Banken geben Niedrigzins nicht weiter | The European

Trotz Corona: Dispozinsen wieder auf Rekordniveau

Oliver Stock1.10.2020Wirtschaft

Eigentlich wollten Sparkassen und Banken Teil der Lösung in der Wirtschaftskrise sein. Dies gilt aber offenbar nicht für die Dispozinsen: Nach einer kurzen Senkung sind die Überziehungszinsen beim Girokonto wieder auf ihr altes, hohes Niveau zurückgekehrt.

Interessenskonflikt, Quelle: Shutterstock

Es war nur ein kurzes Aufatmen: Zu Beginn des ersten Lockdowns, als Deutschland im März dieses Jahres die Läden schloss, die Unternehmen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Home Office schickte und Restaurants und Hotels die Gatter herunterließen, haben einige Banken die Zinsen für die Überziehung des Girokontos gesenkt. Der sogenannte Dispo lag statt im zweistelligen, nur noch im deutlich einstelligen Prozentbereich – es war als Maßnahme gedacht, um Soforthilfe bei Corona zu leisten.

Inzwischen allerdings ist klar: Die Soforthilfe wurde auch sofort wieder beendet. Eine Untersuchung der FMH-Finanzberatung, die sich auch mit Zahlen des Vergleichsportals check 24 deckt, hat ergeben, dass trotz eines historisch niedrigen Zinsniveaus und der Belastungen aus der Corona-Krise Banken und Sparkassen in Deutschland immer noch Dispozinsen von durchschnittlich fast zehn Prozent verlangen. Die Untersuchung von mehr als 3400 privaten Girokontenmodellen bei 1250 Kreditinstituten zeigte, dass die Spanne der erhobenen Dispozinsen zwischen 0 bis 13,75 Prozent liegt. Mehr als die Hälfte der untersuchten Banken bietet mindestens ein Konto an, bei dem zehn Prozent und mehr Zinsen verlangt werden.

Untragbare Praxis

Die Bürgerbewegung Finanzwende, die der ehemalige finanzpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag Gerhard Schick gegründet hat, hält das für eine untragbare Praxis: „Hohe Dispozinsen können in der Coronakrise unverschuldet zu einer finanziellen Überlastung von Menschen beitragen und in die Überschuldung führen“, heißt es von der Bürgerbewegung. Der Dispozins müsse runter.

Die Banken räumen ein, dass der Zins für eine Überziehung des Girokontos hoch sei. Sie raten deswegen, ihn nur kurzfristig zu nutzen, was nach Angaben des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken, der derzeit die Sprecherrolle der Deutschen Kreditwirtschaft übernommen hat, von den meisten Kunden auch so gehandhabt wird. Darüber hinaus, so stellt der Bankenverband fest, sei der Aufwand für die Banken, das Geld vorzuhalten und mit Eigenkapital zu unterlegen, hoch und der Zinssatz entsprechend teuer.

Die Argumente besänftigen die Kritiker nicht. Die Bundesregierung sprach bereits im Januar 2019 von „übertrieben hohen Dispozinsen“, die nicht selten zu Überschuldung führten. Sie hat deswegen eine Beratung seites der Banken vorgeschrieben: Kunden, die länger in den Miesen sind, sollen automatisch Angebote erhalten, wie sich günstigere Kredite abschließen lassen. Die Bürgerbewegung Finanzwende fordert, Dispozinsen von zehn Prozent und mehr sollte es während der andauernden Corona-Krise nicht geben und hat deswegen bereits im Mai an die zentralen Bankenverbände geschrieben. Sie verwies auf die hohen Kurzarbeiterzahlen und die Einnahmeausfälle für die Betroffenen.

Banken geben Niedrigzins nicht weiter

Zudem stellt sie fest, dass sich Banken immer wieder über die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank beschweren. Eine Folge ist, dass viele Menschen keine Zinsen mehr auf ihr Guthaben bekommen und sich Banken untereinander sogar zu Minuszinsen Geld leihen. Bei den Dispozinsen, die die Kunden zahlen müssen, sei diese Entwicklung oftmals aber nicht wirklich angekommen. „Und das genau bei dem Teil der Kundschaft, der eh sehr knapp bei Kasse ist und aufgrund der Corona-Krise den Gürtel oft nochmal enger schnallen muss.“

Jetzt zeige sich auch noch, dass die Senkung der Dispozinsen, die die Banken im Frühjahr angekündigt hatten, nur ein Strohfeuer gewesen sei, beklagt ein Sprecher der Bürgerbewegung. Die allermeisten Geldhäuser hätten die Zinsen inzwischen wieder aufs ursprünglich hohe Niveau gehoben. Spitzenreiter sind nach Angaben der Bürgerbewegung eine Volksbank in Oberbayern, die 13,75 Prozent verlangt. Die ökologisch orientierte GLS-Bank bietet dagegen ein Girokonto an, bei dem auch die Überziehung im Gesamtpreis für die Kontoführung inbegriffen ist.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

In Deutschland beginnt der Kampf um die Gülle

Weil Kunstdünger wegen hoher Energiepreise knapp und extrem teuer geworden ist, hat mit einmal Gülle ihren Preis. Hatten Bauern früher Mühe, ihren Mist loszuwerden, wird er ihnen jetzt aus den Händen gerissen. Schon ist auch Gülle zum knappen Gut geworden. Von Oliver Stock / Wirtschaftskurier

Scholz ist Schulden- und Inflationskanzler

Der CDU-Chef warnt: Die gegenwärtige Bundesregierung macht in zwei Haushaltsjahren mehr Schulden als alle Bundesregierungen zusammen in den ersten 40 Jahren der Bundesrepublik Deutschland. Von Friedrich Merz

Corona: Die Illusion der Normalität

Wir erleben derzeit ein Deja-Vu. Wir koennen, so wie im Sommer 2021, auch jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass spaetestens im Herbst die Corona-Zahlen wieder deutlich steigen werden. Diese Tendenz ist bereits jetzt feststellbar - allerdings auf einem noch nicht

Aus für den Verbrenner: Kommt es jetzt zum Havanna-Effekt?

An 2035 wird es keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr auf europäischen Straßen geben. Werden Liebhaber von benzin- und Dieselantrieben dann mit ihren rostigen Lauben bis zum Sankt Nimmerleinstag unterwegs sein?

Ampel plant Kahlschlag bei Gas

Es klingt geradezu abenteuerlich, was der beamtete Staatssekretär des Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz vor wenigen Tagen bei einer Fachtagung von sich gegeben hat.

Habeck wagt den Coup gegen Gazprom

Trotz des Ukraine-Kriegs fließt russisches Gas weiter in großen Mengen nach Deutschland. Die Gasspeicher füllen sich zwar, doch nun gibt es ein Problem. Der Gazprom-Speicher im niedersächsischen Rehden bleibt leer. Ausgerechnet der ist aber der größte in Deutschland. Nun greift Wirtschaftsmini

Mobile Sliding Menu