Aus für Verbrennungsmotor | The European

Aus für den Verbrenner: Kommt es jetzt zum Havanna-Effekt?

Oliver Stock9.06.2022Medien, Politik

An 2035 wird es keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr auf europäischen Straßen geben. Werden Liebhaber von benzin- und Dieselantrieben dann mit ihren rostigen Lauben bis zum Sankt Nimmerleinstag unterwegs sein?

Exhaust from a car with the traffic sign for driving ban, in german Fahrverbot for diesel motor vehicles in the low emission zone of some cities of Germany,

Quelle: Shutterstock

Das EU-Parlament will den Verkauf von Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2035 verbieten. Eine Mehrheit der Abgeordneten stimmte in Straßburg dafür, dass Hersteller ab Mitte des nächsten Jahrzehnts nur noch Autos und Transporter auf den Markt bringen dürfen, die keine Treibhausgase ausstoßen. Bevor eine solche Regelung in Kraft treten kann, muss das Parlament noch mit den EU-Staaten darüber verhandeln.

Der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments hatte zuvor für das von der EU-Kommission im Rahmen des Klimapakets „Fit for 55“ vorgeschlagene faktische Verbrenner-Verbot ab dem Jahr 2035 für neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge in der Europäischen Union gestimmt. Demnach müssen Autohersteller sicherstellen, dass ihre Neuwagen 2035 keine Schadstoffe mehr ausstoßen – was einem Verbot von Benzin- und Dieselmotoren gleichkommt. Auch synthetische Kraftstoffe sind damit verboten – nur Elektroautos erfüllen aus heutiger Sicht diese Vorgaben. Die EU-Staaten reagierten auf das Klimapaket gespalten: Mehrere Staaten unter anderem auch Tschechien waren dagegen. Die EU muss nun Verhandlungen mit den Regierungen über das endgültige Gesetz aufnehmen.

Das Verbot ist längst eingeplant

In Deutschland gab es in der Ampelkoalition unterschiedliche Auffassungen: Für viele Grünen sind Verbrenner in Zeiten des Klimawandels Gift. Die Partei wollte ein Verbrennerverbot in Deutschland bereits bis 2030. SPD und FDP haben vor allem die Branche im Blick: Ewig sollten die Autobauer mit den Verbrennern nicht weitermachen, aber wirklich verbieten wollte man ihnen nichts. Wegen der Arbeitsplätze bei der SPD und wegen der Freiheit bei der FDP.
Die Autoindustrie allerdings hat das Verbot schon eingeplant. Das hat wenig mit vorauseilendem Gehorsam, als mehr mit den Wünschen der Kunden zu tun. Der Absatz von E-Autos steigt rasant, Benziner- und Dieselmodelle stagnieren oder sind rückläufig in den Verkaufszahlen. Tesla hat in Europa mit rund 61 000 verkauften Autos die Nase weit vorn. Auf Platz zwei liegt Fiat mit 19 000 E-Autos, die der Konzern zwischen Januar und April 2022 in Europa auf die Straße gebracht hat. Allerdings sind die Zahlen nach wie vor bescheiden im Vergleich zu den Neuzulassungen der Autos mit Verbrennungsmotor: Von den Gesamtzulassungen machen E-Autos nur 14 Prozent aus.

Die meisten Hersteller planen bis 2030 zumindest in Deutschland und etlichen anderen Ländern keine Neuwagen mit Diesel- oder Benzinmotoren mehr zu verkaufen. Der mit Abstand größte europäische Konzern, Volkswagen, hat sich zum Klimaziel von Paris, das Klimaneutralität bis 2050 vorsieht, bekannt und dementsprechend als erster Autobauer schon vor Jahren öffentlich vorgerechnet: Wenn ab 2050 keine Autos mehr CO2 ausstoßen dürfen, dann muss der Verkauf von Verbrennern bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von Autos, die bei 15 Jahren liegt, weltweit 2035 enden. In Deutschland gilt inzwischen das Klimaschutzgesetz, das Klimaneutralität bis 2045 vorschreibt. Damit müsste der Verkauf hierzulande bereits um das Jahr 2030 enden. VW-Chef Herbert Diess hat bereitsverkündet: „Wir können ein Verbrennerverbot bewältigen.“

Die Industrie macht, was die Kunden wollen

Die Industrie bereitet sich vor, dass es jetzt schnell geht. Porsche etwa will 2030 mehr als 80 Prozent E-Autos in die Welt setzen. In Deutschland soll die Quote noch höher sein. Audi will 2033 die Verbrenner-Produktion einstellen und kann sich vorstellen, dass in Deutschland früher zu machen. Die Marke VW will 2030 in ganz Europa „über 70 Prozent“ reine E-Autos verkaufen und ab 2033 weltweit die Produktion von Verbrennern einstellen. Auch hier gilt: In Deutschland könnte es schneller gehen. Daimler will 2030 in der Lage sein, alle Marktsegmente mit E-Autos abzudecken. Mini will Anfang der 2030er-Jahre nur noch rein elektrische Autos verkaufen. Renault strebt für 2030 in Europa einen E-Auto-Anteil von mindestens 90 Prozent an. Opel, Citroen und Peugeot, die in einem Konzern agieren, wollen sogar schon 2028 zu reinen Elektromarken werden, bei Alfa Romeo soll es bereits 2027 so weit sein. Fiat, ford und Volvo sind dabei. Und Jaguar, Land Rover ist noch ambitionierter; Hier soll bereits in drei Jahren Schluss mit dem Einbau von Verbrennern sein. Offenbar haben die Hersteller erkannt: Anstatt zu zögern ist es besser, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen. In manchen Ländern, etwa in China, könnte die Umstellung wegen fehlender Ladeinfrastruktur allerdings länger dauern. Ob die Hersteller freiwillig diesen Markt aufgeben, ist derzeit nicht absehbar..
Nach der Abstimmung im EU-Parlament sagte der deutsche Grünen-Abgeordnete Michael Bloss: „Damit haben wir uns für die Zukunft des Automobilstandort Europa entschieden.” Künftig würden die besten Elektroautos und neuesten Batterien aus Europa kommen. Das ist jedoch nur die eine Sicht auf die Entscheidung, der ein zähes Ringen zwischen Befürwortern und Gegnern des Verbots vorausgegangen war.

Der niedersächsische CDU-Europaabgeordnete Jens Gieseke berichtete von einer Email-Flut, die sein Büro in den vergangenen Tagen erreicht hatte. Einen „Tsunami des Lobbyismus“ sah der liberale französische Europaabgeordnete Pascal Canfin, Vorsitzender des Umweltausschusses des EU-Parlaments, über sich und seinen Kollegen zusammenschlagen. Gieseke bestätigte: „Die Aktivitäten sind extrem – von allen Seiten.“ Er hält die Entscheidung, den Verbrenner zu verbannen, für falsch Es müsse auch eine Chance geben für die neuen, schadstoffärmeren synthetischen Kraftstoffe, nicht nur für batteriegetriebene E-Autos. Giesekes Gegenspieler bei der Europa-SPD, der Abgeordnete Tiemo Wölken, betont: Die Pläne bedeuten nicht, dass Bestandsfahrzeuge stillgelegt werden müssen.“ Niemandem soll also sein konventionelles Auto weggenommen werden.
Havanna-Effekt?

Praktisch könnte aber eintreten, was Gieseke den „Havanna-Effekt“ der „Zwangselektrifizierung“ nennt: Wie auf Kuba, wo heute noch jahrzehntealte US-Straßenkreuzer fahren, könnten Liebhaber ihre alten Verbrenner hegen und pflegen, um sich möglichst spät von ihnen zu trennen. Bei den Kubanern hat das allerdings wenig mit Liebhaberei, als mehr mit purer Not zu tun: Der Ursprung der wenigen modernen Fahrzeuge ist dem kubanischen Wirtschaftssystem geschuldet. Nach der Machtübernahme Fidel Castros 1959 wurden nicht nur alle Produktionsbetriebe und auch der meiste Grund und Boden verstaatlicht, sondern Privatleuten wurde auch der Besitz von Fahrzeugen untersagt. Ausgenommen von dieser Beschränkung blieben jene Autos, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Privatbesitz befanden. Bis heute bleibt der private Import von Fahrzeugen auf der Insel bis auf wenige Ausnahmen untersagt.

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