Energie aus Afrika | The European

Echte Alternative oder Träume im Wüstensand? Wie Europa seine Energie in Afrika produzieren will

Oliver Stock7.04.2022Europa, Medien

Es ist noch nicht lange her, da scheiterte das ambitionierte Projekt deutscher Banken und Unternehmen in der Sahara gigantische Solarkraftwerke zu bauen. Das Projekt unter dem Namen „Desertec“ hatte einen neokolonialen Beigeschmack. Angesichts der aktuellen Energiekrise erlebt es seine Wiederauferstehung. Die ersten deutschen Bauherren sind schon gefunden und wollen die Fehler von einst vermeiden. Von Oliver Stock

Afrika, Solarpanels für Solarstrom

Quelle: ingehogenbijl/Shutterstock

Die Idee, Solarstrom übers Mittelmeer nach Europa zu leiten, löste vor 13 Jahren Euphorie aus. Allerdings scheiterte das Konsortium, das sich den Namen „Desertec“ gegeben hatte und an dem sich vor allem deutsche Banken und Großkonzerne wie Siemens beteiligten, an der Umsetzung. Jetzt erlebt die Idee in abgewandelter Form ihr Comeback. Hintergrund ist der Wunsch, die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu verringern. Bei den neuen Vorhaben geht es nicht mehr um Stromkabel aus der Wüste, sondern um mit Solarenergie gewonnenen Wasserstoff, der im sonnenreichen Nordafrika und in Spanien produziert werden könnte. Von einer neuen „Wasserstoffweltordnung“ ist die Rede.

Die Idee wird inzwischen auf EU-Ebene vorangetrieben. Laut Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans soll Europas Abhängigkeit von fossilen russischen Energieträgern schon „deutlich vor 2030“ minimiert werden. Russlands Krieg gegen die Ukraine habe bestätigt, dass die Energiewende beschleunigt werden müsse, wobei Wasserstoff, der mittels Elektrolyse aus Sonnen-, Wind-, und Wasserenergie gewonnen wird, ein „zentrales Element“ dieser Transformation bilden müsse. Branchenvertreter sprechen von einem kriegsbedingten Durchbruch für die Wasserstoffwirtschaft: Es seien „Dämme gebrochen“, sagt Jorgo Chatzimarkakis, Vorsitzender von „Hydrogen Europe”, dem führenden Verband der europäischen Wasserstofftechnologiebranche: „Die Branche erhält einen „kräftigen Schub.“ Bis 2030 sollten in der EU 20 Millionen Tonnen Wasserstoff verbraucht werden, um die Hälfte des aus Russland importierten Erdgases zu ersetzen, heißt es von der EU; hierzu müssten rund 80 Milliarden Euro in den Aufbau einer entsprechenden Wasserstoffinfrastruktur fließen. Zu finanzieren sei dies vor allem durch steigende Preise für den CO2-Ausstoß. Die Rede ist inoffiziell von „Desertec reloaded“ und dahinter steckt eine neue Wasserstoffweltordnung.

Desertec reloaded

Der Versuch wird von der Afrikanischen Entwicklungsbank geleitet und findet viel Unterstützung. Offiziell heißt die Initiative „Desert to Power“: Strom soll in Afrika günstig produziert werden und die europäische Energiewende durch Wasserstoff retten. Einer der größten Unterschiede zu den ersten Versionen des ambitionierten Projekts: Seit 2015 ist die Wind- und Solarenergie ohne Subventionen vollends wettbewerbsfähig. Die aktuelle Desertec Industrial Initiative wird vom saudischen Versorger „Acwa Power“, dem größten chinesischen Netzkonzern „State Grid“ und Innogy, einer Tochtergesellschaft des deutschen Versorgers Eon mitgetragen. Insgesamt sind 25 große Unternehmen als beratende Partner oder als Gesellschafter mit an Bord. Ihnen allen ist bewusst, dass der Nahe Osten, Nord- und Westafrika etwas haben, was den europäischen Ländern fehlt: genügend freie Fläche. In den letzten Jahren ist bereits einiges passiert in den wichtigen Regionen der Desertec Initiative. Das weltgrößte Solarkraftwerk steht in Abu Dahbi und in Marokko wird das größte Solarthermiekraftwerk gebaut.

In Namibia, 30 Jahre Land eine Kolonie des damaligen deutschen Reichs und seither immer noch enger als andere afrikanische Staaten mit Deutschland verbunden, soll auf dem Gelände einer ehemaligen Diamantenfabrik eines der bisher größten Wasserstoffprojekte weltweit entstehen. Die Hyphen Hydrogen Energy ist dafür im November von der Regierung als „bevorzugter Bieter“ ausgewählt worden und hat nun alle Chancen, das Projekt zu realisieren.

Strom statt Diamanten

Ein Teil des Hyphenkonsortiums ist die Brandenburger Firma Enertrag. Ab 2026 soll grüner Wasserstoff statt Diamanten von hier in die Welt geliefert werden. Im Endausbau werden es fünf Gigawatt Ökostrom sein, was der Kapazität fünf AKWs entspricht. Zudem gibt es eine Elektrolyseanlage zur Wasserstoffgewinnung und eine Meerwasserentsalzungsanlage, um in der trockenen Region überhaupt die nötigen Mengen Wasser dafür bereitstellen zu können. Dazu kommt ein Werk, um aus dem dort hergestellten Wasserstoff besser transportable Derivate wie E-Fuels oder Ammoniak zu machen. Und als Ergänzung ein neues Verladeterminal in der nächstgelegenen Hafenstadt Lüderitz, um die gasförmigen oder flüssigen Produkte zu verschiffen. Angepeilt ist eine Produktionsmenge von jährlich 300 000 Tonnen grünen Wasserstoffs für den regionalen und den internationalen Markt.

Das Projekt hat ein Investitionsvolumen von 9,4 Milliarden US-Dollar. Es sind Dimensionen, wie man sie im Afrika-Geschäft bisher allenfalls von den Chinesen kennt. „Der bisherige Investitionsbestand der deutschen Wirtschaft im gesamten Afrika beträgt zwölf bis 13 Milliarden Dollar“, sagt Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft jüngst in einem Gespräch mit der „Frankfurter Rindschau“.
Namibia, Naher Osten, Marokko: Das Bundesforschungsministerium hat im vergangenen Jahr eine „Potentialanalyse“ zu Energie aus der Wüste erstellt. Ergebnis: „Allein in Westafrika ließen sich jährlich maximal bis zu 165.000 Terrawattstunden grüner Wasserstoff herstellen. Zum Vergleich: Das entspricht 110mal der Menge an grünem Wasserstoff, die Deutschland 2050 voraussichtlich wird importieren müssen. Was die Wissenschaftler im Auftrag des Ministeriums auch feststellten: „Es ist möglich, Westafrikas örtlichen Energiebedarf zu decken – ohne den Energiebedarf für die Produktion von grünem Wasserstoff erheblich einzuschränken.“

Genug für alle

Genau dieser Punkt ist entscheidend, denn das Ganze erinnert eben stark an den Hype um das erste Wüstenstrom-Projekt „Desertec“. Anfang dieses Jahrhunderts hatte der Physiker Gerhard Knies in deutschen Vorstandsetagen und Politikerbüros angeklopft, um Industrie, Politik und Öffentlichkeit von seiner Idee zu überzeugen. Er präsentierte dabei eine Grafik mit einem roten Quadrat, das in der Realität etwa 100 mal 100 Kilometer groß wäre und auf einer Landkarte in der nordafrikanischen Sahara-Wüste eingezeichnet war. Dieser kleine Farbklecks auf dem Globus würde reichen, um die ganze Welt mit sauberer Energie zu versorgen – das war das große Versprechen von Knies und dem Projekt Desertec. Der damalige Siemens-Chef Peter Löscher sprach bei der Gründung der Desertec-Industrieinitiative DII vom „Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts”. Doch DII kam über Pläne nicht hinaus. Projektvater Gerhard Knies ist inzwischen verstorben. In der Sahara scheint die Sonne tagtäglich immer noch ungenutzt auf den Wüstenboden, statt auf Kraftwerke. Das Problem: Den neokolonialen Beigeschmack wurde das Projekt nie los. „Wenn weiße Europäer das Lineal auf Afrikas Landkarte auflegen, schrillen bei vielen die Alarmglocken“ heißt es im österreichischen Standard, der eine genaue Beschreibung von Aufstieg und Fall des Projekts jüngst nachgezeichnet hat. Genau das wollte das Forschungsministerium mit seiner Feststellung, es sei genug Energie für alle da, diesmal vermeiden.

 

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