Alternative zum teuren Kunstdünger | The European

In Deutschland beginnt der Kampf um die Gülle

Oliver Stock8.06.2022Medien, Politik, Wirtschaft

Weil Kunstdünger wegen hoher Energiepreise knapp und extrem teuer geworden ist, hat mit einmal Gülle ihren Preis. Hatten Bauern früher Mühe, ihren Mist loszuwerden, wird er ihnen jetzt aus den Händen gerissen. Schon ist auch Gülle zum knappen Gut geworden.
Von Oliver Stock / Wirtschaftskurier

Bauer mistet den Kuhstall aus, Foto: picture alliance / blickwinkel/R. Schoenenberg | R. Schoenenberg

Das spektakuläre Bild hat in den Lokalzeitungen die Runde gemacht: Im März kippte ein Lastwagen mit Anhänger in einer Wiese bei Sonnefeld im bayerischen Landkreis Coburg. Landwirt und Feuerwehr eilten herbei, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern, notierten die Berichterstatter. Im Netz kochte die Empörung hoch: „Gülle wird mit Lkw durch die Gegend gefahren. Abartig, ein massiver Fehler im System”, kommentierte ein Nutzer. „Wo kam denn diese Gülle her? Womöglich aus Holland?” schrieb ein anderer.

Abwegig ist das nicht, auch wenn in diesem Fall der Inhalt des verunglückten Lastwagens von einem Bauernhof aus der Nähe stammte. Denn niemals war Gülle so wertvoll wie heute. Mussten früher die Tiere haltenden Landwirte zusehen, dass sie die Gülle, die sie nicht auf den eigenen Feldern verbrauchen konnten, irgendwie loswerden, so ist inzwischen lebhafter Handel damit entstanden. Kostete es einst Geld, überschüssige Gülle anderen Bauern zur Verwertung zu überlassen, zahlen diese jetzt dafür.

Ursache für den Kampf um die Gülle sind die hohen Preise für synthetischen Dünger, die durch den Krieg in der Ukraine nochmal einen Schub bekommen haben.

In Deutschland tragen seither exorbitant hohe Düngerpreise zur Teuerung bei Lebensmitteln bei. Zudem kann es, wenn Dünger weiter knapp und teuer bleibt, auch in Europa passieren, dass die Erntemengen geringer ausfallen. „Mir bereitet große Sorge, dass die Betriebsmittelpreise, insbesondere für Düngemittel, in der Landwirtschaft derzeit stark steigen“, sagte der Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir bereits bei Landwirtschaftskonferenz der G7-Staaten im Mai.

Der rasante Preisanstieg begann bereits vor dem Krieg: Seit Anfang 2020 haben sich laut CRU, einem auf die globalen Rohstoffmärkte spezialisiertes Marktforschungsinstitut aus London die Preise für Stickstoffdünger vervier-, für Phosphat und Kali mehr als verdreifacht.

Grund ist der rasante Anstieg der Energiepreise: Erdgas ist sowohl als Energiequelle wie als Rohstoff essenziell bei der Ammoniakherstellung, dem Grundstoff für die allermeisten Stickstoff-Düngemittel. „Der Gaspreis macht bei Stickstoff-Düngemitteln etwa 80 bis 90 Prozent der Produktionskosten aus, insofern sind vor allem die europäischen Hersteller sehr stark hiervon betroffen“, sagt Sven Hartmann, Leiter des Fachbereichs Pflanzenernährung beim Industrieverband Agrar in Frankfurt.
Russland spielt in Sachen Dünger eine doppelte Rolle auf dem Weltmarkt – als Lieferant sowohl von Erdgas als auch von Stickstoff, Phosphat und Kali. Stickstoff ist essenziell für das Pflanzenwachstum, Phosphat und Kali sind wichtig für Wurzelbildung und Blüten. Der Handel über das Schwarze Meer – eine Hauptroute für Stickstoff-Exporte – sei „komplett blockiert“, sagt Shruti Kashyap, Chefanalystin für Stickstoff bei CRU.

Das schlägt ins Kontor, denn: „Stickstoff ist wie Babynahrung für Pflanzen“, sagt Kashyap.

Die Analystin dürfte nicht übertreiben: Erst die Entwicklung des synthetischen Stickstoffdüngers vor dem Ersten Weltkrieg ermöglichte eine erhebliche Steigerung der Erntemengen, die eine Voraussetzung für die Vervielfachung der Weltbevölkerung waren. Erfinder waren zwei deutsche Chemiker: Fritz Haber entwickelte das Verfahren 1908, die industrielle Fertigung in großem Maßstab perfektionierte einige Jahre später der spätere IG-Farben-Vorstandschef Carl Bosch. Der niederländische Umweltwissenschaftler Jan Willem Erisman und mehrere Kollegen schätzten in einer 2008 erschienenen und häufig zitierten Arbeit, dass ein Hektar Ackerland dank Haber-Bosch-Verfahren heute mehr als doppelt so viele Menschen ernähren kann wie vor dem Ersten Weltkrieg.

Ein abschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn auf Kunstdünger verzichtet wird, liefert Sri Lanka.

Dort verbot die Regierung Anfang vergangenen Jahres den Einsatz und die Einfuhr synthetischer Düngemittel und Pflanzenschutzmittel. Sie wollte die Landwirtschaft über Nacht auf 100 Prozent pestizidfrei trimmen. Die Folgen zeigten sich schnell in Form von Ernteausfällen. Zu dem Zeitpunkt nutzten rund 94 Prozent der Reisbauern und 89 Prozent der Tee- und Kautschukbauern synthetische Düngemittel. Der Widerstand der Landwirte wegen geringer Erträge und die steigenden Lebensmittelpreise zwangen die Regierung nach nur einem halben Jahr dazu, synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel wieder zuzulassen.

Der starke Preisanstieg bei dem offenbar dringend notwendigen Dünger führt dazu, dass weniger gekauft wird, berichtet Baywa-Chef Klaus Josef Lutz. Der Konzern ist einer größten Agrarhändler Europas. Er verzeichnet beim Dünger-Absatz einen Rückgang um sieben Prozent. Wenn die Bauern weniger düngen, wird weniger geerntet. „Abhängig von der Witterung kann dies auf jeden Fall zu geringeren Erträgen oder schwächeren Qualitäten führen“, sagt eine Sprecherin des bayerischen Bauernverbands.
In der Regel kaufen Landwirte den Dünger, den sie für das Wintergetreide brauchen, im Herbst ein. Vergangenes Jahr haben viele aber erst einmal gezögert, heißt es vom Bauernverband. Die Hoffnung sei gewesen, dass der Preis wieder fällt – was sich als Illusion erwies. Noch sei die Ernte gesichert, jetzt gehe es aber darum, was nächstes Jahr angebaut wird und da spiele der knappe, teure Dünger eine entscheidende Rolle. Christian Janze, Experte für Agrarpolitik beim Beratungsunternehmen Ernst & Young spricht bereits vom „perfekten Sturm“, der sich angesichts vernichteter Ernten in der Ukraine, Blockaden im Schwarzen Meer und eben der Düngemittel-Krise zusammenbraue. Für ihn ist die eingeschränkte Verfügbarkeit von Düngemitteln inzwischen sogar das Hauptproblem.

So kommt es, dass natürliche Gülle mit einmal gefragt ist, wie nie. Allerdings ist ihre Zusammensetzung, abhängig vom Futter, dass das Vieh bekommen hat, unterschiedlich. Dennoch fordert beispielsweise der Bayerische Bauernverband seine Landwirte auf, „sich in diesem Bereich noch besser zu vernetzen und zusammenzuarbeiten.“ Laut den Rückmeldungen der Landwirte, scheint es aber kaum noch „freie Gülle“ zu geben.

Großes Potential, um Mineraldünger zu ersetzen, lagert in den Kläranlagen.

Die Nährstoffe dort werden aktuell kaum für die Nahrungsmittelerzeugung genutzt. Um das zu ändern, müsste es laut Bauernverband gelingen, den Klärschlamm so aufzubereiten, dass er die Umwelt nicht belastet – etwa mit Medikamentenrückständen. Dann wäre das eine weitere wertvolle Quelle für Phosphor und andere Nährstoffe.

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