RWE-Aktie steigt auf den höchsten Stand seit Frühjahr 2015

Oliver Götz21.08.2019Medien, Wirtschaft

Dank eines starken Energiehandel-Geschäfts hebt RWE die Prognose für das Gesamtjahr an. An der Börse kommt das gut an. Die Aktie steigt auf den höchsten Stand seit Frühjahr 2015. Und nicht nur deshalb werden die Analysten immer optimistischer.

Inzwischen sieht das auf einmal wieder nach einem recht guten Verhältnis aus, das Deutschlands zweitgrößter Energieversorger und die Anlegergemeinde da pflegen. Das allein ist schon eine Nachricht wert, schließlich waren es Eon und eben RWE, die beiden großen Versorger der Bundesrepublik, denen mit einem überstürzten Atom- und den Bemühungen um einen längerfristigen Kohleausstieg quasi von jetzt auf gleich die Geschäftsgrundlage entzogen worden war, die plötzlich politisch dazu gezwungen waren ihre Unternehmen auf den Kopf zu stellen und schnellstmöglich die Energiewende herbeizuführen. Oder sich andere Felder zu suchen, in denen noch Geld zu verdienen war. Das freilich zwang die Aktienkurse beider Konzerne in die Knie. Oder besser gesagt: Gab diesen kaum eine Chance, sich nach den Kursstürzen im Rahmen der Finanzkrise 2008 wieder zu erholen. RWE und Eon blieben über Jahre hinweg die großen DAX-Sorgenkinder. 2007 noch fast 100 Euro wert, kostete ein RWE-Anteilsschein im September 2015 gerade einmal noch etwas über neun Euro.

Wer damals allerdings den Mut hatte einzusteigen, der hätte seinen Einsatz nun, 2019, fast verdreifacht. Seit Ende 2015 geht es nämlich aufwärts für den Kurs der RWE-Aktie. Und das kontinuierlich. Ende Juli erreichte er mit 24,16 Euro den höchsten Stand seit April 2015. Allein 2019 summiert sich das Kursplus auf 26 Prozent. Damit schlägt die RWE-Aktie einen gut laufenden Dax deutlich. Und bereits 2017 und 2018 gehörte das Papier zu den besten Performern in Deutschlands Leitindex. Entscheidend dafür war zunächst ein teurer Vergleich mit der Bundesregierung, wodurch sich die Essener – genauso wie Eon – aber weiteren und wohl insgesamt deutlich teureren Risiken im Zuge des Atomausstiegs entledigten. Das gab zunächst den Aktien beider Konzerne Rückenwind. Doch während das Eon-Papier seither in einer Seitwärtsbewegung feststeckt, klettert der Kurs der RWE-Aktie von einem Hoch zum nächsten. Das erwartet KGV für 2019 liegt mit einem Wert von 22,9 so inzwischen auch vergleichsweise hoch. Doch unter Analysten scheint man die Versorger-Aktie immer mehr für sich zu entdecken. Bei Goldman-Sachs stehen die RWE-Titel auf der „Conviction-Buy-List“, die britische Investmentbank Barclays sieht jene als „Top-Pick“ unter den europäischen Versorgern.

Rückendwind kommt nun zusätzlich durch eine in ihrer Deutlichkeit überraschende Prognoseanhebung für das Gesamtjahr 2019. So soll im Kerngeschäft, zu dem die Bereiche Braunkohle und Kernenergie, Europäische Stromerzeugung und der Energiehandel gehören, das bereinigte operative Ergebnis nun irgendwo zwischen 1,4 und 1,7 Milliarden Euro liegen. Bislang war das Management um Vorstandschef Rolf Martin Schmitz von 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro ausgegangen. Das bereinigte Nettoergebnis soll 500 bis 800 Millionen erreichen. Ursprünglich hatte man in Essen nur einer Spanne von 300 bis 600 Millionen Euro gerechnet. Im positiven Sinne Schuld daran hat der Energiehandel, der deutlich besser läuft als erwartet. RWE sprach von einem „außergewöhnlich hohen Ergebnis“.

Damit könne RWE die Herausforderungen der bevorstehenden Neuaufstellung mit Rückenwind angehen, schrieb DZ-Bank-Analyst Werner Eisenmann. Sein Kursziel für die Aktie hob er von 26 auf 27,50 Euro an. Goldman Sachs-Analyst Alberto Gandolfi setzte sein Kursziel sogar bei 29 Euro. NordLB-Experte Holger Fechner mit 31,50 Euro noch höher. Bei dem derzeitigen Kurs entspräche dies bereits einem Aufwärtspotenzial von rund 30 Prozent.

Eisenmann wiederum warnte jedoch auch davor, dass die Ergebnisse des Energiehandels oft stärkeren Schwankungen unterlägen. Ohne dessen starke Performance könnten Anleger wohl nicht derart fröhlich in Richtung der am 14. August anstehenden Zahlenveröffentlichung zum zweiten Quartal schauen. Und da der Aktienkurs inzwischen schon weit gestiegen ist, wird die Fallhöhe höher. Viele Risiken schließlich sind nach wie vor nicht aus der Welt. RWE will immerhin vom Kohleriesen zu einem der größten Anbieter von erneuerbaren Energie werden. Und das kostet Geld. Immer mehr als kluger Schachzug könnte sich dabei jedoch der Innogy-Deal mit Konkurrent Eon erweisen. Noch ist der nicht final bestätigt, mit Blick auf Eon steht noch die Genehmigung seitens der Kartellbehörden aus. Wird der Deal Realität – und danach sieht es aus – würde die RWE-Tochter Innogy an Eon gehen, RWE bekäme dafür Eon-Anteile in Höhe von 17 Prozent. Und während Netzgeschäft und Stromvertrieb von Innogy dann Eon gehören würden, bekäme RWE das gesamte Erneuerbare-Energien-Geschäft. Durchaus risikoreich. Doch setzt sich der Wandel hin zur alternativen Energieerzeugung in Zukunft noch zügiger fort, wohl auch etwas, mit dem sich eine Menge Geld verdienen lassen könnte. Abgesehen davon nützt es wohl als zukunftsfähige Story für Anleger und Aktionäre. Die wissen so ein wenig mehr, auf welche Reise sie sich einlassen. Und auch wenn keiner wissen kann, wohin diese langfristig geht, derzeit scheint der Wind aus der richtigen Richtung die Segel aufzublasen.

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