Taugt das Papier als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk?

Oliver Götz6.12.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Nach einem blitzsauberen dritten Quartal klettert die Facebook-Aktie in Richtung ihres Allzeithochs und scheint endgültig zurück in der Spur. Taugt das Papier als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk?

Erst vor kurzem warnte Mark Zuckerberg vor einem „sehr schwierigen Jahr“ für Facebook. „Im nächsten Jahr der Kampagnen werden wir immer dann im Mittelpunkt der Debatte stehen, wenn es Inhalte oder Richtlinien für unsere Dienste gibt, von denen die Leute glauben, dass sie ihre Seite vorteilhaft oder nachteilig beeinflussen könnten“, erklärte er und schlussfolgerte: „Dies könnte zu weiteren Untersuchungen führen. Die Kandidaten werden uns kritisieren.“

Damit spielte er auf den anstehenden Wahlkampf rundum die US-Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr an. Und warnte Anleger und Investoren vorsichtshalber vor, dass es mit den Debatten um Fake-News und Propaganda im Netz noch lange nicht vorbei sein wird. Ganz im Gegenteil.

Hinzu kommt der Cambridge Analytica-Skandal, der dies- und nun auch jenseits des Atlantiks die Behörden auf den Plan ruft. Der US-Bundesstaat Kalifornien beispielsweise kündigte an, die Datenschutzpraktiken des Social Media-Giganten einer 18-monatigen Untersuchung zu unterziehen. Dass weitere und strengere Datenschutzrichtlinien respektive Verordnungen auf Facebook zukommen, gilt als nicht unwahrscheinlich. Auch das weiß Zuckerberg und gestand ein: „Wir stehen vor großen regulatorischen und sozialen Problemen.“

Facebook mit Instagram eine Wettbewerbsgefahr?

Apropos Regularien. Der rasante Aufstieg des Plattform Instagram stimmt die US-Wettbewerbshüter mit Blick auf Facebook als Konzern nachdenklich. Zuletzt machten gehäuft Gerüchte über eine mögliche Zerschlagung die Runde. Zuckerberg sagte dazu: „Ich denke, trotz der Sorge, ob es genügend Wettbewerb gibt, ist der Raum heute weiterhin unglaublich wettbewerbsfähig, wir haben verschiedene Konkurrenten wie Snapchat, was zeigt, dass die Leute immer neue Ideen entwickeln.“
Tatsächlich scheint eine Zerschlagung äußerst unwahrscheinlich. Instagram ist erst unter dem Dach von Facebook zu dem geworden, was es heute ist. Allerdings könnte eine gewisse Angst vor den kartellbehördlichen Untersuchungen zu einer gewissen Vorsicht führen, was weitere Übernahmen anbelangt. Die könnte der Konzern in Zukunft aber brauchen, um weiter zu wachsen. Die Halbwertszeit sozialer Netzwerke scheint nämlich eine sehr begrenzte zu sein. Bei den unter 18-jährigen nutzt kaum noch wer das Netzwerk Facebook. Ohne die Übernahmen von Instagram und WhatsApp stünden die Kalifornier heute weit weniger gut da.

Es gilt für Facebook in nächster Zeit also offenbar eine ganze Reihe von Herausforderungen anzunehmen. Das Jahr 2020, es könnte tatsächlich schwierig werden. Und Mark Zuckerberg, der dürfte dem frohen Fest schon einmal sorgloser entgegengesehen haben.

Sorglosigkeit an der Börse

Umso erstaunlicher, dass sich immer mehr Sorglosigkeit unter Anlegern und Aktionären breit macht. An der Börse, so scheint es, feiert Facebook schon drei Wochen zu früh ein frohes Fest. Inzwischen kostet die Aktie wieder rund 200 Dollar, hat damit das Allzeithoch von knapp 205 Dollar vor Augen und seit Jahresbeginn ein Kursplus von 52 Prozent erklettert. Die Kursdellen in Folge des Datenskandals und der kleinen Tech-Krise Ende 2018 sind vollständig überwunden, der langfristige Aufwärtstrend intakt, das Chartbild wieder eines, das kaum besser aussehen könnte. Das dürfte zum Ende des Jahres das KGV auf einen Wert von 31,6 steigen lassen, 2018 lag er noch bei 17,1. Ein ordentliches Plus, das sich aber auch wieder verringern könnte, bleiben die Geschäftszahlen so gut, wie sie es im abgelaufenen dritten Quartal waren.

Facebooks Konzerngewinn stieg um 19 Prozent auf 6,1 Milliarden Dollar, der Gewinn je Aktie auf 2,12 Dollar. Die Umsätze kletterten um 29 Prozent auf 17,7 Milliarden Dollar. Die monatlich aktive Nutzerzahl erhöhte sich von 2,41 auf 2,45 Milliarden, täglich besuchten 1,62 Milliarden Menschen das Soziale Netzwerk. Instagram und WhatsApp mit eingeschlossen zählte Facebook 2,2 Milliarden täglich aktive Nutzer und konnte weltweit zulegen. Credit Suisse-Analyst Stephen Ju attestierte Zuckerberg ein weiteres blitzsauberes Quartal und hob sein Kursziel von 260 auf 270 Dollar an. Das entspräche einem Aufwärtspotenzial von 35 Prozent. Auch Jefferies-Experte Brent Thill freute sich über erneut starke Zahlen und einen überraschend positiven Ausblick auf 2020. Er hielt an seinem Kursziel von 250 Dollar fest.

Fazit

An der Börse und auch was die realwirtschaftliche Performance anbelangt, ist von „schwierig“ keine Spur. Die Werbeeinnahmen sprudeln, die Gewinnsteigerungen überraschen Analysten ein ums andere Mal. Wer die Aktie länger beobachtet hat, weiß: So geht das nun schon seit Jahren. Mal wird sich um steigende Kosten gesorgt, mal um das Erstarken der Konkurrenz, jetzt um Wettbewerbsvorschriften, Datenschutzbestimmungen und Fake-News-Vorwürfe. Solange die Zahlen weiter derart überzeugen, dürften auch diese Sorgen an der Börse so schnell keinen in Panik versetzen. Spannend dürfte vor allem Facebooks Libra-Vorhaben bleiben, nach wie vor will der Konzern damit 2020 starten. Ebenso wie mit Facebook Pay, dessen Verwirklichung deutlich wahrscheinlicher erscheint. Mit seinen täglich aktiven 2,2 Milliarden Nutzern sind die Wachstumschancen gigantisch. Die Facebook-Aktie also zu Weihnachten? Warum nicht.

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