Chancenlos! Deutschlands Top-Konzerne verlieren den Anschluss

Oliver Götz17.06.2019Europa, Medien, Wirtschaft

Während die Umsätze amerikanischer und chinesischer Weltkonzerne zweistellig wachsen, hinken Deutschlands Big Player hinterher. Und das alarmierend deutlich. Liegt die Schuld bei Donald Trump oder doch ganz woanders?

Kein Tag vergeht, an dem Donald Trump nicht global gescholten wird, für seine restriktive Handelspolitik, seine Drohungen in Richtung Mexiko, Kanada und Europa sowie den Zollstreitigkeiten mit China, die das Wirtschaftswachstum überall auf dem Planeten ernsthaft zu bedrohen scheinen. Ob nun von Politikern, Medien oder Wissenschaftlern. Ein Großteil ist sich einig: Langfristig vernichtet dieses Verhalten wirtschaftlichen Wohlstand. Egal wo auf dieser Welt. Auch in den USA selbst.

Nun bedarf es wahrlich keines jahrelangen Studiums der Wirtschaftswissenschaften – ein paar Grafiken dürften schon reichen – um für sich zu erkennen, dass dem tatsächlich so ist. Freier internationaler Warenaustausch garantiert freien internationalen Wettbewerb. Und der kurbelt nicht nur das Weltwirtschaftswachstum an, er reguliert auch ganz automatisch die Preise der jeweiligen Produkte. Dank größerer Konkurrenz, meist und zum Wohle der Verbraucher, nach unten.

National betrachtet, gibt es aber auch immer wieder gute Gründe für handelspolitische Restriktionen. Beispielsweise, um einer Branche die Möglichkeit zu geben sich zu entwickeln, ohne von Vornherein durch eine womöglich weiter entwickelte oder schlicht günstigere internationale Konkurrenz ausgestochen zu werden. So gehören Japan und Deutschland beispielsweise auch deshalb zu den Nationen mit den größten und erfolgreichsten Automobilherstellern weltweit, da sie nach dem zweiten Weltkrieg unter Führung der USA vom Weltmarkt abgeschottet wurden, was sicher nicht einer gewissen Ironie entbehrt. Auch sollte die Frage erlaubt sein, ob es Chinas Tech-Konzerne, wie Baidu, Tencent oder Alibaba geschafft hätten so groß und einflussreich zu werden, hätten die Chinesen Google, Facebook und Amazon freien Marktzugang gewährt. Gerade im digitalen Bereich, wo die Konkurrenz stets nur einen Klick weit entfernt ist, drängen sich Monopole quasi auf, gäbe es keine politischen Barrieren.

Dass es deshalb immer wieder Befürworter von Zöllen und anderen Restriktionen mit Blick auf den freien internationalen Warenverkehr gibt, verwundert wenig. Dass es nun ausgerechnet mit Donald Trump der wohl derzeit einflussreichste Politiker dieser Erde ist, der sich zum Gegner einer freien Wirtschaft aufschwingt, macht die Sache freilich zur Herausforderung. Alles in allem und langfristig schließlich, schadet diese Politik dem globalen Wirtschaftsaufschwung. Und damit ganz sicher auch irgendwann dem Land, dass sich vielleicht kurzfristig als Profiteur feiern konnte.

Genugtuung für Donald Trump?

Genau das, diese Genugtuung für den Moment, dürfte Donald Trump derzeit erfahren. Wie es das Beratungsunternehmen Ernst&Young(EY) jüngst in einer Studie feststellte, haben die größten börsennotierten US-Unternehmen im vergangenen Jahr durchschnittlich ein Umsatzwachstum von 10,5 Prozent erzielt. Die Gewinne stiegen mit 12,8 Prozent im Schnitt sogar noch stärker. Überhaupt zählten zu den 1000 umsatzstärksten Unternehmen weltweit, deren Ergebnisse und Zahlen für die EY-Erhebung genutzt wurden, 299 Firmen aus den USA. China kam mit 79 Unternehmen weit abgeschlagen auf Rang Drei. Davor setzte sich Japan mit 146 Firmen. Mit Blick auf das entscheidende, das Wachstum, lagen Chinas Konzerne dagegen nur knapp hinter denen aus Nordamerika. Um 10,1 Prozent stiegen die Umsätze der größten börsennotierten Unternehmen aus dem Reich der Mitte 2018 gegenüber dem Vorjahr an. Die Gewinne klettern im Schnitt um 12,2 Prozent.

Ausgerechnet die beiden Nationen also, die sich derzeit mit Zöllen und neuen Zolldrohungen überbieten, waren im vergangenen Jahr die Wachstumsweltmeister. Allen voran die USA, die im Gewinnranking mit Apple (60 Milliarden Euro) auch den Spitzenplatz belegten. Auf Rang Zwei folgte Samsung (45 Milliarden Euro) aus Südkorea, dann mit Microsoft (30 Milliarden Euro) wieder ein US-Konzern. Insgesamt hatten sieben der Top-Ten ihren Sitz in den USA. „Die Top-US-Konzerne sind derzeit in vielen Branchen das Maß der Dinge. Sie profitieren vom großen und prosperierenden Heimatmarkt und von der hervorragenden Entwicklung der US-Technologie-Konzerne“, erklärte Alexander Kron, Mitglied der EY-Geschäftsführung, die Ergebnisse gegenüber der Deutschen Presseagentur.

Deutschlands Top-Konzerne: 2018 im Schnitt minus zehn Prozent Gewinn

Den Anschluss international dagegen vollkommen verloren haben 2018 Deutschlands Top-Unternehmen. Nicht nur, dass Deutschland es gerade einmal mit 44 Firmen unten die 1.000 umsatzstärksten der Welt geschafft hat, sogar Großbritannien und Frankreich liegen mit jeweils 45 ganz knapp vor Deutschland, mit Blick auf das Umsatz- und Gewinnwachstum scheint auf globaler Ebene die Konkurrenzfähigkeit abhandengekommen zu sein. Während der Umsatz der 44 deutschen börsennotierten Unternehmen im Schnitt nur um 1,2 Prozent gegenüber 2017 zulegen konnte, brach deren operativer Gewinn durchschnittlich sogar um zehn Prozent ein. Damit ist Deutschland das internationale Wachstumsschlusslicht, liegt auch weit hinter Europa (Umsatz: plus 7,7 Prozent, Gewinn: plus 11,6 Prozent) zurück.  Volkswagen kam als bester deutscher Konzern im Gewinnranking mit 14 Milliarden Euro  immerhin noch auf Platz 25. „Nach einigen sehr guten Jahren“, analysiert Kron, „mussten deutsche Top-Unternehmen im vergangenen Jahr zahlreiche Rückschläge hinnehmen, auch weil sie so internationalisiert sind und damit überdurchschnittlich stark unter den interanationalen Handelsspannungen leiden.“

Dies als alleinige Ursache und damit einmal mehr Donald Trump zum Ursprung allen Übels zu machen, wäre jedoch zu einfach. In erster Linie hat Deutschland die Digitalisierung zu lange Zeit quasi ignoriert, vor allem ihr wirtschaftliches Potenzial unterschätzt. Ein großer Internetkonzern fehlt der Bundesrepublik gänzlich. Dazu schwächelt die so wichtige Automobilindustrie. Bislang nicht wegen des Handelskonfliktes, sondern aufgrund neuer Abgasnormen und dem Wandel hin zur E-Mobilität, der viel Geld kostet und noch kaum Umsatz beschert. Auch in diesem Bereich läuft man nach wie vor den USA und China hinterher. Und dann schwächelt weltweit, vor allem aber in ganz Europa das Wirtschaftswachstum. Daran sind die internationalen Handelsspannungen mit Schuld, ganz ohne Frage. Doch die Ergebnisse der EY-Studie zeigen eines ganz deutlich: Deutschlands große Unternehmen können sich nicht mehr auf hohes, globales Wachstum verlassen, vor allem nicht im Industriesektor. Das Wachstum der Zukunft spielt sich wohl zuvorderst im digitalen, teils immateriellen Raum ab. Und den besetzen Global Player aus Deutschland bislang kaum. Nun darf eine solche Studie auch nicht überbewertet werden, seit jeher profitiert Deutschland mehr von seinem starken Mittelstand, als von seinen großen börsennotierten Unternehmen. Und doch werden durch das Papier eklatante Schwächen der deutschen Wirtschaft alarmierend deutlich.

Oliver Götz

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