Die Rezession wird von Tag zu Tag wahrscheinlicher | The European

Die Rezession wird von Tag zu Tag wahrscheinlicher

Oliver Stock7.03.2022Medien, Wirtschaft

Erst schwand das Plus beim Wachstum und nun sprechen Ökonomen bereits davon, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr auch schrumpfen könnte. Der Grund liegt dabei gar nicht bei jenen Unternehmen, die jetzt ihr Russland-Geschäft stoppen und damit Umsatz verlieren. Vielmehr treiben Energiepreise, erneute gestörte Lieferketten und die Inflation den Volkswirten die Schweißperlen auf die Stirn.

Kommt das bald wieder? Eine Rezession wird wahrscheinlicher. Foto: picture alliance / ZB | Sascha Steinach

Von Oliver Stock / WirtschaftsKurier

Die Erkenntnis sickert nur langsam durch. Schließlich will niemand Panik verbreiten und den ersten Stein werfen. Aber mit jedem Tag wird klarer: Der Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt und die Sanktionen, die der Westen daraufhin in Gang gesetzt hat, schaden den Unternehmen in Deutschland und der Volkswirtschaft hierzulande massiv.

Anfangs korrigierten die Ökonomen nur ihre Wachstumsprognosen von mehr als vier Prozent auf immerhin noch über drei Prozent zurück. Inzwischen macht das „R“-Wort die Runde: Rezession. Es könnte auch in Deutschland zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts kommen, der Messgröße für das Wachstum der Wirtschaft. Dies hätte drastische Folgen für Arbeitsmarkt, Steueraufkommen, Schulden und jene Investitionen, die sowohl der Staat wie auch die Unternehmen sich für diesen Jahr vorgenommen haben. Auslöser für das panische Gefühl ist weniger der Zusammenbruch des Russlandgeschäfts in den deutschen Unternehmen, der in der Regel nur einen Anteil von unter drei Prozent des Umsatzes ausmacht. Verantwortlich sind vielmehr explodierende Energiepreise und erneut unterbrochene Lieferketten, die eine Rezession von Tag zu Tag wahrscheinlicher machen.

Noch will kaum jemand das R-Wort aussprechen

Aussprechen möchten es noch die wenigsten. So erschien Ende vergangener Woche in gewohnter Manier der sogenannte Einkaufsmanager-Index, ein Frühindikator, der normalerweise zeigt, wo die Reise hin geht, weil dort Einkäufer großer Betriebe verraten, was sie vorhaben. Das Ergebnis vergangene Woche war: „Der wichtige Konjunktur-Frühindikator für die größte Volkswirtschaft Europas notierte bei 58,4 Punkten und damit abermals deutlich über der Wachstumsschwelle von 50,0“, lautete die Jubelmeldung. Binnenkonjunktur und Auslandsgeschäft florierten. Weiter hinten kam dann erst die Einschränkung: Angesichts des Krieges und Anstiegs der Energiepreise „sei jedoch zu befürchten, dass die Industrie in den kommenden Monaten aufgrund wachsender Probleme in ihren Lieferketten und Beschaffungsmärkten in einen Abwärtstrend geraten könnte. Je nach Dauer und Intensität des Krieges muss mit Abschlägen beim Wachstum und Zuschlägen bei der Inflation gerechnet werden. Die Sanktionen werden den Güter- und Kapitalverkehr erheblich beeinträchtigen“, kommentierte Gertrud Traut, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, die Daten.

Wie sich die „Beeinträchtigung“ auf andere Gebiete durchfrisst, erklärt Heinz-Jürgen Büchner von der Mittelstandsbank: „Mittlerweile sind größere Störungen der Lieferketten aufgetreten.“ So müsse Audi aufgrund fehlender Lieferungen von Kabelbäumen die Produktion in einigen Modellreihen reduzieren, denn die Ukraine habe sich zu einem großen Kabelkonfektionierungsstandort entwickelt. „Dies hat Minderabrufe bei etlichen Zulieferern zur Folge.“

Die Kriegsfolgen treffen fast alle

Und nicht nur Audi leidet, sondern die Kriegsfolgen treffen die allermeisten Branchen unmittelbar: Daimler Truck stoppt seine Geschäftsaktivitäten in Russland und die Kooperation mit dem russischen Lkw-Hersteller Kamaz. Die Mercedes-Benz Group stellt genauso wie BMW und VW bis auf Weiteres den Export von Pkw und Vans nach Russland sowie die lokale Fertigung dort ein. Dabei war VW einst höchst engagiert. Die Wolfsburger waren einer der Hauptsponsoren der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 und Partner der russischen Fußball-Nationalmannschaft. Der Konzern gehört in Russland zu den größten ausländischen Investoren im Automobilsektor. Mehr als 5000 Menschen arbeiteten für VW in Russland und selbst nach der Besetzung der Krim hieß es noch von Seiten der Konzernmanager: „Wir glauben an Russland.“ Der Glaube ist nun endgültig erschüttert.

In anderen Branchen geht es ähnlich zu: Bei der Fondsgesellschaft der Sparkassen, der Deka, investieren die Fondsmanager nicht mehr in russische Wertpapiere. Die Konkurrenz der Volksbanken, die Union Investment setzt die Ausgabe sowie die Rücknahme von Fondsanteilen für den UniEM Osteuropa aus. Der Fonds hatte Ende Januar ein Volumen von rund 100 Millionen Euro, wovon rund 60 Prozent in Russland investiert waren.

Die großen Wirtschaftsprüfer KPMG und PwC trennen sich von ihrem Russland-Geschäft. Die bisherigen russischen Mitgliedsunternehmen scheiden aus den globalen Verbünden aus, teilten die Buchhaltungskonzerne mit. Die Handelsketten REWE, deren Tochter Penny, Aldi und der Discounter Netto des Edeka-Konzerns wollen keine Produkte mehr verkaufen, die in Russland hergestellt worden sind. Die Baumarkt-Kette Obi stellt ihr Geschäft in Russland ein, immerhin sind das 27 Baumärkte und 4900 Mitarbeiter und macht gemessen an der Gesamt-Belegschaft etwa ein Zehntel aus. Der Elektro- und Energietechnikhersteller Siemens Energy hat sämtliches Neugeschäft in Russland gestoppt. Der frühere Mutterkonzern Siemens hat alle neuen Geschäfte und internationalen Lieferungen nach Russland eingestellt. Der Sportartikelhersteller Adidas hat seine Partnerschaft mit dem Russischen Fußballverband eingestellt. Und Konkurrent Puma will sich bis auf weiteres ganz aus dem operativen Betrieb in Russland zurückziehen. Die Deutsche-Post-Tochter DHL befördert keine Sendungen mehr nach Russland. Die Lufthansa fliegt das Land nicht mehr an. Ihre Tochter Lufthansa Technik hat wegen der Sanktionen sämtliche Serviceleistungen für russische Kunden gestoppt, genauso wie Airbus und Boing, hunderte Maschinen müssen deswegen am Boden bleiben. Bei all den Unternehmen führt der Ausfall des Russland-Geschäfts zu einer – meist überschaubaren – Delle im Umsatz.

Verheerende Auswirkungen auf Energiepreise

Verheerender aber sind die Auswirkungen auf Energiepreise und damit Inflation, die die Sanktionen haben. „Der Russland-Ukraine-Krieg ändert die geopolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen insbesondere für Europa grundlegend”, kommentiert die Deka-Bank die aktuelle Situation. Die Ratingagentur Scope senkt die Daumen: „Die Wachstumsaussichten Deutschlands verschlechtern sich. Deutschlands exportorientierte Wirtschaft und die Abhängigkeit der Exporteure von internationalen Zulieferern impliziert, dass der Krieg in der Ukraine zu weiteren Störungen führen wird“, sagte Scope-Experte Eiko Sievert. Im schlimmsten Fall schließen Ökonomen selbst eine schrumpfende Wirtschaft nicht aus: Das wirtschaftliche Risikoszenario liege in einer weiteren und länger andauernden Eskalation mit nochmals schärferen Sanktionen zwischen dem Westen und Russland, heißt es von der Deka-Bank. „Insbesondere ein abruptes Aussetzen von Rohstofflieferungen könnte in Westeuropa eine kurzzeitige Rezession auslösen” – womit das „R“-Wort gefallen ist. Ralph Solveen, stellvertretender Chefvolkswirt der Commerzbank schließt sich an und erklärt, dass die deutsche Wirtschaft trotz grundsätzlich „äußerst guter konjunktureller Rahmenbedingungen” in eine Rezession stürzen könne.

Auch für die Entwicklung des deutschen Außenhandels insgesamt werden der Krieg in der Ukraine sowie die verhängten Sanktionen spürbare Folgen haben. Das bisher prognostizierte Exportwachstum von sechs Prozent für 2022 sei nicht mehr zu schaffen, erklärte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). sagte. „Angesichts des Krieges in der Ukraine wird klar, dass das Gesamtjahr ein absolut dunkles sein wird”, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Es könne sogar sein, „dass der preisbereinigte Export in negative Zonen abrutscht.”

Anleger nehmen das Szenario inzwischen zur Kenntnis. Nachdem der Dax wochenlang eher seitwärts notierte, ist er inzwischen ins Rutschen geraten und notierte zu Wochenbeginn zeitweise auf dem tiefsten Stand seit November 2020. Den Einbrüchen beim Umsatz, den die Unternehmen gerade erleiden, können sich Anleger derzeit offenbar nur durchs Aussteigen entziehen.

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