen?

Zum Beispiel, dass wir Menschen nichts anderes sind als die Summe unserer Erfahrungen und Erlebnisse.

Weswegen Jochen Schweizer Erlebnisse verkauft.

Ja, Menschen, die etwas erleben, sind vollständiger im eigenen Leben präsent. Es nützt nichts, Gegenstände anzuhäufen. Die meisten Dinge, die wir erstreben, verlieren ihren Reiz, wenn wir sie dann besitzen. Erlebnisse aber sind unvergänglich und die Erinnerung an gute Erlebnisse kann über die Jahre sogar stärker werden. Ich bin leicht zu begeistern und begeistere gerne auch andere Menschen. Früher war ich Erlebnisproduzent, als ich noch analog dachte. Da konnte ich mit meinen Angeboten vielleicht 50.000 Menschen im Jahr erreichen. Dann begann etwa im Jahr 2002 das digitale Zeitalter, 2004 wurde Facebook gegründet. Und 2004 ging ich mit meiner eigenen Website online, über die ich nicht nur meine eigenen Erlebnisanlagen, sondern auch sehr gute Erlebnisse anderer Erlebnisanbieter vermittle. Mit dieser Idee erreichte und erreiche ich Millionen Menschen.

Glauben Sie, Sie haben mit Ihrer Idee, Erlebnisse zu vermitteln, die Welt verändert?
Nein, das glaube ich eher nicht. Aber ich habe die Welt für viele Menschen ein klein wenig bunter gemacht und mit dem Erlebnisgeschenk eine völlig neue Warengruppe geschaffen. In Wahrheit ist ja jedes Geschenk auch eines für den, der es verschenkt, denn wer schöne Erlebnisse verschenkt, der bleibt dem Beschenkten für immer in guter Erinnerung.

Auch ein Lehrsatz aus dem Buch?

Wenn Sie so wollen.

Hakon, die Hauptfigur in ihrem Roman, ist ein 95-jähriger Mann, ein Abenteurer, ein Kajakfahrer – genau wie Sie. Haben Sie da ein Vorbild für Ihre Leserinnen und Leser geschaffen?
Ich eigne mich nicht als Vorbild, weil ich dafür zu unvollkommen bin. Ich bin überhaupt kein Freund davon, Vorbilder zu haben, denn man sollte ja nicht danach streben, so zu sein wie ein anderer, sondern stattdessen zu sich selbst zu finden. Ich entdecke aber immer wieder in Menschen, die mir begegnen, vorbildliche Eigenschaften, die ich mir versuche, zu eigen zumachen, auch wenn dieser Mensch ansonsten vielleicht höchst unvollkommen ist. Aber wenn dir jemand sagt, was dein Weg sein soll, dann ist das nicht dein Weg. Deinen eigenen Weg erschließt du dir mit jedem Schritt, den du selbstbestimmt gehst. Alle Menschen werden als Originale geboren, leider sterben viele als Kopie.

Wieder ein Lehrsatz.

Aber stimmt doch, oder? Haben Sie die Stelle mit den Walfängern in meinem Buch gelesen?

Nein.

Da versucht Hakon, den Walfang zu beenden, indem er den Walfängern ihre Schiffe abkauft. Aber das kann nicht funktionieren, weil du aus einem Walfänger keinen Bauern machen kannst. Hakon erkennt, dass er nur etwas mit den Men- schen und nicht gegen die Menschen verändern kann. Deswegen finanziert er den Umbau der Jagdschiffe zu Walbeobachtungsschiffen, indem er den Walfängern begreiflich macht, dass nur so auch deren Söhne mit diesen Schiffen noch ihre Familien ernähren können. Das sind Gedanken, die mir wichtig sind, die ich weitergeben will.

Bereuen Sie eigentlich etwas?

Nein, Reue ist so etwas wie ein Angriff auf sich selbst.

Was haben Sie noch vor?

Aktuell trainiere ich Wellenreiten. Das ist meine neue Leidenschaft. Ich will die grüne, ungebrochene Welle surfen können.

Das war’s?

Nein, ich verrate Ihnen einen Traum. In Norwegen steht meine Hütte auf einem nackten Felsen. Ich habe dort 40 Jahre lang Erde hochgeschleppt. Immer, wenn ich raufklettere, habe ich Erde dabei. Jedes Jahr ungefähr 20 Säcke à 25 Kilogramm. Inzwischen wachsen da oben Bäume, weil genug Erde da ist. Mein nächstes großes Projekt wird etwas mit Bäumen zu tun haben. Mehr will ich dazu noch nicht sagen

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