Neue Leader braucht das Land

von Oliver Scheiner18.05.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Angela Merkel weigert sich, Guido Westerwelle kann nicht, Oskar Lafontaine will nicht mehr, und jetzt auch das noch: Michael Ballack verletzt sich. Deutschland gehen die Leader aus. Was nun?

Das war die tragischste Nachricht für alle deutschen Fußballfans: Michael Ballack fällt wegen Verletzung für die WM aus. Das scheint symptomatisch für deutsche Führungsebenen. Fangen wir ganz oben an: Angela Merkel steht seit Wochen in der Kritik, sie habe die Griechenland-Hilfen verschleppt, ihre Politik sei zögerlich, sie habe damit die Krise noch zusätzlich verschärft. Merkel führe nicht, lauten die verbalen Attacken aus der Opposition. Lange Zeit galt der Führungsstil der Kanzlerin als Zukunftsmodell – kraftvoll, aber kooperativ. Die Zeit der Leader à la Schröder und Kohl schien vorüber. Jetzt steht das Modell „Alphatier“ vor einem unverhofften Comeback; doch in der Union findet sich weit und breit keiner, der in diese Rolle schlüpfen könnte.

Kein Leitwolf, kein Visionär in Sicht

Auch die FDP hat ein Problem mit ihrem Leader. Ihr Chef Guido Westerwelle hat sich selbst demontiert und damit seine Partei in eine schwere Krise manövriert. Mit seinen Ansichten über den Sozialstaat und seinen Vergleichen zur römischen Dekadenz löste er nicht nur großes Befremden aus – die Liberalen gelten seitdem nicht mehr als attraktiver Koalitionspartner. In NRW schickte SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft nicht nur der FDP eine Einladung zu Gesprächen, sondern auch der Linken. Landeschef Andreas Pinkwart schmollt und sagte ab, anstatt sich wie ein Leitwolf zu verhalten und das Votum der Wähler ernstzunehmen. Bei der Linken gab Oskar Lafontaine die Parteiführung ab – aus gesundheitlichen Gründen. Er hinterlässt offenbar so eine große Lücke, dass sich direkt nach seinem Abgang eine neue Kluft zwischen Ossis und Wessis in der Partei auftut. Die Vorschläge der ostdeutschen Landesverbände für den Parteivorstand wurden erst im zweiten Wahlgang gewählt. Zudem gelten weder Gesine Lötzsch noch Klaus Ernst als Politiker mit visionärer Strahlkraft. Und jetzt muss auch noch der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft passen. Nach einem extrem unsportlichen Foulspiel des Berliners Kevin Prince Boateng ist der „Capitano“ so schwer verletzt, dass ein Einsatz in Südafrika nicht infrage kommt. Ausgerechnet Ballack, der einzige echte Weltstar im DFB-Team.

Merkel & Co. können doch

Das entspricht dem lamentierenden Deutschlandbild der Pessimisten. Es gibt aber auch eine optimistische Perspektive. Denn die Kanzlerin hat nicht an Führungsstärke eingebüßt. Merkels Krisenmanagement bekommt zunehmend gute Noten ausgestellt. Mit ihrer Initiative, eine gemeinsame europäische Finanzregulierung voranzubringen, beweist die Kanzlerin durchaus Führungsstärke. Sie kündigte an, neue Hedgefonds-Bestimmungen auch gegen den Willen Großbritanniens durchzusetzen. Guido Westerwelle gab sich nach der Wahl in NRW einsichtig. Man habe bei der FDP den Denkzettel der Wähler verstanden. Für so ein Lippenbekenntnis braucht man Größe – vielleicht wird aus Westerwelle doch noch ein guter Außenminister. Der neuen Parteispitze bei der Linken muss man ein wenig Zeit geben. Dass Lötzsch und Ernst ein wenig der Glamour und der theoretische Überbau fehlt, ist richtig. Aber nüchterne, pragmatische Politik würde der Linken gerade jetzt guttun. Und auch die Nationalmannschaft wird den Ausfall Ballacks verkraften. Es gibt viel Potenzial in dieser jungen Mannschaft. Die Schweinsteigers und Lahms müssen jetzt einen großen Schritt machen. Nach der WM werden wir sehen: Merkel kann führen, Westerwelle kann auch leise, Lötzsch und Ernst verpassen der Linken einen angenehm pragmatischen Anstrich, und die deutschen Fußballer kommen auch ohne Ballack ins Halbfinale.

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