Biontech in den Dax? Waffenhändler raus aus dem Dax? | The European

Biontech in den Dax? Waffenhändler raus aus dem Dax? Interview mit Christine Bortenlänger

Oliver Stock12.11.2020Medien, Wirtschaft

Die Chefin des Deutschen Aktieninstituts Christine Bortenlänger über die Frage, ob Waffenhersteller in den DAX gehören, ob Biontech ein Aufsteiger ins Topsegment ist und wie groß der DAX überhaupt künftig werden soll. Von Oliver Stock.

Christine Bortenlänger

Frau Bortenlänger, die Deutsche Börse plant eine Veränderung bei den Kriterien, wer in den Dax kommt und wer nicht. Ein zweiter Fall Wirecard soll von vornherein ausgeschlossen werden. Was meint das Deutsche Aktieninstitut dazu?

Eine Veränderung ist sinnvoll, aber im Detail sind wir nicht mit allen Vorschlägen einverstanden.

In welchen Details?

Zum Beispiel, dass die Börse anstrebt, dass Nachhaltigkeitsaspekte als Kriterium für die DAX-Zugehörigkeit dienen sollen. So schlägt die Börse vor, Hersteller sogenannter kontroverser Waffen draußen zu halten . . .

Hersteller also von Minen und Streubomben . . .

. . . ja, aber die sind zu Recht international geächtet. Das Problem ist doch, dass es keine weltweit anerkannte Festlegung gibt, was genau unter kontroversen Waffen zu verstehen ist. Sind auch Atomwaffen, die im Rahmen der NATO- oder europäischen Sicherheitsstrategie eingesetzt werden, kontroverse Waffen?

Wieso fragen Sie?

Weil Unternehmen, deren Produkte der militärischen Verteidigung dienen, für die EU und ihre Bürger eine entscheidende Rolle spielen. Sie dürfen nicht für Investoren tabu sein, die nur in Unternehmen investieren, die DAX-Mitglieder sind.

Aber wollen wir wirklich, dass in Streubombenhersteller investiert werden kann?

Die Fragestellung ist falsch. Unternehmen, die beispielweise für das französische Verteidigungssystem an der Atomwaffenproduktion beteiligt sind, dienen der Verteidigungsstrategie zur äußeren Sicherheit Deutschlands und Frankreichs. Der Atomwaffensperrvertrag erkennt an, dass Frankreich zur Herstellung von Atomwaffen berechtigt ist. Insgesamt ist die Zulässigkeit von Atomwaffen eine gesellschaftspolitische Debatte. Da ist die Politik zuständig. Sie ist bei der Neuausrichtung des DAX aber fehl am Platz. Alle Aktiengesellschaften mit rechtlich zulässigen Geschäftsmodellen müssen die Möglichkeit haben, in diesen Index zu kommen, wenn sie nachvollziehbare, klar abgrenzbare Kriterien erfüllen. Da die Definition von „kontroverse Waffen“ unbestimmt ist, ist es als Kriterium für den DAX ungeeignet.

Was sollen Investoren tun, die sicher sein wollen, unter gesellschaftspolitischen Abwägungen nicht danebenzugreifen?

Für Investoren, die sich nach gesellschaftspolitischen Kriterien ausrichten wollen, gibt es schon jetzt den DAX 50 ESG. Dieser bildet die Kursentwicklung der 50 größten und liquidesten Aktien auf dem deutschen Markt ab, die nach Kriterien wie Umweltschutz, sozialer Verantwortung und guter Unternehmensführung ausgewählt sind. Lassen wir doch die Investoren entscheiden, in welchen Index sie investieren.

In der Realität dürfte es bislang vor allem um Airbus gehen.

Zu einzelnen Werten will ich mich hier nicht äußern. Aber wir hätten natürlich ein echtes politisches Thema in der deutsch-französischen Zusammenarbeit, wenn Airbus durch so ein Kriterium aus dem MDAX fiele. Aber es gibt noch einen zweiten Grund, warum wir uns gegen dieses Kriterium ausgesprochen haben. Es ist nicht nachvollziehbar, warum ausgerechnet dieses Kriterium aus der Fülle der ESG-Kriterien ausschlaggebend für die Aufnahme eines Unternehmens in einen allgemeinen Aktienindex sein soll. Warum nicht der CO2-Ausstoß oder die Frauenquote?

Der Dax soll auch von 30 auf 40 Werte ausgedehnt werden – was halten Sie davon?

Das klingt so einfach. Ist es aber nicht. Natürlich ist es gut, wenn der Leitindex mehr Branchen und Werte abbildet. Nur werden dadurch die darunterliegenden Indices unattraktiver: Der MDAX verlöre im vorgestellten Konzept erheblich an Gewicht. Das stößt auf viel Widerstand. Vor der Entscheidung müsste man sich also DAX, MDAX, SDAX und TecDAX zusammen ansehen und simulieren, wie sich Veränderungen auf die Segmente auswirken. Danach kann man dann ein Konzept für die gesamte DAX-Familie vorlegen.

Welche Kriterien halten Sie denn für sinnvoll?

Der Vorschlag, dass es einen Prüfungsausschuss geben muss, ist richtig. Dieses Kriterium, das für gute Corporate Governance steht, muss ein DAX-Unternehmen erfüllen. Gleichwertige Ausschüsse in der Kommanditgesellschaft auf Aktien sollten ebenfalls anerkannt werden. Ich stimme auch zu, dass der testierte Jahresabschluss innerhalb der vorgesehenen Frist vorgelegt werden muss. Dass nicht mehr der Börsenumsatz, sondern eine gewisse Mindestliquidität bei der Auswahl berücksichtigt werden soll, begrüße ich ebenfalls.

Muss ein Unternehmen Geld verdienen oder darf es – wie Dax-Jungmitglied Delivery Hero nur Schulden machen?

Da habe ich eine ganz persönliche Meinung: Wenn die Börse das Gewinn-Kriterium durchsetzt, haben manch spannende Unternehmen viel zu lange keine Chance in den Dax zu kommen. Gäbe es ein deutsches Apple oder Amazon, wäre diesen der Einstieg ins Topsegment lange verwehrt gewesen und der Zugang zu bestimmten Investoren damit versperrt. Das ist nicht gut, meine ich persönlich.

Und Impfstoff-Hersteller Biontech kämen auch nicht so schnell hinein . . .

Das kann ich nicht beurteilen. Aber wie wäre es – und das sage ich jetzt mit einem Augenzwinkern – mit einem „DAX der Herzen“? Für Unternehmen, die gerade besonders viel Wohlwollen in der Gesellschaft haben.

Was sagt die Anlegerin Christine Bortenlänger: Sollen Kleinanleger jetzt in Aktien investieren?

Also mein Depot hat am Montag, als die Nachricht über einen verfügbaren Impfstoff die Runde gemacht hat, einen Satz nach oben getan. In Aktien investieren, ist immer gut, am besten ganz regelmäßig über einen Sparplan – damit kann man jederzeit beginnen.

 

 

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