„Gehaltsatlas für den Mittelstand“ | The European

Mitarbeiter überholen Chefs bei den Gehältern

Oliver Stock25.06.2021Medien, Wirtschaft

Früher galt: Das Gehalt wuchs mit der Zahl der Arbeitsjahre, und wer in der Hierarchie ganz oben steht, verdient am meisten. Das gilt nicht mehr zeigt der große „Gehaltsatlas für den Mittelstand.“ Nils Glagau, Investor aus der „Höhle der Löwen“ erklärt, warum. Von Oliver Stock.

Wer verdient eigentlich was? der neue Gehalts-Atlas gibt Auskunft, Quelle: Fotolia

Krise heißt nicht gleich niedrigere Gehälter – wie auch andersherum eine erfolgreiche Situation oder eine vorbildliche Karriere nicht mehr automatisch gute Gehälter garantieren. Es kommt auf mehr an, stellt Deutschlands „Gehaltsatlas für den Mittelstand“ fest, den die Personal- und Managementberatung Kienbaum sowie das Magazin „Markt und Mittelstand“ für Focus online zusammengestellt hat. Das Gehalt, so lässt sich daraus erkennen, ist eine sehr komplexe Angelegenheit, eine Mischung aus Branche, Arbeitsort, persönlichen Fähigkeiten, Marktwert und Weiterbildungsbereitschaft. Sie führt manchmal zu überraschenden Ergebnissen: Unten wird mehr verdient als oben und in der Krise geht es auch mit dem Gehalt mal bergauf. Für die Studie hat das Beratungshaus Gehaltsdaten der zweiten Führungsebene – Bereichs- und Abteilungsleiter – in Unternehmen mit 250 bis 2000 Mitarbeitern ausgewertet. Dabei hat Kienbaum mehr als ein Dutzend Branchen und fast 20 Leitungspositionen in allen deutschen Regionen ins Visier genommen.

Einer, der sich mit dem Thema auskennt, wie kaum ein zweiter, weil er es gleich von zwei Seiten beherrschen muss, ist Nils Glagau. Der Mann, der in der TV-Sendung „Höhle der Löwen“ als grummelnder Investor mit grauer Mähne und gerne mal im T-Shirt auftritt, ist im Hauptberuf Chef von Orthomol, einem durch und durch mittelständischen Familienbetrieb, der zwischen Köln und Düsseldorf Nahrungsergänzungsmittel herstellt, die das Leben gesünder machen sollen. Als Investor muss Glagau Ideen bewerten, als Firmenchef muss er letztlich die Arbeit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewerten. „Wir gehen alle für Geld arbeiten, aber wir sind mehr und mehr bereit, auch mal ein paar Euro auf der Strecke zu lassen“, sagt Glagau.

Der 45jährige ist einer der Unternehmer, die in der Coronakrise Gehaltserhöhungen und Prämien gezahlt haben, um diejenigen in der Belegschaft auszuzeichnen, die trotz widriger Umstände außerordentliches geleistet haben. Damit ist er in der Minderheit. Denn: In vielen Branchen sind nicht nur die Umsätze eingebrochen, sondern in der Folge auch das, was hängen bleibt.

Allerdings heißt das nicht, dass im Mittelstand keine Gehaltssprünge mehr drin sind. Man muss nur genauer suchen, wie der Gehaltsatlas zeigt. Während es in einzelnen Branchen – Reise, Hotellerie, Veranstaltungsmanagement – auf absehbare Zeit wenig zu holen gibt, sind andere Manager-Professionen geradezu Mangelware. „Alles rund um Digitalisierung und IT boomt“, sagt Kienbaum-Gehaltsexperte Nils Prüfer. „Die Menschen möchten ankommen, möchten dort arbeiten, wo sie leben“, fügt Glagau hinzu. Er stellt fest: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien weniger karrieregetrieben. „Sie suchen das Gesamtpaket. Das höchste Gut ist Zeit.“

Allerdings geht es eben auch ums Geld. Und dort profitieren diejenigen, deren Fähigkeiten besonders gefragt sind. Neben der starken Nachfrage nach allem, was digitalisiert, fällt im Gehaltsatlas vor allem auf: Je nach Standortwahl und Branchenflexibilität sind deutliche Sprünge möglich. Wer die IT in einem Unternehmen der gebeutelten Modebranche leitet und es schafft, in die Chemiebranche zu wechseln, kann es von 126.000 Euro jährlichem Brutto auf 178.000 schaffen – und solch ein Wechsel dürfte angesichts der Knappheit guter IT-Manager nicht unrealistisch sein. Oder eine Leiterin der Rechtsabteilung, die von der Verlagsindustrie in den Bereich Finanzdienstleistungen wechselt: Hier ist ein Sprung von 137.000 auf 190.000 Euro nicht unrealistisch. Dazu, darauf weist Glagau hin, kommen oft solide Gehälter im Vertrieb. „Dort gehen gute Leute mit hoher Prämie nach Hause.“

Sprünge im Gehalt gibt es auch von Region zu Region. Hier sind aber die unterschiedlichen Kaufkraft-Level zu beachten. Dass Manager in Frankfurt und München durch alle Branchen und Positionen hinweg deutlich besser verdienen als im Rest der Republik, ist auffällig – wegen der deutlich höheren Lebenshaltungskosten in beiden Städten aber auch nur bedingt lukrativ. Der Leiter Vertrieb, der es von 124.000 Euro in Berlin auf 166.000 in Köln schafft, denkt aber vielleicht doch über einen Umzug nach.

Was aber deutlich wichtiger wird als kurzfristige Gehaltssprünge: Das Gehaltsniveau ist keine Garantie fürs Leben mehr. „Es wird herausfordernder, sein Gehalt beizubehalten, wenn ich nicht mit dem Bedarf des Marktes gehe“, sagt Gehaltsexperte Nils Prüfer. Und dieser Markt wandelt sich. Das zeigt sich etwa derzeit am Beispiel der Autoindustrie. Dort entsteht in Brandenburg ein gigantisches Projekt: Tesla baut derzeit außerhalb von Berlin Europas größtes Industrieprojekt. Das braucht vor allem auch Menschen, die dort arbeiten. Entsprechend wirbt der US-Autobauer derzeit um Mitarbeiter, möglichst mit Erfahrungen in der Autoindustrie. Und weil die Branche zwar groß, so groß aber wiederum auch nicht ist, spricht sich schnell herum, wie viel sich bei Elon Musks Firma verdienen lässt. Ein Manager etwa geht laut Bewertungsplattform Kununu mit 102.700 Euro Brutto im Jahr nach Hause, ein Entwicklungsingenieur mit 76.600 Euro.

Gesucht wird derzeit fast alles: Vom Supply-Chain-Manager über den Prozessingenieur Batteriezellenfertigung bis zum Kfz-Mechatroniker, vom Software-Entwickler über Gießereimechaniker bis zum Kraft­fahrer. Das Unternehmen selbst äußert sich, wie bei allem rund um die Fabrik, nicht offiziell – weder zu Gehältern noch zum Einstellungsverfahren. Obwohl Tesla europaweit sucht und einige Firmen in der Autobranche Stellen streichen, „haben die Amerikaner Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden“, sagt ein Insider. Das könne darauf hindeuten, dass das, was Tesla bietet, für viele nicht ausreiche, um den Job zu wechseln. Daraus folgt: Interessenten könnten eine gute Verhandlungsposition haben. Möglicherweise stockt das Unternehmen seine Angebote tendenziell auf, um rechtzeitig zum Produktionsstart genug Personal zu haben. Allerdings gehört zum Job nicht nur das Gehalt, sondern auch das Renommee des Arbeitgebers. Tesla-Chef Elon Musk inszeniert sich und Tesla als Revolutionär, der aus dem Nichts startete und die Traditionellen Hersteller vor sich hertreibt. Zudem pflegt das Unternehmen das Bild, lösungsorientiert zu denken und dafür auch andere Wege als üblich zu gehen, eher wie ein Start-up als ein Konzern.

Das ist symptomatisch für eine Arbeitswelt, in der es nicht mehr nur den einen Weg zum Erfolg gibt. „Früher hieß es: Ich lebe, um zu arbeiten“, sagt Glagau. „Dann kam die Generation, die sagte: Ich arbeite, um zu leben. Und jetzt sind die dran, die eine Art Kompromiss leben, weil sie schon viel Vorarbeit von der vorherigen Generation übernehmen konnten.“ Dennoch ist auch ihnen Geld nicht gleichgültig. Und da ist es gut, dass es mehrere Wege zum ordentlichen Gehalt gibt. Es muss nicht immer die Hierarchieleiter sein, die jemand erklimmt, um das Konto füllen zu können.

Die Gehaltsstudie zeigt: Product-Owner etwa, die gegenüber den Kunden ein IT-Projekt eigenständig vertreten, überholen beim Gehalt mittlerweile hierarchische Führungskräfte auch in mittelständischen Unternehmen. „Hierarchie ist ja nicht gleich Wertbeitrag und Wertigkeit“, sagt Prüfer. Es brauche in Zukunft vor allem Profile, welche die Transformation von Organisationen und die agile Weiterentwicklung beim Kunden stemmen können. „Es gibt nicht mehr nur die klassische Führungskraft, die alle Verantwortung auf sich bündelt, sondern zunehmend auch neue Karrierelogiken für Fachthemen, Projekte oder Produkte – und das spiegelt sich letzten Endes auch im Gehalt wider“, sagt Prüfer. „Karriere und Verantwortung werden somit vielfältiger und flexibler, gleichzeitig aber auch volatiler und ­temporärer orientiert.“

Und wenn es dann finanziell bergab geht? Glagau hat da seine eigene Philosophie: „Geld liefert eine gewisse Freiheit, was Wünsche und beispielsweise die Ausbildung bedeutet. Aber das Glück holst du dir anderswo.“

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

In Deutschland beginnt der Kampf um die Gülle

Weil Kunstdünger wegen hoher Energiepreise knapp und extrem teuer geworden ist, hat mit einmal Gülle ihren Preis. Hatten Bauern früher Mühe, ihren Mist loszuwerden, wird er ihnen jetzt aus den Händen gerissen. Schon ist auch Gülle zum knappen Gut geworden. Von Oliver Stock / Wirtschaftskurier

Scholz ist Schulden- und Inflationskanzler

Der CDU-Chef warnt: Die gegenwärtige Bundesregierung macht in zwei Haushaltsjahren mehr Schulden als alle Bundesregierungen zusammen in den ersten 40 Jahren der Bundesrepublik Deutschland. Von Friedrich Merz

Corona: Die Illusion der Normalität

Wir erleben derzeit ein Deja-Vu. Wir koennen, so wie im Sommer 2021, auch jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass spaetestens im Herbst die Corona-Zahlen wieder deutlich steigen werden. Diese Tendenz ist bereits jetzt feststellbar - allerdings auf einem noch nicht

Aus für den Verbrenner: Kommt es jetzt zum Havanna-Effekt?

An 2035 wird es keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr auf europäischen Straßen geben. Werden Liebhaber von benzin- und Dieselantrieben dann mit ihren rostigen Lauben bis zum Sankt Nimmerleinstag unterwegs sein?

Ampel plant Kahlschlag bei Gas

Es klingt geradezu abenteuerlich, was der beamtete Staatssekretär des Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz vor wenigen Tagen bei einer Fachtagung von sich gegeben hat.

Habeck wagt den Coup gegen Gazprom

Trotz des Ukraine-Kriegs fließt russisches Gas weiter in großen Mengen nach Deutschland. Die Gasspeicher füllen sich zwar, doch nun gibt es ein Problem. Der Gazprom-Speicher im niedersächsischen Rehden bleibt leer. Ausgerechnet der ist aber der größte in Deutschland. Nun greift Wirtschaftsmini

Mobile Sliding Menu