41 Prozent Plus in einem Monat

Oliver Götz19.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Innerhalb eines Monats wendet sich für Tesla ein bis dato verkorkstes Börsenjahr doch noch zum Guten. Plötzlich scheinen sogar neue Höchststände möglich. Eine schlichte Erkenntnis aus dem jüngsten Geschäftsbericht dürfte daran maßgeblichen Anteil haben. In Deutschland derweil erobert die Marke weiter den Markt.

Eigentlich sollte Tesla-Chef Elon Musk in Berlin nur das von „Auto Bild“ und „Bild am Sonntag“ verliehene „Goldene Lenkrad“ entgegennehmen. Dass er, derzeit wohl einer der bekanntesten und schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten, dazu in die deutsche Hauptstadt kam, war die erste Überraschung. Die zweite folgte sogleich und erklärte die erste. Teslas vierte Gigafactory soll in Brandenburg ansiedeln, nahe des sich nach wir vor in der Entstehung befindenden Hauptstadtflughafens BER. „Jeder weiß, dass die deutsche Ingenieurskunst hervorragend ist, das ist einer der Gründe, warum wie unsere Gigafactory Europa in Deutschland ansiedeln“, erklärte Musk die Standortentscheidung.

So wurde aus dem goldenen Lenkrad die goldene News. Zunächst sollen 3.000 Arbeitsplätze entstehen, mittelfristig könnten 7.000 daraus werden. Der Spatenstich erfolgt, geht es nach Musk, schon Anfang nächsten Jahres. Den Produktionsstart plant Tesla für Ende 2021. Vom Band rollen wird dann das neue Model Y, ein Kompakt-SUV auf Basis des Model 3. Gleichzeitig sollen Batterien und Antriebe produziert und zusammengebaut werden. Damit nicht genug. „Wir werden auch ein Technik- und Designzentrum in Berlin errichten“, kündigte Musk an.

Elon Musk bleibt ein Meister der Selbstinszenierung

Politik und Industrie gerieten in der Folge ins Schwärmen. Die Medien auch. Überall gab es nur noch ein Thema: Tesla baut eine Fabrik in Deutschland. Wahnsinn! Diese Vorfreude im Überschwang mag in Teilen verständlich sein. Seit Monaten dominieren Rezessionsfurcht und die Angst um den Arbeitsplatz das wirtschaftsdeutsche Nachrichtenbild. Da stärkt eine solche News zur rechten Zeit das Selbstwertgefühl. Wird Deutschland auf einmal zum E-Mobilitäts-Hotspot, bleibt auch weiter stolzes Auto-Land und schützt gleichzeitig das Klima? Auf einmal scheint so vieles möglich.

Die Explosion der Freude auf deutscher Seite zeigt vor allem eines: Elon Musk bleibt ein Meister der Selbstinszenierung. Kaum einer kündigt so überzeugend Zukunft an wie er. Der Exzentriker elektrisiert so weit mehr als nur Teslas Autos.

Dass allein das nicht zum Erfolg führt, ist kein Geheimnis. Das musste Musk in der Vergangenheit wiederholt am eigenen Leib erfahren. Kunden, Anleger und Investoren folgen seinem Pioniergeist nicht blind. Vor allem an der Börse geht die Tesla-Aktie gern auf Berg- und Talfahrt. Und doch hat Musk nach wie vor Erfolg mit seiner Strategie immer wieder neue Zukunftsversprechen aus dem Hut zu zaubern, wenn am Markt das Vertrauen droht verloren zu gehen. Mag er sie auch noch so oft nicht einhalten, wenn er es dann einmal tut, explodiert der Aktienkurs. Musk fasziniert ob seines Gründermutes, Tesla wegen des großen Potenzials, das zweifelsohne in der Marke steckt. Und so scheint es, als würde keiner gern verpassen, wenn dieser Mann mit seiner Firma den endgültigen, großen Durchbruch schafft, zum Groß-Konzern des E-Zeitalters und vielleicht so auch zur Gewinnmaschine wird.

Aktie: 41 Prozent Plus in einem Monat

Andernfalls ließe sich nur schwer erklären, wie Teslas Aktienkurs innerhalb eines Monats um 41 Prozent in die Höhe schießen konnte, womit er nun auf Jahressicht mit 16 Prozent im Plus steht. Und nicht wie noch kurz zuvor mit 24 Prozent im Minus. Diese Eiltempo-Rally nämlich folgte dem jüngsten Quartalsbericht, der überraschend einen Gewinn in Höhe von 143 Millionen Dollar auswies. Das sind zwar 54 Prozent weniger als im Vorjahr, dennoch deutlich mehr als von Analysten erwartet. Im Schnitt waren die Experten von Verlusten ausgegangen. Der Umsatz fiel zwar zum ersten Mal seit 2012 um acht Prozent auf 6,3 Milliarden Dollar, doch eine verbesserte Kostenkontrolle hielt die betrieblichen Ausgaben so niedrig, wie letztmalig 2017, vor dem Start des Model 3. Dazu erzielte Tesla mit 97.000 verkauften Fahrzeugen von Juli bis September einen neuen Auslieferungsrekord.

Für Musk sind das Zahlen, die es ihm wieder deutlich leichter machen für eine große Zukunft zu werben. Ohnehin ist die Erkenntnis, dass Tesla auch mit günstigeren Modellen wie dem Model 3 Gewinn erzielen kann, wenn es darauf ankommt, von essentieller Bedeutung für Anleger. Das haben sie honoriert. Mit einem Kurs von 347 Dollar rückt das Rekordhoch von 383 Dollar aus dem Juni 2017 wieder näher. Und Tesla ist nun der wertvollste börsennotierte amerikanische Autobauer.

Ist die Kursreaktion überzogen?

Nur, ist die Aktie deshalb ein Kauf? Unter Analysten glaubt das die Mehrheit nicht. Tesla habe positiv überrascht, ob dies jedoch gleichbedeutend mit dem angekündigten Durchbruch sei, sei unklar, schrieb JPMorgan-Experte Ryan Brinkman und rät trotzt Kurszielerhöhung auf 220 Dollar dazu, die Aktie zu verkaufen. RBC-Analyst Joseph Spak honorierte ebenfalls das besser als erwartet ausgefallene dritte Quartal. Die positive Kursreaktion sei aber überzogen, schrieb er.

Es gab aber auch positive Stimmen. Jefferies-Analyst Philippe Houchois beispielsweise gelten die Zahlen als Basis für eine Rückkehr zu Umsatz- und Gewinnwachstum im kommenden Jahr. Das könnte auch deshalb gelingen, da das neue Model Y bereits im Sommer 2020 in die Fertigung gehen soll. Deutlich früher als ursprünglich gedacht.

Gleichfalls aber dürften die Ausgaben wieder steigen. Die Konkurrenz nimmt zu, Tesla wird investieren müssen, um seine First-Mover-Position behalten zu können. Und tut das, wie der fertiggestellte Fabrikneubau in China und der geplante in Deutschland zeigen. Der Umsatzrückgang – in Nordamerika minus 40 Prozent in drei Monaten – muss da als Warnung vor zu viel Optimismus verstanden werden, was die Ergebnisse anbelangt.

Tesla in Deutschland neuer Marktführer

Klar ist aber auch: Tesla wird als Marke immer attraktiver und ist dabei ein großes Stück vom Kuchen des automobilen Premiumsektors abzuknabbern. In Deutschland sind die Amerikaner inzwischen zum Marktführer aufgestiegen. Im Zeitraum Januar bis Oktober wurden in der Bundesrepublik 9.301 Teslas zugelassen. Das geht aus den Daten des Kraftfahrt-Bundeamtes hervor und entspricht einem Marktanteil von 17,6 Prozent.

Dass das in Zukunft noch viele mehr werden, gilt wohl als ausgemachte Sache. Jetzt, da eine eigene Fabrik im Land entsteht. Und Elon Musk weiß sicher, wie er das klug und erfolgskonzentriert vermarktet.

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