Besser in ausgewählte Aktien investieren

von Oliver Götz11.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Im ersten Halbjahr 2019 ist die Zahl der Prognosesenkungen deutscher Unternehmen auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Vor allem eine Branche bereitet große Sorgen. Bestimmte Spezialisten sorgen dagegen für Lichtblicke. Eine Übersicht.

Der Wind, er will mit Blick auf Deutschlands Unternehmen einfach nicht die Richtung ändern. Frontal und mit zunehmender Kälte bläst er vor allem exportstarken Großkonzernen in das Gesicht. Und die Angst, dass aus Wind bald Sturm wird, ist allgegenwärtig. Bei Unternehmenslenkern und Experten genauso, wie unter Anlegern und Analysten. Nun, kurz vor dem Jahresendspurt, bekommt jene Angst neue Nahrung. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) nämlich, lag die Zahl der Gewinnwarnungen deutscher Unternehmen im ersten Halbjahr 2019 auf einem neuen Rekordhoch. So haben in diesem Zeitraum 54 von 308 im Prime Standard, zu dem unter anderem alle Unternehmen aus Dax, MDax, SDax und TecDax zählen, gelisteten Firmen ihre Gewinn- oder Umsatzziele gekappt. Das entspricht einem Anstieg von 38 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sowohl in Dax und MDax (von fünf auf sieben), als auch im SDax (von fünf auf zwölf), stiegen die negativen Korrekturen auf Rekordniveau. Dazu lag erstmals seit dem ersten Halbjahr 2014 die Anzahl der Zielverfehlungen höher, als die der Prognoseanhebungen. Überhaupt konnte im Dax nur ein einziger Konzern seine Ziele übertreffen: Wirecard.

„Zahlreiche Unternehmen mussten schon zu Beginn des Geschäftsjahres feststellen, dass ihre ohnehin nicht übermäßig optimistischen Prognosen doch nicht erreichbar sind“, sagt Martin Steinbach, Partner und Leiter des IPO and Listing Services-Bereichs bei EY. „Die weltweite Konjunktur verliert deutlich an Kraft, der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt, der nun auch zu einem Währungskrieg geworden ist, sorgt für erhebliche Unsicherheit. Und in Europa scheint alles auf einen harten Brexit hinauszulaufen. Gute Nachrichten werden immer seltener.“

Großkonzerne besonders betroffen

Vor allem Deutschlands Großkonzerne schlittern immer weiter in die Zahlenkrise. Sie leiden besonders unter den schwächelnden Auslandsmärkten und nachlassenden Investitionen. Ihre globalen Wertschöpfungsketten werden durch die brodelnden Handelskonflikte vom Erfolgsgaranten auf einmal zur Belastungsprobe. Nur vier Prozent der Konzerne mit einem Jahresumsatz von mehr als fünf Milliarden Euro haben bislang ihre Prognose angehoben. Bei den Unternehmen mit höchstens 250 Millionen Euro Umsatz sind es 23 Prozent. „Die Globalisierung macht gerade leider einige Schritte zurück“, sagt Marc Förstemann, Partner bei EY in der operativen Restrukturierungsberatung. „Neue Handelsschranken sorgen dafür, dass gerade breit aufgestellte und international tätige Unternehmen alle Hände voll zu tun haben, ihre weltweit eng verzahnten Produktionsverbünde, Entwicklungszentren und Komponentenwerke neu aufzustellen und gegen verändertes Kaufverhalten, Zollrisiken und potenzielle Unterbrechungen der Lieferketten zu wappnen.“

Besonders hart trifft es die deutsche Autoindustrie. Dort gab es 2019 bislang auch die meisten Gewinnwarnungen. Allein fünf von zwölf börsennotierten Automobilherstellern beziehungsweise Autozulieferern konnten die eigenen Erwartungen nicht erfüllen. „Die weltweite Autokonjunktur entwickelt sich schlechter als erwartet, die technologischen und strukturellen Herausforderungen sind enorm“, sagt Förstemann. „Der weltweite Absatzrückgang trifft die Branche zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt – denn ohnehin stehen die Gewinne aufgrund hoher Investitionen derzeit stark unter Druck.“ Überhaupt geht es dem sekundären Sektor hierzulande schlecht wie lange nicht. Im Juni sank bei 23 von 30 Industriesektoren die Produktionsmenge im Vergleich zum Vorjahr. Ob nun Daimler, BASF, Continental, Covestro, Dürr oder Krones, im Sektor häufen sich die Gewinnwarnungen in alarmierender Art und Weise. Auffallend robust präsentieren sich dagegen kleinere Konzerne und Unternehmen. „Gerade kleinere, stark spezialisierte Pharma- oder Technologie-Unternehmen legen teils sehr gute Zahlen vor. Auch in der Immobilienbranche laufen die Geschäfte überwiegend gut“, konstatiert Förstemann.

Was sollten Anleger tun?

Der deutschen Wirtschaft und insbesondere dem Industriesektor dürften die Zahlen erneut als großes Warnsignal vor dem drohenden Abschwung dienen. Sowohl mit Blick auf die Handelskonflikte als auch auf das Dauerthema „Brexit“ sind bislang keine Lösungen in Sicht. Mit Boris Johnsson am Führungsruder wird der harte Ausstieg Großbritanniens aus der EU zudem wahrscheinlicher. „Jetzt müssen die Notfallpläne in Gang gesetzt werden – und es wird sich zeigen, wie flexibel und gut vorbereitet die Unternehmen tatsächlich sind. Wir können davon ausgehen, dass ein Brexit ohne Vertrag zu erheblichen Umsatzrückgängen und zu einer neuen Welle von Gewinnwarnungen führen wird. Ebenso wird es Profiteure geben, welche dann bessere Gewinnchancen haben werden“, erklärt Förstemann. Kollege Steinbach rät Unternehmen derweil sich auf die schwierigen Rahmenbedingungen noch besser einzustellen: „In derart unsicheren Zeiten wird das Erwartungsmanagement bei Analysten und Investoren immer wichtiger. Nur wer im ständigen Dialog mit dem Finanzmarkt steht und dabei transparent und kompetent kommuniziert, kann Überraschungen und damit starke Kursausschläge vermeiden.“

Könnte übersetzt heißen: Besser in ausgewählte Aktien investieren, als in Branchen, Sektoren oder Indizes. Mehr denn je gilt für Anleger damit, genau zu prüfen, wie das Unternehmen oder der Konzern, dessen Aktien man geneigt ist zu erwerben, aufgestellt ist. Wer leitet am schnellsten erfolgsversprechende Umstrukturierungsmaßnahmen ein, wer kann sich auf einen starken Binnenmarkt verlassen, wen fichten Strafzölle am wenigsten an. Wer ist in Sachen Digitalisierung vorn mit dabei, wer hat vielversprechende Innovationen in der Pipeline. Solche Fragen müssen sich Anleger nun wohl wieder konsequenter stellen. Gut immerhin: Was die Erwartungen an der Börse angeht, scheint sich der Wind zu drehen. Im Schnitt sind diese niedriger geworden. Auch freilich, da die Kurse zum Teil schon merklich gefallen sind. 2019 ging es am Tag der Gewinnwarnung für die jeweilige Aktie nur um fünf Prozent bergab. 2018 waren es noch acht Prozent gewesen.

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