Deutsche Bank zieht sich aus dem weltweiten Aktienhandel zurück

von Oliver Götz15.07.2019Medien, Wirtschaft

Die Deutsche Bank zieht sich aus dem weltweiten Aktienhandel zurück, streicht 18.000 Stellen und will zurück zu ihren Wurzeln. Der Strategieschwenk ist mutig in seiner Radikalität und doch gleichzeitig Eingeständnis internationaler Konkurrenzunfähigkeit.

Seit 15 Monaten steht Christian Sewing an der Spitze von Deutschlands nach wie vor größtem, privatem Geldhaus. Er ist damit seit der Finanzkrise der fünfte Vorstandschef, der sich daran versuchen darf, oder muss – je nachdem wie man es nimmt – die Deutsche Bank von ihren Altlasten zu befreien, sie aufzupolieren und erfolgreich in die Moderne, ins digitale Zeitalter zu führen. Diese Fluktuation an höchster Stelle zeigt: Besonders erfolgreiche Versuche waren in den vergangenen Jahren nicht dabei. Und das, obwohl sie nach Josef Ackermann alle, von Anshu Jain über Jürgen Fitschen bis John Cryan, immer wieder den großen Umbau, den endgültigen Aufbruch, eine skandalfreie Neuausrichtung, auslobten. Passiert ist wenig. Gelungen noch weniger.

Christian Sewing, der praktisch sein ganzes, bisheriges Berufsleben in der Bank verbracht, die Karriereleiter vom Auszubildenden bis zum CEO durchlaufen und vom Höhenflug bis zur Bruchlandung alles schon mit erlebt hat, muss es nun richten. Er ist die wohl allerletzte Chance unter den vielen letzten Chancen, die der Bank schon zugesprochen wurden. Das weiß er. Und deshalb greift er durch. Darf durchgreifen, weil auch der Aufsichtsrat um seinen Vorsitzenden Paul Achleitner den Ernst der Lage, in der sich die einstige deutsche Vorzeigebank befindet, nicht mehr weg diskutieren, nicht mehr als zwischenzeitliche Schwäche abtun kann.

International ist die Konkurrenz enteilt

Es steht nicht gut um die Deutsche Bank. Diese zugegeben nicht ganz neue Erkenntnis scheint nun endgültig auch in die Entscheidungsgremien des Frankfurter Geldhauses durchgesickert zu sein. International können die Deutschen nicht mehr mithalten, die Konkurrenz um die US-Großbanken JP Morgan, Goldman Sachs oder Citi, ist enteilt. Für den Moment uneinholbar weit. Ihnen im internationalen Investmentbanking ein ernstzunehmender Konkurrenz zu sein, ist für die Deutsche Bank – man muss das so klar und deutlich sagen – zum einem völlig unrealistischen Unterfangen geworden.

Das einzusehen, sich die eigene Schwäche eingestehen, ist nicht nur schwierig, es erfordert vor allem Mut. Christian Sewing ist der erste Vorstandschef, der diesen seit Beginn der Krise im Konzern beweist. Mit einem radikalen Strategieschwenk und einem noch härteren Kostensenkungsprogramm. 18.000 Stellen sollen bis 2022 gestrichen werden, aus 91.500 Vollzeit-Arbeitsplätzen nur noch 74.000 werden. Neben Filialschließungen im Zuge der Digitalisierung will Sewing vor allem in New York und London massiv Personal einsparen. An den Hotspots des internationalen Investmentbankings also. Dessen nämlich will er sich in großen Teilen entledigen, ganze Geschäftsfelder sollen wegfallen. Sewing wagt etwas, das lange Zeit undenkbar galt, er lässt die Bank aus dem weltweiten Aktienhandel aussteigen.

Nicht  komplett, aber fast, wie es scheint. Das was in Zukunft übrig bleibt, will er selbst leiten – der bisherige Chef Garth Ritchie muss gehen – und nicht mehr dem Zufall überlassen in einem Bereich, der die Deutsche Bank zwar vor der Finanzkrise 2008 zum Global Player aufstiegen ließ, sie im Nachhinein aber mit milliardenschweren Skandalen und Risiken überhäufte, die sie bis heute zu erdrücken drohen und ihrem Image schweren Schaden zufügten. Und überhaupt war es der Bank nach 2008 einfach nicht mehr gelungen, nennenswert Fuß zu fassen in dem Sektor, der sie inzwischen hauptsächlich Geld kostet, anstatt ihr nennenswerte Summen zu verdienen. Jedem eingenommen Euro stehen Ausgaben in Höhe von 93 Cent gegenüber. Die Konkurrenz wendet zum Teil 30 Cent weniger auf. Nicht nur, dass die Bank seit der Finanzkrise dazu verpflichtet ist deutlich mehr Absicherungs-Kapital bereit zu halten, auch die Gehälter sind im Investmentbanking vergleichsweise hoch. Ebenso wie die finanziellen Risiken, wenn es nicht läuft, wie es laufen soll. So lagert Sewing Bilanzrisiken im Volumen von 74 Milliarden Euro in eine Bad Bank aus.

Strategieschwenk: Analysten uneins 

Und gibt so alles in allem für seine Bank den Anspruch auf, ein führendes globales Investmenthaus sein zu wollen. Das ist ein Paukenschlag, ein ganz offenbar ernst gemeinter Neuanfang in radikalster Art und Weise. Viele Analysten loben ihn, halten ihn für dringend notwendig, auch wenn sie freilich vorsichtig bleiben in ihren Einschätzungen, zu groß sind die Risiken, die der Umbau mit sich bringt.
JPMorgan-Analyst Kian Abouhossein sah in den Umbauplänen zum ersten Mal keine halbgaren Maßnahmen, sondern eine echte Absicht die Strategie zu ändern. Klappe die Umsetzung, schrieb UBS-Kollege Daniele Brupbacher könnte das Ergebnis je Aktie 2022 bei zwei Euro liegen, womit der faire Wert der Aktie auf 14,70 Euro steigen könnte. Bei einem derzeitigen Kurs von 6,50 Euro entspräche das mehr als einer Verdopplung. Bis 2022 will die Bank ihre Erträge auf 25 Milliarden Euro steigern, die Rendite auf das materielle Eigenkapital auf mehr als acht Prozent. RBC-Analystin Anke Reingen sieht in den Umbauplänen dagegen eine weitere Verzögerung der Profitabilitätssteigerung, Goldman Sachs-Experte Jernej Omahen derweil die strukturellen Herausforderungen der Bank nicht vom Tisch. Es fehle vor allem weiterhin an sehr renditeträchtigen Geschäftsfeldern.

Das schlägt sich in den Zahlen nieder. Im ersten Quartal verdiente die Deutsche Bank 201 Millionen Euro, die Konkurrenz aus den USA derweil erwirtschaftete Gewinne in Milliardenhöhe.  Im zweiten prognostiziert die Bank schon einen Verlust in Höhe von 500 Millionen Euro vor und 2,8 Milliarden Euro nach Steuern. Hier schlägt der eingeleitete Umbau bereits voll zu Buche. Bis 2022 soll er insgesamt Kosten in Höhe von 7,4 Milliarden Euro verursachen.

Das heißt im Umkehrschluss: Er muss funktionieren. Die Bank, so Sewing, werde „konsequent auf die profitablen und wachsenden Bereiche“ ausgerichtet. Eine Bank für Unternehmen soll sie werden, keine mehr für raffgierige Investoren und Zocker. Vor allem aber muss sie ihre Erträge stabilisieren, allein die Kosten bei gleichzeitigen Marktanteilsverlusten zu minimieren hilft sonst wenig. Das dürfte in Zukunft noch schwieriger werden, als derzeit. Die Aussicht auf Zinserhöhungen ist den jüngsten Signalen von FED und EZB nach dahin, es geht gar wieder in die andere Richtung. Der sich anbahnende wirtschaftliche Abschwung könnte das Kapitalmarkgeschäft belasten. Einige juristische Risiken sind zudem noch immer nicht vom Tisch. Es wird schwierig aufzuholen, was in den vergangenen Jahren verschlafen wurde, gerade auch, da es gleichzeitig ganz dringend Investitionen in die Digitalisierung braucht, wofür es der Bank im Vergleich und auf Dauer an finanziellen Mitteln fehlen könnte.

Fazit

Klar ist: Christian Sewing handelt nicht aus einer Position der Stärke, er handelt aus einer der Schwäche. Es geht nicht darum den Gewinn zu maximieren, es geht darum, endlich wieder und dauerhaft welchen zu erzielen. Er handelt mehr aus der Vergangenheit heraus, will Altlasten begraben und Risiken minimieren, dabei braucht es daneben dringend Ideen für eine Zukunft, die wohl auch den Bankensektor „auf den Kopf digitalisieren“ wird. Während sich die Deutsche Bank also noch immer mit der Aufarbeitung von Vergangenem herumplagt, basteln die großen US-Banken an der Zukunft. Sewings Entscheidung zu diesem radikalen Umbau ist eine aus letzter Not heraus. Mehr letzte verzweifelte Verteidigungsmaßnahme, als innovativer Angriff auf die Konkurrenz. Deshalb ist die neue Strategie nicht falsch, sie dürfte die einzige mögliche und richtige sein, die die Deutsche Bank derzeit fahren kann, aber sie ähnelt dann eben doch dem Wurf eines Rettungsrings. Und ob der zur Rettung taugt, wird wohl sehr lange offen bleiben.

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