Volkswagen: Zeitenwende im Raubtiermodus

Oliver Götz8.02.2019Wirtschaft

Wie kein anderer Massenhersteller drückt VW mit Blick auf die automobile Zukunft das Gaspedal durch, investiert Milliarden in E-Mobilität und Automatisierung. Volkswagen wagt mit beispielloser Konsequenz die Neuausrichtung und macht damit seine extrem günstige Aktie hochinteressant. Doch der Grat zwischen glorreicher Auferstehung und einem letzten verzweifelten Aufbäumen scheint schmal.

Blickt man nur auf das, was Volkswagen heute, Anfang 2019, an gigantischen Plänen für die Zukunft schmiedet, dann scheint es wirklich schwer vorstellbar, dass das derselbe Konzern ist, der im September 2015, also vor gut drei Jahren, endgültig dabei ertappt worden war, wie er mit illegalen Abschalteinrichtungen seine Dieselfahrzeuge in sauberes Gewand zu stecken versuchte. Einer der größten Industrieskandale, die Deutschland und die Welt je gehen hat, war damit perfekt. 28 Milliarden Euro hat er VW bislang gekostet. Viele Unternehmen gäbe es nach solchen Strafzahlungen gar nicht mehr, doch die Wolfsburger – auch wenn in Sachen Dieselgate noch lange nicht über den Berg – haben es tatsächlich geschafft aus größter Not die berühmte Tugend zu machen. Mitten in einer wahrhaft lebensbedrohlichen Lage haben sich die Wolfsburger zu Entscheidungen durchgerungen, die mit Blick auf den unter Martin Winterkorns eiserner Führung lange Zeit als eher konservativ geltenden Konzern wahrhaft revolutionär erscheinen.

Volkswagen überall

Volkswagen präsentiert sich heute, knapp dreieinhalb Jahre später, und mit Herbert Diess als neuem Vorstandschef, im gereizten Raubtiermodus. Auch wenn selbst verursacht, scheinen die öffentlichen Prügel infolge des Dieselskandals Spuren hinterlassen zu haben. In Wolfsburg will man es all seinen Kritikern und Nörglern, all denen, die VW bereits abzuschreiben versuchten und die den Niedersachsen die große, radikale Mobilitätswende nicht zutrauen mochten, jetzt erst recht zeigen und beweisen. Koste es, was es wolle. Im wahrsten Sinne des Wortes. Keiner unter den etablierten Fahrzeugherstellern investiert alles in allem so viele Milliarden in die Entwicklung neuer E-Autos, zukunftweisende Mobilitätsdienste, autonomes Fahren und die Digitalisierung wie Volkswagen. Allein in den kommenden fünf Jahren sollen 50 Milliarden Euro für die Entwicklung von 50 neuen E-Modellen locker gemacht werden, schreibt HSCB-Experte Jewgeni Ponomarev.

Diess will seinen Konzern völlig neu ausrichten, führt ihn so offenbar ähnlich durchsetzungsstark wie einst Martin Winterkorn, dabei aber in eine ganz neue Richtung. Und er scheint seine Ideen für die Neuausrichtung zumindest in den Köpfen der Führungsriege bereits fest verankert zu haben. Volkswagen, so wirkt es, versucht sich mit Blick auf seine ganze Unternehmensphilosophie an einem Radikalschnitt.

Öffentlich bekannte sich VW so beispielsweise allen voran zum Pariser Klimaabkommen, hat zudem als erster unter den traditionellen Automobilherstellern einen fixen Zeitpunkt für den Abschied vom Verbrennungsmotor ausgegeben. “Im Jahr 2026 beginnt der letzte Produktstart auf einer Verbrennerplattform”, hatte VW-Chefstratege Michael Jost im vergangenen Jahr bei einem Branchentreffen der Autobauer angekündigt. „Das bedeutet, dass etwa 2033 der Produktionsstart für die letzten konventionellen Modelle ansteht.“ Um die Erderwärmung unter zwei Grad zu halten, müsse die gesamte Fahrzeugflotte ab dem Jahr 2050 CO2-neutral unterwegs sein, versuchte sich Jost zudem an ein bisschen Klimapolitik fürs Image.
Um das Jahr 2040 herum dürften damit die letzten Volkswagen mit herkömmlichem Antrieb neu auf die Straße rollen. Zugegeben, bis dahin ist noch einige Zeit zu gehen und Hersteller wie Tesla produzieren bereits heute ausschließlich Fahrzeuge mit E-Antrieb. Eine Ansage aber bleibt das trotzdem, vor allem mit Blick auf die Vehemenz, mit der VW den Konzernumbau vorantreibt.

Weltweit entstehen acht neue Werke

Bis 2022 soll so beispielsweise das Passat-Werk in Emden zur E-Fabrik für Kleinwagen und Limousinen umgebaut werden. Auch in Hannover sollen schon bald und womöglich in Zusammenarbeit mit Ford Fahrzeuge mit Elektroantrieb vom Band rollen. Das Werk in Zwickau derweil wird gleichzeitig zur hochautomatisierten E-Auto-Schmiede. 2020 soll dort bereits das erste vollelektrische Automobil der neuen ID-Reihe produziert werden. 2022 dann könnte dies bereits fast vollautomatisch ablaufen, unter anderem via fahrerloser Transportsysteme und neuer, leistungsfähigerer Roboter. „Das ist ein Pilot für das ganze Land, für die gesamte Industrie“, schwärmte jüngst die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles bei einer Werksbesichtigung.
Und auch in China, genauer gesagt in Anting und Foshan, baut VW neue, hochmoderne Produktionshallen auf. In Chattanooga, USA, investieren die Wolfsburger 700 Millionen Euro in den Umbau ihres bereits bestehenden Werkes. 2022 soll dort bereits der ID Crozz zusammengebaut werden. Insgesamt sollen weltweit in einem ersten Schritt acht neue Werke entstehen, die dann den neu entwickelten modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB) von VW nutzen können. Auf diesem basierend sollen dann zunächst 15 Millionen Fahrzeuge von den Bändern rollen. Hier kommt VW einmal mehr seine Konzerngröße zu Gute. Einmal entwickelt, kann das Baukastensystem nicht nur für die Kernmarke, sondern eben auch für viele Tochtermarken nutzbar gemacht werden. Und von diesen gibt es, um mit Audi, Skoda und Seat nur die dafür wohl am ehesten in Frage kommenden zu nennen, ja genügend.

Allein in China übrigens will VW 2019 vier Milliarden Euro investieren. Auf dem chinesischen Markt schließlich werde die Zukunft des Konzerns entschieden, sagte es Herbert Diess vor kurzem deutlich. Neben vielen weiteren Joint-Ventures und strategischen Allianzen, will man unter anderem wohl mit verschiedenen Partnern ein Elektro-Schnellladenetzwerk im Land aufbauen. In China, so Diess weiter, gebe es das richtige Umfeld für die Entwicklung der nächsten Generation Autos.

Eigene Ladesäulen, eigener Stromanbieter

Aber auch in Deutschland arbeitet VW am Ausbau der Ladeinfrastruktur. Ab 2020 schon, sollen eigene, mobile Schnellladesäulen in die Serienfertigung gehen. In die dafür verantwortlich zeichnende Komponentensparte – seit Januar eine eigene Einheit in VWs Konzerngebilde – fließen bis 2023 3,8 Milliarden Euro. Mit dem Geld soll unter anderem auch die Forschung mi Blick auf eine mögliche Entwicklung und Produktion eigener Batterien vorangetrieben werden. Damit nicht genug hat sich VW mit „Elli“ nun auch noch einen eigenen Stromanbieter gegründet. „Unsere Mission ist es, der E-Mobilität den Weg von der Nische in den Mainstream zu bahnen“, beschrieb dessen designierter Chef, Thorsten Nicklaß die Aufgabe seines Unternehmens.

Neben Shuttle-Bus-Tochter Moia, deren Fahrservices in Hannover bereits genutzt werden können und sich nun auch in Hamburg im Testbetrieb befinden, haben sie sich in Wolfsburg auch gleich noch einen neuen Vorstandsposten für „Autosoftware“ geschaffen. „Software wird ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal im Automobil von morgen, daher müssen wir den Software-Entwicklungsprozess deutlich beschleunigen“, erklärte Diess.

Ganz unabhängig von alldem treibt Volkswagen seine Expansion in Afrika voran. Nach Nigeria und Ghana, will man sich nun auch in Äthiopien niederlassen. In Algerien, Ruanda und Kenia ist man ebenfalls aktiv. In Südafrika steht ein Produktionswerk. Auch das klingt nach gut gestellten Weichen für die Zukunft. Experten messen dem afrikanischen Markt schließlich gewaltiges Potenzial zu, sollte es dem Kontinent auf Dauer gelingen, Kriege, Korruption und Armut einzudämmen.

Aktie – KGV und Dividende locken

Mit den erneuten Rekordabsatzzahlen für das Jahr 2018 im Rücken – konzernweit lieferte VW 10,83 Millionen Fahrzeuge und damit 0,9 Prozent mehr aus als noch im Jahr zuvor – scheint bei all dieser Zukunftsenergie einiges angerichtet zu sein für gute Stimmung. Besondern bei Anlegern, die noch dazu von einer sehr günstigen Aktienbewertung – das KGV des VW-Papiers liegt bei 5,3 – profitieren können. Zudem lockt eine Dividendenrendite von 3,6 Prozent. Nach einem schwachen Jahr 2018 steht der Kurs nur noch bei rund 147 Euro, seit Monaten bereits bewegt sich die Aktie volatil seitwärts. Doch reicht das an Argumenten für den Einstieg, wo doch sowohl das realwirtschaftliche als auch das Finanzmarkt-Umfeld derzeit so deutlich Anlass zur Sorge geben?

Quo vadis, VW?

Nun, 2019 dürfte zu einem herausfordernden Jahr werden, nicht nur für VW und seine Aktie, für Börse und Wirtschaft im Allgemeinen. Hinzu kommt, dass mit Blick auf die Automobilhersteller nach wie vor Trumps Strafzollpolitik wie ein Damoklesschwert über ihnen schwebt und der Brexit wie die von Experten prognostizierte globale Abkühlung der Wirtschaft große Unsicherheitsfaktoren bleiben dürften.

Andererseits gleicht das, was VW da langfristig, das Steuer in die Zukunft gerichtet, vorhat, einer Zeitenwende. Die Wolfsburger scheinen auf einmal die Zukunft für sich entdeckt zu haben, erfinden sich in weiten Teilen neu und fahren eine Vollgas-Offensive, die eindrücklicher kaum sein könnte. Stets darauf bedacht keinen Markt zu verpassen, pulverisieren sie Öffentlichkeit und Branche mit ständig neuen Ankündigungen, immer wieder neuen Versprechen, Kooperationen, Investitionen. In E-Mobilität und Automatisierung genauso wie in die globale Expansion. Es scheint fast so, als hätten sie es sich in Niedersachsen zur Aufgabe gemacht Elon Musks Marketing-Show zu kopieren.

Inmitten seiner immer noch nicht ausgestandenen Abgaskrise strotzt VW also vor Kraft, will vom reinen Fahrzeughersteller zum Mobilitätsdienstleister werden und scheint sich ganz offensichtlich plötzlich auf die Zukunft zu freuen. Setzen die Wolfsburger all ihre Pläne tatsächlich und erfolgreich in die Tat um, können das womöglich auch die Aktionäre. Bleibt nur zu hoffen, dass sie sich nicht übernehmen in Niedersachsen. Die Gefahr, dass am Ende nur eine nett ausgemalte Erfolgsgeschichte auf Papier bleibt, besteht.

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