Habeck geht Gas kaufen – ausgerechnet Qatar soll liefern | The European

Habeck geht Gas kaufen – ausgerechnet Qatar soll liefern

Oliver Stock18.03.2022Medien, Wirtschaft

Der arabische Wüstenstaat ist die erste Station einer Reise des Grünen Wirtschaftsministers, die dazu dient, die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen zu mindern. Doch auch der mögliche neue Lieferant hat seine Fallstricke. Habeck weiß: „Moralische Einkäufe gibt es nicht.“

Qatar Gas Habeck

Die Versorgung mit Gas ist für Deutschland seit Beginn des Ukraine-Kriegs zu einer drängenden Frage geworden. Jetzt will Wirtschaftsminister Habeck in Qatar einkaufen. (Foto: Shutterstock)

Von Oliver Stock/Wirtschaftskurier

Wird es eine Betteltour? Ein Kniefall oder eine Pilgerreise mit anschließender Erleuchtung? Oder lässt es sich wirklich ganz nüchtern als Wirtschaftsdelegation betrachten? Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck reist an diesem Wochenende nach Qatar und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Der Besuch in den arabischen Wüstenstaaten ist Teil der Bemühungen der Bundesregierung, die mittlerweile als fatal erkannte Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu verringern.

Er macht aber auch das neue Dilemma deutlich, das nun Habeck ausbaden muss: Die wenigsten Energieförderländer sind lupenreine Demokratien. Im Gegenteil: Oft haben die jahrzehntelang sicher sprudelnden Einnahmen aus Öl- und Gasexporten feudale Strukturen in den Förderländern gefestigt und Reformen unnötig gemacht. Wenn Habeck Erfolg hat und mehr Lieferungen aus den arabischen Staaten nach Deutschland bestellen kann, tauscht er also bestenfalls einen politischen Alleinherrscher im Kreml als Energielieferanten gegen einen feudalen Scheich aus Doha oder anderswo aus.

Habeck bleibt fast nichts anderes übrig

Doch es bleibt ihm nichts anderes übrig. Qatar ist einer der weltweit größten Exporteure von Flüssiggas (LNG), einer Energieform, die in den neuen Plänen der Bundesregierung zur deutschen Energieversorgung eine zentrale Rolle spielt. Bis zu drei LNG Terminals sollen an den Küsten gebaut werden, um Tankschiffe aus aller Welt in Empfang nehmen zu können. Das Ganze ist allerdings noch Zukunftsmusik: Außer auf Plänen, die noch nicht einmal genehmigt sind, existieren die Terminals nicht. Frühestens in vier Jahren dürfte hier das erste Flüssiggas gebunkert werden.

Dennoch: Aus Sicht Habecks, der auch die Wirtschaftsverbände hinter sich weiß, könnte Qatar eine wichtige Rolle dabei spielen, die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas zu verringern. Der Krieg in der Ukraine hat die Frage der Energiesicherheit in das Zentrum der internationalen Diskussion gerückt und Habeck ist derjenige, der sie als Wirtschafts- und Klimaminister lösen muss. Er weiß, dass allein eine forcierte Wende hin zu regenerativen Energieerzeugern nicht ausreichen wird: „Wir müssen mehr denn je für eine globale Energiewende werben und aktuell die Diversifizierung von Erdgasquellen vorantreiben.“ So brauche Deutschland unter anderem „kurzfristig und vorübergehend mehr Flüssigerdgas“  und wolle dies an eigenen deutschen Terminals anlanden.

Dass Habeck ausgerechnet in Qatar seine erste Station macht, hängt mit den innigen Beziehungen deutscher Unternehmen zu dem Wüstenstaat zusammen. Das Emirat am Persischen Golf, gerade mal halb so groß wie Hessen, hält über eine Investmentgesellschaft aus dem königlichen Clan der Thani beispielsweise Anteile an der Deutschen Bank und Siemens. Es ist nach dem Land Niedersachsen mit seinen goldenen Aktien wichtigster Einzelaktionär bei Volkswagen. Dazu kommt: Deutschland ist mit einem Anteil von rund sieben Prozent nach den USA (18,7 Prozent) und China (11,9 Prozent) der drittgrößte Güterlieferant für Katar. Besonders gefragt aus Deutschland sind Chemieprodukte, Maschinen und Kraftfahrzeuge. 2020 wurden Rüstungsgüter im Wert von 300 Millionen Euro nach Katar geliefert. Umgekehrt kommen vor allem Petrochemie und Nichteisenmetalle aus Katar nach Deutschland. Für die Deutsche Bahn gab es Großaufträge in Milliardenhöhe, Fußball-Rekordmeister Bayern München schlägt dort sein jährliches Winter-Trainingslager auf und wird von der staatlichen Airline Qatar Airways gesponsert.

Das Emirat ist politisch heikel

Das Problem Habecks liegt jetzt in dem, was in seiner Partei strittig diskutiert wird. Inwieweit die Führung des Wüstenstaats „mit unseren Grünen Werten und den Werten der Gesellschaft“ vereinbar sei, war den Grünen bei einem Parteitag im vergangenen Jahr eine eigene Diskussion wert. Seit der skandalumtosten Vergabe der Fußball Weltmeisterschaft 2022, blickt die Welt nach Katar. Der Befund: Es gibt keine Presse- und Meinungsfreiheit, männliche Vormundschaft schränkt Frauenrechte stark ein, Homosexualität ist verboten. Als rechtelos gelten auch viele der Gastarbeiter. Gekommen aus Ländern wie Indien, Nepal oder Bangladesch, bauen sie in Katar neue glitzernde Stadien für die WM. Sie leben würdelos in unhygienischen Lagern in der Wüste. Nach und nach erhöhte sich der Druck für Reformen auf das Emirat, knapp ein Jahr vor dem Turnier zog Amnesty International Ende 2021 jedoch eine ernüchternde Bilanz. In ihrem „Reality Check“ kommen die Experten der Organisation zu dem Schluss, „dass Fortschritte 2021 stagnierten und alte missbräuchliche Praktiken sogar wieder aufgetaucht sind”.

Habecks Reise wird damit zum Ritt auf der Rasierklinge und zum Vorgeschmack dafür, was er sonst noch unternehmen muss, um Deutschland unabhängiger von russischen Energielieferungen zu machen. Qatar sei nur einer unter mehreren möglichen Lieferanten. Er sei „guter Dinge, dass die Summe der Gespräche, die wir führen – Norwegen, die USA, Kanada, Katar – dazu führen wird, dass wir dann auch neues, also mehr Flüssiggas nach Europa und auch nach Deutschland bekommen”, sagte der Minister in einem Interview. Moralische Einkäufe im Bereich der fossilen Energien gebe es „nicht wirklich”, fügte er pragmatisch hinzu. „Die Förderung von Erdöl und Erdgas schafft Machtkonzentration, und Machtkonzentration schafft häufig auch Anfälligkeit für Korruption.”

 

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