Der Verlierer ist Europa. Gustav Horn

Megafusion perfekt – wann geht die Bayer-Aktie durch die Decke?

Die quälend lange Hängepartie ist beendet. Nach über 20 von viel Unsicherheit geprägten Monaten übernimmt Bayer wie geplant den US-Saatgutriesen Monsanto. Mit einem Volumen von 63 Milliarden Dollar geht die Transaktion als teuerste Übernahme eines deutschen Unternehmens im Ausland in die Geschichte ein. Werden jetzt die Anleger belohnt?

Die Mega-Fusion ist vollbracht. Der Leverkusener Pharmariese Bayer steigt auf einen Schlag zum weltgrößten Anbieter von Herbiziden und Saatgut auf. In den kommenden Jahren sollen wertvolle Synergien entstehen, Kosten minimiert werden und die Gewinne steigen.

Auf den ersten Blick klingt das nach einem vielversprechenden Deal. Die Marktmacht, die Bayer durch den Zukauf in den genannten Geschäftsfeldern gewinnt, ist alles anderes als unerheblich. In der Folge steht das Geschäftsmodell des deutschen Chemieriesen auf zwei großen Säulen: dem Agrochemie- und dem Pharmageschäft. Beide Bereiche sind tendenziell als vielversprechende Wachstumsmärkte einzuordnen. Einerseits brauchen immer mehr Menschen immer mehr Nahrung, was bedeutet, dass bei dem global in hohem Tempo voranschreitenden Flächenschwund in Zukunft wohl effektivere Anbautechniken und ein noch wirkungsvollerer Schädlingsschutz zum Einsatz kommen wird. Andererseits dürften die alternden Gesellschaften in den Industrieländern wie auch die Bevölkerung in den aufstrebenden Schwellenländern immer mehr Medikamente benötigen. Die teuerste Übernahme, die je von einem deutschen Unternehmen im Ausland getätigt wurde, sie scheint also logisch und durchdacht.

Was hat die Aktie nur?

Unter Anlegern jedoch will die große Freude nicht so recht aufkommen. Seit April 2015 hat die Bayer-Aktie über 30 Prozent an Wert verloren, rutschte so von ihrem damaligen Rekordhoch bei 146 Euro auf inzwischen nur noch 102 Euro ab. Die Unsicherheit, die sich Bayer mit der Bekanntgabe des Monsanto-Deals selbst aufgeladen hat, trug zu dieser für Anleger unerfreulichen Entwicklung bei. Zwischenzeitlich war der Kurs sogar auf 85 Euro abgesackt. Anschließend hatte er sich leicht erholt, stieg im Juni 2017 wieder auf über 120 Euro. Im Herbst dann ging es wieder nach unten, und auch der Start ins Jahr 2018 war kein guter. Als dann die EU-Wettbewerbshüter den Deal durchwinkten und sich auch mit den US-Behörden eine Einigung abzeichnete, wagte sich die Aktie an einen neuen Erholungsversuch. Besonders entschlossen präsentierte sie sich darin bislang allerdings nicht. Noch immer kämpft der Kurs mit dem 105 Euro-Widerstand der 200-Tage-Linie.

Kann die Aktie nach dem endgültigen „Fusions-Ja“ aller Beteiligten trotzdem oder gerade deshalb ein wenig zeitversetzt doch noch durch die Decke gehen? Immerhin präsentierte Bayer 2017 zwar keine glänzenden aber dann doch sehr solide Zahlen. Der Umsatz stieg um 1,5 Prozent auf 35 Milliarden Euro, das Konzernergebnis um 61,9 Prozent auf 7,3 Milliarden Euro. Vor allem im Bereich „Pharmaceuticals“ liefen die Geschäfte sehr gut. Der Umsatz kletterte um 4,3 Prozent auf 16,8 Milliarden Euro, was gleichbedeutend mit einem neuen Rekordwert war. Das Ebitda stieg um 8,8 Prozent auf 5,7 Milliarden Euro. Darüber hinaus lockt die Aktie nach der schwachen Performance der letzten Jahre mit einem noch recht niedrigen KGV-Wert in Höhe von 15,4. 2017 zahlte die Bayer AG zudem eine Dividende von 2,80 Euro je Anteilsschein, die Dividendenrendite lag damit bei guten 2,7 Prozent.

Angesichts der Rahmendaten trauen viele Analysten der Aktie inzwischen wieder einiges zu. 22 von 30 raten zum Kauf. Die restlichen acht dazu, die Aktie zu halten. Verkaufen würde das Papier für den Moment keiner der Experten. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 130 Euro, was bei dem derzeitigen Kurs einem Aufwärtspotenzial von 27 Prozent entspricht.

Baader Bank-Analyst Markus Mayer stellt sogar 140 Euro in Aussicht. Die Bewertung der Aktie sei um 15 Prozent niedriger als die europäischer Vergleichswerte. Das Papier bleibe damit zunächst eines der aussichtsreichsten in der Branche. Sollte die Monsanto-Übernahme erfolgreich verlaufen, könnte das Unternehmen darüber hinaus von einer zyklischen Erholung des Agrochemiesektors profitieren, schrieb Mayer in einer Studie. Eine erfolgreiche Monsanto-Eingliederung ist bei Jefferies-Analyst Ian Hilliker fest eingeplant. Auch wenn die Aufsichtsbehörden viele Zugeständnisse eingefordert hätten, dürfte die Übernahme den Gewinn auf mittlere Frist spürbar steigern, glaubt der Experte.

Warum die Anleger zögern

Es scheint indes so, dass viele Anleger nicht mit einem Erfolg bei der Eingliederung des Saatgutriesen aus Übersee rechnen. Oder zumindest viele Risiken sehen. Und sich damit einhergehend – und das ganz bestimmt nicht unbegründet – fragen, ob dieser Deal seine 63 Milliarden Dollar tatsächlich wert ist. Überhaupt sind inzwischen erstaunlich viele Fragezeichen aufgetaucht.

Zum einen wären da die hohen Zugeständnisse, die die Wettbewerbshüter weltweit von Bayer einforderten, um letztlich ihr „Okay“ für den Deal zu geben. Bayer ist in mehr als 30 Ländern aktiv, kein Wunder also, dass aus dem Einholen von Genehmigungen ein langes und schmerzhaftes Tauziehen wurde. Allein die EU verlangte von Bayer sich sowohl von seinem Gemüse- und Feldsaatgutgeschäft als auch dem „Glufosinat-Ammonium“-Bereich und seinen Digital-Farming-Aktivitäten zu trennen. Gemeinsam mit den US-Forderungen gehen insgesamt Geschäfte im Wert von neun Milliarden Dollar an BASF. Im Grunde muss der Konzern sein gesamtes Saatgutgeschäft abgeben, positive Synergieeffekte können hier also keine mehr entstehen.

Hinzu kommt der Verkauf von Covestro-Anteilen, der nötig war, um den Monsanto-Deal finanzieren zu können. Langfristig will man sich komplett von der ehemaligen Tochter trennen. Dabei laufen die Geschäfte bei dem Kunststoffspezialisten blendend. Ein Umsatz- und Gewinnrekord jagt den nächsten. Mit Monsanto dagegen übernimmt man eine ganze Menge Schulden, Risiken und ein ziemlich miserables Image. Zwar hat man in Leverkusen eilig angekündigt, den Namen Monsanto nicht übernehmen zu wollen. Doch die Namen Glyphosat und die Diskussionen um genveränderte Pflanzen bleiben als alter Ballast an Bord – und nun muss sich eben Bayer damit auseinandersetzen.

Zum operativen Ergebnis derweil soll der US-Konzern ab 2022 „nur“ noch 1,2 Milliarden Dollar beitragen und nicht mehr – wie ursprünglich geplant – 1,5 Milliarden. Und im ersten Quartal 2018 musste die Konzernmutter in Leverkusen im Bereich „CropScience“ einen Ergebnisrückgang verkraften, also in genau jenem Sektor, den man nun mit dem Monsanto-Kauf groß ausbaut.

Sind die 63 Milliarden gut angelegt?

Hinzu kommt, dass in der jüngsten Vergangenheit viele große Deals, die mindestens einen Wert von zehn Milliarden Dollar hatten, eher negative als positive Effekte auf die jeweiligen Aktien hatten. Insgesamt kommen sie – wie Bernd Schmid von The Motley Fool Deutschland schreibt – zwischen 2008 und 2012 im Schnitt auf eine Underperformance von 4,4 Prozent gegenüber dem S&P 500.

Am Ende bleiben Argumente für und gegen den Kauf der Bayer-Aktie. Bleibt der Gesamtmarkt stabil und der Kurs durchbricht nachhaltig die 200-Tage-Linie könnte es zumindest charttechnisch und kurzfristig ein Stück weit nach oben gehen. Ebenso kommen durch den Monsanto-Deal zwei zukunftsweisende Industrien zusammen unter ein Dach. Nämlich große Teile des globalen Agrochemie- und des Pharmageschäfts. Andererseits bleiben mit Blick auf die Eingliederung des US-Konzerns viele offene Fragen. Neben den bereits genannten und ganz bestimmt nicht zuletzt auch die, was man mit 63 Milliarden Dollar nicht sonst so alles hätte anfangen können. So kommt es mit Blick auf das Potential der Aktie auf die Betrachtungsweise an. Und auf die vielleicht entscheidendste Frage aller Fragen: Was – ob nun positiv oder negativ – ist bislang schon im Kurs enthalten?

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Spichalsky, Clemens Schneider, The European.

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