Deutsche Brücken sind marode | The European

Diese Brücke zeigt, wie kaputt Deutschlands Straßen sind

Oliver Stock17.01.2022Medien, Wirtschaft

Vor einem halben Jahrhundert war sie bei der Eröffnung 1972 die „Königin der Autobahnen“: Die A45 durch das Sauerland führt über mehr als 50 Brücken. Inzwischen ist sie der Alptraum der Ingenieure. Die Brücken sind marode. Die Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid muss jetzt sogar ganz abgerissen werden. Das dauert Jahre und stürzt eine ganze Region in die Krise. Von Oliver Stock.

Autobahn- Brücke "Talbrücke Rahmede", Foto: picture alliance / ZB/euroluftbild.de | euroluftbild.de/Hans Blossey

Es ist ein schwarzer Freitag. Am 7. Januar teilt die Autobahn Gesellschaft, die der ehemalige Bundverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mit der Planung und Erhaltung der Fernstraßen betraut hat, offiziell mit: Die Rahmede Talbrücke muss weg. Bei den Anwohnern bricht Verzweiflung aus. Jürgen Manz, Betriebsleiter bei einem kleinen Metallbauer im sauerländischen Lüdenscheid, macht seinem Ärger Luft: „Es ist diese Ohnmacht, die einen immer aggressiver macht“, sagt er. Die Leverkusener Brücke, die Mülheimer Brücke – jetzt die Talbrücke Rahmede. Kaputt, nicht mehr befahrbar mit allen Folgen: Der Verkehr, täglich rund 50 000 Autos und 13 000 Lastwagen, wird über Jahre durch die Ortschaften kriechen. Eine dreiviertel Stunde wird es länger dauern, um auf einer der wichtigsten Querverbindungen in Deutschland, der A 45 von Dortmund nach Aschaffenburg zu gelangen. Schwerte, Lüdenscheid und all die anderen an den Umleitungen liegenden Örtchen ersticken in Lärm und Abgasen, Anwohner tragen sich mit Umzugsplänen, Betriebe werden abgeschnitten.

Stefan Schreiber, Chef der IHK Dortmund, reagiert auf die Kunde aus Berlin, dass die Brücke wegen Schäden abgerissen und neugebaut werden muss, wie auf eine Todesnachricht: „Ich bin erschüttert“, sagt er, „weil mir bewusst ist, dass eine mehrjährige Vollsperrung Arbeitsplätze und Wertschöpfung kosten wird, auf die wir dringend angewiesen sind. In diesem Fall würden Unternehmen nicht einfach nur die Zähne zusammenbeißen, sondern Investitionen verschieben, Standorte verlagern und Fachkräfte werden sich andere Jobs suchen.“ Betriebsleiter Manz ist noch direkter. Er glaubt, dass die Brücke zu weit von Berlin entfernt ist, als dass es dort jemanden interessiere: „Wenn da einer am Reichstag eine Brücke bauen würde, ginge mir das hier doch am Arsch vorbei“, sagt er und unterstellt damit, dass es umgekehrt nicht sehr viel anders sein wird.

Was ist passiert? Das, was Professor Roman Suthold, Verkehrsexperte beim ADAC, „worst case“ nennt, kündigte sich 2. Dezember des vergangenen Jahres an. Bei eine Routine-Überprüfung der 453 Meter langen Rahmede Talbrücke stellen die Kontrolleure Verformungen in der Stahlwand fest, die die Tragfähigkeit der Brücke beeinflussen können. Zunächst ist der Plan, die Talbrücke mithilfe einer Not-Verstärkung nach drei bis vier Monaten zumindest wieder für den Autoverkehr freizugeben. Doch dann rückt ein Expertenteam an und gibt zu Protokoll: Das Stahlgerüst weise nicht nur Verformungen und Beulen auf, sondern viele Bereiche des Stahls seien stark verrostet und haben Risse. Das Endergebnis: Die Brücke kann nicht saniert werden, ein kompletter Neubau ist notwendig. Die großen Verkehrsmengen, aber vor allem die gestiegenen Gewichte in den vergangenen Jahrzehnten, seien die wesentlichen Gründe für den heutigen Zustand der 53 Jahre alten Brücke. „Die Situation zeigt, wie dramatisch sich der Zustand der Brückeninfrastruktur in wenigen Jahren verschlechtern kann“, sagt ADAC-Experte Suthold. Er fordert, eine noch engmaschigere Überprüfung aller Brücken in Deutschland.

Ganz überraschend allerdings kommt der Befund von Rahmede nicht. Im Rat der Stadt Lüdenscheid hatten bereits 2016 Ingenieure des damaligen Landesbetriebs Straßen NRW die Kommunalpolitiker gewarnt: Unter den Talbrücken der A 45 sei die Rahmede-Talbrücke „eines der größten Sorgenkinder“. Spätestens 2025 sei sie „nicht mehr leistungsfähig“. Jetzt ist es eben drei Jahre eher passiert. Ein Neubau dauert nach Auskunft der Autobahn Gesellschaft mindestens fünf Jahre – was allerdings einigermaßen überrascht: Die mehr als doppelt so lange 2018 eingestürzte Talbrücke nahe Genua in Italien, ist nach nicht einmal zwei Jahren wieder aufgebaut worden. Wie schnell eine neue Brücke steht, hänge maßgeblich davon ab, wie zügig die alte entfernt werden kann, heißt es von den deutschen Planern. Dafür prüfen Ingenieure nun, wie die alte Brücke abgebrochen werden kann: entweder gesprengt oder kleinteilig abgebaut.

Einig sind sich alle Beteiligten, dass der zunehmende LKW-Verkehr dafür verantwortlich ist, dass sich die Lebensdauer der Autobahnbrücken deutlich verkürzt. Nach Angaben der Autobahn Gesellschaft hat seit der Sperrung der Talbrücke besonders der Lkw-Verkehr auf den Ausweichrouten A1, A3 und A4 deutlich zugenommen. Im Vergleich zu den beiden Wochen vor der Sperrung stieg der Schwerverkehr in der ersten Woche nach der Sperrung um 18 Prozent an – womit auch die Brücken auf diesen Autobahnen unerwartet starken Belastungen ausgesetzt sind und ein Dominoeffekt mit weiteren unerwarteten Sperrungen eintreten könnte.

Google Maps hat zumindest virtuell schon Fakten geschaffen. Der größte und wichtigste Kartendienstleister in Deutschland hat die gesperrte Talbrücke Rahmede entfernt. Auf der Strecke der A45 zwischen Lüdenscheid und Lüdenscheid-Nord fehlt die Fahrbahn auf der Brücke komplett. Die A45 – Lebensader der Region – ist unterbrochen.

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