Es wäre inhuman, wenn Fleiß, Talent und Lebensentscheidungen keinen Unterschied mehr machten. Christian Lindner

Die Europäer sind so

Die Entstehung der europäischen Identität hat ein tief liegendes Problem: Die einzelnen Nationen legen unerfüllbare Maßstäbe an die anderen an.

Viel Einheit herrscht dieser Tage nicht in der Europäischen Union. Vielmehr bestätigen die letzten Europawahlen, was sich seit einigen Jahren in Sozialumfragen wie der des PEW Research Centers Research Centers anbahnt: Das sinkende Vertrauen in Europa als politischer Zusammenschluss hätte durch die Ergebnisse der letzten Europawahlen deutlicher nicht bekräftigt werden können. Gegen die vermeintliche Vormundschaft gesamteuropäischer Politik, mobilisieren euroskeptische bis rechtspopulistische Parteien mit großem Erfolg nationale Interessen und Identitäten.

Neu ist das Problem bei der Herstellung eines vereinten Europas indes nicht. Bereits im 19. Jahrhundert verglich Paul Lacroix die Einigung Europas mit „[…] dem Versuch ein Omelett zu backen, ohne Eier zu zerschlagen.“ Warum aber scheint es so schwer, eine europäische Identität zu fördern? Ein Mangel an politischen oder kulturellen Versuchen, uns als Europäer/innen zusammenzuschweißen, lässt sich beim besten Willen nicht beklagen. Woher also der Mangel an einem transnationalen Gefühl europäischer Verbundenheit?

Identität bildet sich nicht im luftleeren Raum

In der aktuellen Krise mag es nicht verwundern, dass die empfundene Zugehörigkeit zu Europa ins Wanken geraten ist. Zu bedrohlich ist die wirtschaftliche Lage für einige der Nationen geworden und zu offensichtlich erscheint es, wo „Schuldner“ und wo „Geldeintreiber“ stehen; hüben das Reich der „Faulen“ und „Verschwender“, drüben die „Spardiktatur der Gnadenlosen“. Allerdings liegt das Problem, rein sozialpsychologisch betrachtet, tiefer. Zweifelsohne befeuern Konflikte um knappe Mittel das Gefühl, man verliere zu Ungunsten anderer an Handlungsfähigkeit. Warum auch jene Länder sich vom europäischen Gedanken abwenden, die weder traditionell noch aktuell wirtschaftlich bedroht sind, lässt sich kaum durch Konkurrenz um knappe Güter verstehen.

Will man den derzeitigen Konflikt verstehen, muss man auf Ebene europäischer und nationaler Identitäten beginnen. Eine soziale Identität, so die Perspektive der Psychologie, ist zum einen das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit zu einem emotional bedeutenden Kollektiv, zum anderen aber auch eine Brille, durch die wir unsere soziale Umwelt verstehen und in dieser agieren können. Für gewöhnlich sind es hierbei insbesondere jene Kategorien, die in unserem Alltag relevanter sind, denen wir uns verbundener fühlen. Der eigene Stadtteil oder die Unterabteilung auf der Arbeit begegnen uns schlicht häufiger als „Deutschland“ oder „Europa“. Ersteres kann zumindest in regelmäßigen Abständen auf Großereignisse im Sport bauen, will es Einzelnen gegenüber an greifbarer Relevanz gewinnen. Europa hingegen steht alleine von der Wahrscheinlichkeit her, uns im täglichen Miteinander ins Auge zu springen, auf einer schlechteren Ausgangsposition.

Für eine Identifikation ist die Relevanz – oder psychologischer: Salienz – einer Identität alleine kein hinreichendes Kriterium. Identität, ein „Wir“, bildet sich per Definition nie im luftleeren Raum, sondern ist immer bereits abgegrenzt von „den Anderen“. Wer diese „Anderen“ sind, ergibt sich zumeist aus der nächsthöheren, gemeinsamen Oberkategorie. Im Falle nationaler Identitäten wären dies bspw. „Europa“ und all jene Nationen, die sich unter diesem Begriff versammeln. Die Identität einer Nation, zum Beispiel Deutschlands, gewinnt einen Teil ihrer Bedeutung aus diesem spezifischen Prozess der Abgrenzung. Als Beispiel ließe sich konstruieren: „In Deutschland lebt es sich besser, weil Brot und Bier verglichen zu anderen Ländern (z.B. dem UK) schlicht von überlegener Qualität sind.“

Jeweils eigenen identitäre Messlatten

Selbstverständlich sind in der Arena internationaler Politik und nationaler Wahlkämpfe nicht „Brot und Bier“ die maßgeblichen Kriterien, sondern Wirtschaft, Kultur, Bildung oder vergleichbare Themengebiete. Allerdings, und hier liegt eines der grundlegenden Probleme, legt sozialpsychologische Forschung nahe, dass bei Vergleichen zwischen Gruppen jede Gruppe ihren individuellen Maßstab anlegt. Dass beide Gruppen am jeweiligen Maßstab der anderen Gruppe oftmals nur scheitern können, bedarf kaum einer Erwähnung. In Folge dieser jeweils eigenen identitären Messlatte, strafen sich die beteiligten Nationen dann wechselseitig dafür ab nicht „deutsch“, „griechisch“, „schwedisch“ bzw. „arbeitsam“, „entspannt“ oder „sozial“ genug zu sein und eine Inklusion auf nächsthöherer Ebene bleibt aus.

Wie deutlich diese Selbstverständnisse dem aktuellen Konflikt zugrunde liegt, zeigt jeder Blick in die derzeitige politische Debatte. Ohne in die Argumente der Gegnern kultureller Vielfalt zu verfallen, ist ein Teil des Problems, dass Europa in seiner derzeitigen Form noch keinen Rahmen bietet, in dem die empfundenen nationalen Eigenheiten nicht den Maßstab und dadurch das Hindernis eines Denkens über Grenzen hinweg darstellen. Solange es sich „deutsch“ leichter denkt als „europäisch“, wird auch eine durchgestandene Krise Europa nicht einen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Monika Hohlmeier, Herbert Ammon, Lars Mensel.

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