Fünf Punkte zur Stärkung der europäischen Gründerkultur

von Oliver H. Schmidt29.01.2016Europa, Wirtschaft

Vom 1. bis 5. Februar findet die „Startup-Woche Europa“ statt. In über 40 Ländern in 200 Städten gibt es lokale Veranstaltungen zur Förderung einer europaweiten Startup-Kultur. In diesen unsicheren Zeiten ist schon allein das ein Grund zum Feiern. Ein weiteres Jubiläum, das ganz in diesen Rahmen passt, ergibt sich am 13. Dezember 2016: Werner von Siemens würde dann 200 Jahre alt.

Werner von Siemens steht für das, was man sich auch heute von einem Startup Gründer wünscht: Erfindergeist und der Anspruch, anwendungsorientierte Innovationen zu realisieren, Risikobereitschaft, Realitätssinn und Pragmatismus, wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung. Vom 1. bis 5. Februar sind Siemens’ Erben auf der “„Startup-Woche Europa“(http://startupeuropeweek.eu/)”:http://startupeuropeweek.eu/ versammelt.

Mit 30 Jahren, am 1. Oktober 1847, gründete Werner von Siemens in einem Berliner Hinterhof die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. Sein erstes Produkt war ein elektrischer Zeigertelegraf, eine Revolution zur damaligen Zeit, auch in seiner einfachen Handhabbarkeit. Bis heute ist die Innovationskraft das Lebenselixier des Unternehmens. Inzwischen gibt der Konzern rund um den Globus fast 350.000 Menschen Arbeit und Lohn und erwirtschaftet – jedes Jahr aufs Neue – rund 75 Milliarden Euro Umsatz.

Aber Werner von Siemens war nicht der einzige Gründer seiner Zeit. Gottlieb Daimler, Carl Benz, Rudolf Diesel, August Thyssen, Carl Linde oder Ferdinand Porsche, sie alle verkörpern diese Gründerzeit gegen Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Familiennamen wurden zu Weltmarken. Auch ihre Unternehmen erwirtschaften heute Hunderte von Milliarden Euro und geben Hunderttausenden Menschen Beschäftigung. Sie sind einer der wesentlichen Gründe für Wohlstand in Deutschland und im Herzen Europas.

Fünf Punkte zur Stärkung der europäischen Gründerkultur

Für die Zukunft der Europäischen Union ist es entscheidend, diesen Geist wieder zu erwecken. Dass Europa das Potential hierfür hat, hat es in seiner 2500-jährigen Geschichte immer wieder bewiesen. Forscherdrang, Gründergeist, Aufbrüche und Entdeckungen ins Unbekannte und Neue sind in der europäischen Geschichte in unüberschaubarer Fülle zu finden. Fünf Punkte sind heute für eine moderne Wiederbelebung dieses Geistes wichtig.

1. Die europäische Infrastruktur

Erstens eine angemessene Infrastruktur. Das betrifft einen schnellen Ausbau leistungsfähiger Datennetze und Datencenter in der gesamten Europäischen Union. Nur so kann die Digitalisierung und die vierte Industrielle Revolution unter Teilhabe aller erfolgreich umgesetzt werden.

2. Finanzierung

Zweitens Geld. Amerikanische Universitäten und Colleges erhielten allein 2015 die Rekordsumme von 40 Milliarden Dollar an freiwilliger Unterstützung. Spitzenreiter war die Universität Stanford mit 1,6 Milliarden, gefolgt von Harvard, das knapp über eine Milliarde Dollar erhielt. Europäische Universitäten brauchen eine grundlegende Reform der Finanzierung. Europäern muss es viel einfacher möglich sein, ihre Vermögen in europäische Universitäten und damit in die Zukunft ihres Landes zu reinvestieren. Insgesamt sollte es zu einer Selbstverständlichkeit werden. Ferner braucht es in der Union eine leistungsfähige Venture Capital Struktur. Analysen zeigen, wie wichtig diese für Innovation, Wachstum und Beschäftigung sind.

3. Bildung

Drittens Bildung. Die Union benötigt weltweit konkurrenzfähige Hochschulen, insbesondere auch auf technischem und naturwissenschaftlichem Gebiet. Von diesen sollte es mindestens eine im jeden der 28 Mitgliedsstaaten geben, in den größeren Ländern mehrere. Die Inhalte der Bildung und die Art zu lernen sind reformbedürftig. Das gilt für universitäre wie für schulische Bildung gleichermaßen. Sie sollten weitaus lebensnäher gestaltet werden. Unternehmerische Selbstständigkeit sollte als Wert wie als Wissen gleichermaßen vermittelt werden. Internationale Projektarbeit und Rollenspiele sollten ebenso auf dem Bildungsplan stehen wie digitales Lernen oder Entspannungsverfahren. Das Schreiben von Computercodes, erstes ökonomisches wie juristisches Grundwissen sollte bereits in der Schule unterrichtet werden. Allen Bildungsbedenkenträgern sei gleich gesagt: damit wird nicht nach einer vollständigen Ökonomisierung der Bildung verlangt. Im Gegenteil.

4. Anziehen von Talenten aus aller Welt

Viertens Menschen. Die besten Initiativen nützen nichts, wenn es nicht Menschen gibt, die bereit sind, ihren unternehmerischen Erfolg in die eigene Hand zu nehmen. Menschen, die Bestehendes in Frage stellen, die Neues erfinden, die etwas verbessern wollen. Das gilt nicht nur für High Tech Startups, sondern für jede Form von Unternehmen. Aktuell steht die Europäische Union vor der Herausforderung eines Bürgerkriegs vor ihrer Haustür und der damit verbundenen Flüchtlingskatastrophe. Beides wird vorüber gehen, aber Bevölkerungsdemographie und Migrationsdruck auf die Europäische Union werden auch langfristig bleiben. Wünschenswert ist daher ein unionsweites Einwanderungsrecht, welches zugleich die Flexibilität für die Mitgliedsstaaten besitzt, Umfang und Art der Zuwanderung individuell selbst zu steuern. Als Analogie kann der Fußball dienen. Für die besten Fußballer der Welt ist es fast selbstverständlich in einer der großen europäischen Ligen zu spielen. Vergleichbares sollte sich die Europäische Union für Forscher, Unternehmensgründer und kreative Talente aus aller Welt zum Ziel setzen.

5. Kultur und Werte

Fünftens Kultur und Werte. Wenn die Kultur und die Werte stimmen, werden bestimmte Dinge getan und andere von vornherein gelassen. Meinungsfreiheit, Pluralismus und die Herrschaft des Rechts sind Kernwerte der Europäischen Union. Zugleich sind sie in gewissem Sinne Grundvoraussetzung für unternehmerische Freiheit. Wer Ihnen keinen Respekt entgegenbringt, hat in der Europäischen Union nichts verloren. Zudem werden in einer Kultur, welche unternehmerische Gründung fördert, keine Gesetze erlassen, die diese behindern. Im Gegenteil. Gesetze, Steuern, Finanzierungsmöglichkeiten, Bildung werden so gestaltet, dass sie diese fördern. Eine kluge und leistungsfähige öffentliche Administration unterstützt ihre Gründer. Etwaige Korruption wird konsequent bekämpft und entschieden bestraft. Und nicht zuletzt drückt sich eine Gründerkultur auch in der Wertschätzung und Akzeptanz aus, die ihre Repräsentanten erfahren, sei es durch die Politik, in öffentlichen Ehrungen oder allgemein in der öffentlichen Meinung.

Die Eigenverantwortung von 500 Millionen Unionsbürgern

Diese fünf Elemente bedingen einander. Ohne Menschen, die willens sind, ihr unternehmerisches Geschick in die eigene Hand zu nehmen, kann es keine neue Gründerkultur geben. Wenn potentielle Gründer von vornherein schlechte Bildung genießen, wenig Wertschätzung erfahren oder in einem korrupten Umfeld aufwachsen müssen, wird es vielen von ihnen unnötig schwer gemacht. “Den umfangreichen Investitionsbedarf für eine innovative Kultur hat vor kurzem die Europäische Investitionsbank in einer Analyse dargelegt”:http://qz.com/597791/europe-is-lagging-the-us-in-innovation-but-thats-about-to-change/. Es liegt nun an den 500 Millionen Bürgern der Europäischen Union diesen Geist neu zu beleben. Für ihre Zukunft wird es entscheidend sein. Die anfangs zitierte „Startup-Woche Europa“ ist eine gute Initiative in diesem Sinne.

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