Der Fachkräftemangel wird zur Gefahr | The European

Keine Fachkräfte: An der Wiege fehlt die Hebamme, an der Bahre der Priester

Oliver Stock30.10.2021Medien, Wirtschaft

Der Fachkräftemangel wird zur Gefahr. Jedes zweite Unternehmen stöhnt inzwischen, dass es keine geeigneten Fachkräfte findet. Die Folge: Kunden warten ewig bis zum Beispiel der Handwerker kommt. Ganz schlimm ist es in Behörden: Dort will keiner mehr eine Ausbildung machen. Mehr Zuwanderung, und attraktivere Ausbildung sollen jetzt helfen, diese Dauerbaustelle zu schließen. Von Anke Henrich und Oliver Stock.

Signal rot, Fachkräftemangel, Quelle: Fotolia

Du hast keine Chance, also nutze sie –  so ähnlich muss Hans-Werner Eschrich, Obmann der Innung Sanitär Heizung Klima in Düsseldorf, gedacht haben, als ihn Fensehreporter jüngst ein Mikrofon unter die Nase hielt. Er sollte zu den langen Wartezeiten für HandwerkerAuskunft geben. Der Chef der Firma H.W.E. GmbH antwortete geduldig. Und setzte dann zum Schlusswort an, um die minimale Chance zu nutzen, dazu beizutragen, das sich doch etwas am wahren Problem  ändert: „Wenn Eltern ihren Kindern immer nur vermitteln, ein Studium sei das einzig Wahre, dann ist es kein Wunder, wenn Handwerksbetriebe keine Auszubildenden mehr finden.“ Und Kundenin der folge  keine Termine bekommen, weil es einfach zu wenig Mitarbeiter gibt.

Es ist wie ein nervtötender Wecker auf Schlummermodus: Seit Jahrzehnten schlagen Unternehmen, Industrieverbände und Handwerker Alarm: Uns gehen die Fachkräfte aus. Es folgen in der Politik: kurzes Aufschrecken, allgemeines Nicken, Aufstocken eines Fördertopfes. Und dann drückt die Politik die Schlummertaste. Wann bekommt Fachkräftemangel in der Exportnation Deutschland den gleichen Stellenwert wie die digitale Transformation, wie Strukturwandel, Nachhaltigkeit und Energiewende?

Die Lage ist inzwischen dramatisch. „Ich habe so eine Zuspitzung noch nie erlebt. Insbesondere dort, wo die Wirtschaft trotz der Einschränkungen und Folgen von Corona gut läuft, ist der Fachkräftemangel extrem“, sagt Ariane Durian, Personalberaterin aus Karlsruhe. Sie nennt neben der mangelnden Bereitschaft, sich schon in der Ausbildung auf einen Handwerksberuf einzulassen, einen weiteren Grund für den Fachkräftemangel: „Offenbar schlägt der demografische Wandel inzwischen am Arbeitsmarkt richtig durch“, sagt sie. Es gibt also schlicht zu wenig Nachwuchs.

In Zahlen sieht das so aus: 250.000 fehlende Mitarbeiter beklagt der Zentralverband des Deutschen Handwerks. Deren Kunden ärgern sich über durchschnittlich neun Wochen Wartezeit, bis ein Auftrag begonnen werden kann. Doch es geht nicht nur um Handwerker. Der Arbeitskräftemangel zieht sich durch viele Branchen: Es gibt in Deutschland 937.000 „Fachkräfte für Fahrzeugführung“, wie Brummifahrer offiziell heißen. Ein Drittel von ihnen war 2020 mindestens 55 Jahre alt. Das Interesse jüngerer Menschen an dem unterdurchschnittlich bezahlten Beruf ist also mehr als unterdurchschnittlich. Es fehlt an Fahrern.

Selbst das Bundeswirtschaftsministerium macht keinen Hehl aus der Misere: Neben Handwerkern und Fahrern gebe es „Engpassberufe“ in der Altenpflege, in der Metall- und Elektroindustrie und im IT-Bereich sowieso, lässt Noch-Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mitteilen. Sein Ministerium hat Zahlen, die nachdenklich machen, zusammengetragen: Der Anteil derjenigen, die älter als 67 sind und noch arbeiten, werde im nächsten Jahrzehnt um bis zu 45 Prozent steigen müssen, sonst ist die Arbeit nicht zu schaffen. Von 800 Berufsgattungen stöhnen mit 352 knapp die Hälfte darüber, dass sie keine neuen Leute finden. 55 Prozent sehen den Fachkräftemangel als eines der größten Risiken für ihr Unternehmen. Bei der Geburt fehlen Hebammen, am Sterbebett fehlen Priester. Wer zwischen Wiege und Bahre noch ins Theater möchte, beeile sich. Hubert Eckart, Geschäftsführer der Theatertechnischen Gesellschaft, warnt: „Wir beklagen einen eklatanten Fachkräftemangel in der Theatertechnik. Wenn nicht umgedacht wird, werden wir in fünf Jahren nur noch die Hälfte der Premieren herausbringen können.“

Arbeitsmarktpolitiker können die Misere täglich im eigenen Haus betrachten. Jeder dritte im öffentlichen Dienst Beschäftigte geht bis 2030 in den Ruhestand, so eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Die Personallücke von mehr als 730.000 Beschäftigten werde die Handlungsfähigkeit der Behörden einschränken. Darunter seien 400.000 Stellen auf der mittleren Führungsebene. Verglichen mit anderen Branchen sei der prognostizierte Personalmangel im öffentlichen Sektor am größten.

Lösen lässt sich das Problem nur mit einem ganzen Bündel von Gegenmaßnahmen. Eines davon benannte jüngst der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck: „Nötig ist eine qualifizierte Einwanderung, um den stetig wachsenden Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen. Jetzt so zu tun, als wäre dieses Land wie früher mit den einheimischen Kräften in die Zukunft zu führen, ist einfach ein Irrglaube.“ 400 000 Zuwanderer braucht Deutschland im Jahr, um die Lücken auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu schließen, hat die Bundesarbeitsagentur ausgerechnet

Realistisch betrachtet können Unternehmen solche politischen Rahmenbedingungen wie veränderte Regeln für die Zuwanderung kaum beeinflussen. Sie haben andere Hebel – angefangen bei den Azubis. Rund die Hälfte der deutschen Unternehmen gibt in Umfragen an, mehr Ausbildung sei eine Lösung gegen Fachkräftemangel. Aber: Innungobmann Eschrich hat recht, wenn er beklagt, dass die Berufsausbildung zunehmend unattraktiver gegenüber einem Studium wird. Nicht nur, weil Eltern Abiturienten und Abiturientinnen lieber an der Hochschule sehen – und die Abbrecherquote von durchschnittlich 30 Prozent ignorieren.

Fortschrittliche Firmen machen ihren Auszubildenden deswegen schon heute bestechende Angebote. Sie locken Schüler mit aufwendigen Praktika, gewähren Azubis früh Verantwortung in eigenen, überschaubaren Bereichen und unterstützen sie überdurchschnittlich in der Berufsschule. Selbst internationale Berufserfahrungen durch Auslandspraktika sind nicht nur für Studierende, sondern auch für Auszubildende möglich.

Bernd Faßbender, Inhaber der Heizungs- und Sanitärfirma Faßbender aus Bergheim in Nordrhein-Westfalen, schickt seine Auszubildenden mit einen Programm der Europäischen Union, das sich „Erasmus+“ nennt, für vier Wochen ins europäische Ausland. „Die Azubis kommen motivierter zurück. Man spürt: Sie haben sich durchgeboxt im Ausland und lassen sich nicht mehr so schnell umpusten.“ So könnten sie anschließend besser mit der Kundschaft umgehen und „würden auch fachlich nicht dümmer“.

Praxis im Unternehmen, Theorie an der Fachhochschule – mit diesem Ausbildungsmodell ködern Unternehmen im tiefsten Ostwestfalen oder Schwäbischen gute Schülerinnen und Schüler. Sie bieten profundes Wissen, das der Karriere einen kräftigen Schub geben kann. Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer blicken auf viele Jahre Erfahrung mit diesem dualen Modell zurück. Mehr als 60 Prozent aller Betriebe bieten es inzwischen an. Nicht nur, weil sie so motivierte junge Menschen für eine Ausbildung in ihrem Unternehmen begeistern können. Sondern weil die kommen, um zu bleiben. 77 Prozent der Unternehmen behalten alle Studierenden direkt nach Studienabschluss. Nach drei bis fünf Jahren sind noch 57 Prozent aller dualen Absolventen an Bord.

Und dann sind da noch die 30 Prozent Studienabbrecher. Nicht alle stürzen sich in ein anderes Studium. Viele brauchen eine neue Perspektive. Kluge Unternehmen suchen deshalb gerade unter ihnen nach künftigen Fachkräften. „Wer abbricht oder durchfällt, ist gescheitert? Von wegen – starte durch und werde Steuerexperte mit Digitalexpertise“, wirbt das Unternehmen mibeg consulting ziel- gruppengerecht laut und bunt im Internet für den Beruf des Steuerfachangestellten mit der Zusatzqualifikation „Digital Account“. Die Erfahrung aus anderen Branchen zeigt: Auch Studienabbrecher kommen, um zu bleiben.

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