Meine Sprache, mein Pass, meine Mannschaft

von Oliver Scheiner18.07.2010Gesellschaft & Kultur

Der Hype um die Nationalmannschaft hat einen Grund: Jogis Jungs können verdammt gut Fußball spielen. Dass viele Spieler mit Migrationshintergrund beteiligt waren, spielt nur eine Rolle, weil die Mannschaft so erfolgreich war. Dabei wissen wir doch längst, dass Mannschaftssport per se integrativ ist.

Die WM ist vorbei und ganz Deutschland ist stolz auf seine Auswahl-Kicker – eine bunte Truppe, deren Spieler völlig unterschiedliche Lebensläufe aufweisen. Na und? Entscheidend ist doch: Lahm, Boateng, Özil tragen das weiße Trikot gerne, es macht ihnen Spaß. Was soll daran besonders sein? Sie sind hier aufgewachsen, haben einen deutschen Pass, sind typisch deutsch. Die Kinder der sogenannten Gastarbeiter haben das Bild der Republik schon lange verändert. Das ist normal und in der Geschichte aller möglichen Staaten schon hundertfach geschehen. Diese Nationalmannschaft ist nur für diejenigen ein multikulturelles Faszinosum, die in den letzten 20 Jahren mit verschlossenen Augen durch Deutschland gerannt sind. Wer in den 80er Jahren in einer Stadt aufgewachsen ist, kennt das, Schulkameraden zu haben, die sich auf Türkisch, Serbokroatisch oder Arabisch unterhalten. Deutschland ist ein heterogenes Land.

Sprache und das Bekenntnis zur Verfassung

Das hat bereits Carl Zuckmayer vor fast 70 Jahren gewusst. In seinem Stück “Des Teufels General” dröselt General Harras süffisant das Problem mit der Rassenforschung auf: “Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und Kinder gezeugt […].” Was Zuckmayer in diesem Stück macht, ist einleuchtend. Deutschsein ist kaum auf ein allumfassendes Attribut zu bringen. Heute, im Diskurs über Integration, wissen wir, dass die Sprache und das Bekenntnis zur Verfassung, dass freilich ein unausgesprochenes bleibt, die einzigen notwendigen Konstituenten für Deutschsein sind. Wobei selbst die Sprache fast schon ein relatives Merkmal ist. Sperren Sie doch mal einen Ostfriesen und einen Oberbayern in einen Raum ein, mal sehen was die sich zu sagen haben. Im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft müssen wir uns vielmehr die Frage stellen, warum wir das nicht schon viel früher in der DFB-Auswahl sehen durften. Was waren das für peinliche Einbürgerungsbemühungen etwa eines Paulo Rink, nur um der dröge spielenden Elf von Erich Ribbeck ein wenig brasilianisches Flair zu verleihen.

Fußball beinhaltet per se ein starkes integratives Moment

Fußball, wie jeder andere Mannschaftssport auch, beinhaltet per se ein starkes integratives Moment. Die Spieler einer Mannschaft vereint ein gemeinsames Ziel, das wichtiger ist, als Einzelinteressen. Das mag nicht immer klappen. In der holländischen Mannschaft gab es über Jahre hinweg immer wieder Stunk zwischen Spielern mit surinamesischen Wurzeln und denen mit heller Hautfarbe. Häufig wurden diese Streitigkeiten als Grund für das frühes Ausscheiden bei großen Turnieren genannt. Das zeigt: Der Hype um die bunte Zusammensetzung der DFB-Elf ist nur deswegen so groß, weil Jogis Jungs so fantastisch Fußball gespielt haben. Keine Gazette weder im Ausland oder hierzulande hätte bei einem frühen Ausscheiden Notiz vom Migrationshintergrund vieler Spieler genommen.

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