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Umbruch zur rechten Zeit?

Matthias Müller muss Volkswagen verlassen, sein Amt des Vorstandsvorsitzenden übernimmt der bisherige VW-Markenchef Herbert Diess. Zugleich stehen Führungsriege und Struktur des Konzerns vor einem grundlegenden Umbau. In Wolfsburg will man frischen Wind und ein neues Image. Was bedeutet das für die Aktie des größten Automobilherstellers der Welt?

Die jüngste Kursentwicklung der VW-Aktie war nichts für Anleger mit schwachen Nerven. Positive wie negative Nachrichten wechselten sich zuletzt in immer kürzer werdenden Abständen ab, schickten den Kurs mal um einige Prozent in die Höhe und nur kurze Zeit später wieder in die tiefrote Zone. Auf der einen Seite Rekordzahlen, auf der anderen drohende Dieselfahrverbote, Rechtsstreitigkeiten im Zuge des Abgasskandals, Zoll- und Handelskonflikt. Der Start ins neue Jahr war für das VW-Papier einer der besonders volatilen Sorte. Im Zuge eines freundlichen Gesamtmarktes und beeindruckender Jahresergebnisse Anfang Januar noch von 171,40 auf 187,26 Euro gestiegen, rutschte der Kurs im Anschluss und dank der US-Handelspolitik bis auf 153,68 Euro ab.

Als sich der Streit um Strafzölle zu entspannen schien, folgte Ende März wieder der Turnaround, welcher in der vergangenen Woche mit der Ankündigung eines personellen Umbruchs und einer Konzernneuaufstellung einen weiteren Schub bekam. Und so steht die VW-Aktie mit einem Kurs von 177,30 Euro nun eigentlich wieder ganz gut da, schließlich entspricht das einem Plus von 3,4 Prozent seit Jahresbeginn.

Der prominenteste Abgang mit Blick auf die personellen Wechsel ist freilich der von Vorstandschef Matthias Müller, der prominenteste Zugang sein Nachfolger, der bisherige VW-Markenchef Herbert Diess. Zudem löst Gunnar Kilian Karlheinz Blessing als bisherigen Personalvorstand ab, er soll vor allem im Streit mit den Gewerkschaften schlichten. Ralf Brandstätter wird vom Beschaffungs- zum Einkaufsvorstand und auch Porsche-Chef Oliver Blume bekommt einen Platz im Vorstand. Überhaupt sollen die Chefs der einzelnen Marken auch Führungspositionen mit Blick auf konzernweite Aufgaben bekommen und somit mehr Mitspracherecht.

Der Wechsel an der Konzernspitze kommt plötzlich, für viele aber nicht überraschend. Bereits 2015, als Müller Martin Winterkorn ersetzte, waren immer wieder Worte wie „Übergangslösung“ oder „Übergangskandidat“ zu vernehmen, schließlich hat Müller den Posten damals wohl auch mehr aus der Not als aus innerer Überzeugung heraus übernommen. Seine Sache allerdings hat er im Anschluss gut gemacht. Müller hat den VW-Konzern wieder zurück auf Rang eins der größten Automobilhersteller der Welt geführt, ihm 2017 Rekorde bei Umsatz, Absatz und operativem Ergebnis beschert, mit Blick auf die Bewältigung der Dieselkrise und notwendige Kostensenkungen Erfolge erzielt, ja er hat die Wolfsburger mit seinen Ankündigungen auf der IAA 2017 sogar mit gefühlter Schallgeschwindigkeit aus dem Dornröschenschlaf in Sachen E-Mobilität geholt. Nicht zuletzt hat er in seinen zweieinhalb Jahren als Chef VW auch an der Börse aus der Krise geholt, der Aktienkurs hat sich seit seiner Amtsübernahme beinahe verdoppelt.

Dennoch muss Müller nun gehen. Auf den ersten Blick liegt die Frage nach dem Warum nahe, auf den zweiten finden sich dann aber schnell Gründe. Vor allem einer fällt ins Gewicht. Was die Aufstellung und auch die Außendarstellung des Konzerns betrifft, hat Müller in seinen Jahren als Vorstandschef keine wesentlichen Veränderungen herbeigeführt.

Die guten Zahlen wären wohl auch ohne Müller zurückgekommen. VW hat eben nicht nur viele, sondern auch starke Marken im Portfolio, die nicht alle durch einen Abgasskandal, der ohnehin nur Europa und Nordamerika wirklich aufschreckte, keine Käufer mehr finden. Klar, die Kernmarke VW geriet in Bedrängnis, doch hier hat wohl eher der designierte Vorstandsvorsitzende Diess als Markenchef die Kohlen aus dem Feuer geholt. Zudem präsentierte sich Müller oft unglücklich in der Öffentlichkeit, brockte sich so unter anderem die von FDP-Generalsekretärin Nicola Beer geprägte Bezeichnung „Diesel-Judas“ ein. Weiterhin stand Müller trotz seiner E-Mobilitätsbemühungen für das „alte VW“. Ein ernstgemeinter Aufbruch und ein sichtbarer Fortschritt in Sachen Konzernneustrukturierung waren nicht zu erkennen. Teils wirkte er vorsichtig, ja beinahe etwas mutlos. Mit dem Dieselskandal im Rücken schien er Probleme damit zu haben echte Durchschlagskraft zu entwickeln.

Diess soll das nun ändern, den dringend notwendigen Startschuss für eine neue Ära abgeben und jene anschließend begleiten. Hauptaufgabe: VW vom Dieselskandal endgültig befreien, dem Konzern ein neues, innovatives Image verpassen und ihn vor allem auch schlanker und manövrierfähiger machen. Heißt: Die komplexen Strukturen, mit denen der Konzern schon lange kämpft, auflösen und einzelnen Marken und Regionen mehr Verantwortung geben.

„Ziel des Volkswagen-Konzerns ist und bleibt es, das Unternehmen mit seinen Marken zukunftsfähig auszurichten.“, erklärte Aufsichtsrat-Chef Hans Dieter Pötsch. Zunächst sollen die zwölf Konzernmarken zu drei Gruppen namens „Volumen“, „Premium“ und „Super Premium“ zusammengefasst werden. Sechs Geschäftsfelder, plus den chinesischen Markt als ein gesondertes, soll es geben, die Nutzfahrzeugesparte zudem erfolgreich an die Börse gebracht werden. Insider rechnen im ersten Quartal 2019 mit dem Gang aufs Parkett. Die neue Konzernstruktur ermögliche es, schneller Entscheidungen zu treffen und umzusetzen, schrieb Diess am Freitag in einem Brief an die Mitarbeiter.

Elektromobilität, Digitalisierung und Automatisierung erfordern zudem viele Veränderungen, der Konzern investiert hier bereits Milliarden. Investitionen allein werden Diess allerdings nicht reichen, anders als sein Vorgänger muss er so schnell wie möglich handfeste Ergebnisse liefern. Ohne die teuren Nachwehen des Abgasskandals wäre das sicher einfacher, doch auch Diess wird noch damit kämpfen müssen, jene abzuschütteln. Einfach wird das nicht. Die Aufarbeitung der Abgasmanipulationen kostete für Rückrufe, Schadensersatz und Strafen bereits mehr als 25 Milliarden Euro – und das allein in den USA! Noch sind die Gesamtkosten gar nicht abzusehen. Denn rund um den Globus verlangen Anleger und ihre Anwälte einen Ausgleich für Kursverluste der VW-Aktie im Zuge des Abgasskandals. Die Kläger werfen Volkswagen vor, sie zu spät über den Einsatz von Software zur Manipulation von Abgaswerten informiert zu haben. Allein beim Oberlandesgericht Braunschweig sind mehr als 1.600 Anlegerklagen im Gesamtvolumen von rund neun Milliarden Euro anhängig.

Gut möglich, dass auch mit Diess an der Spitze das Auf und Ab an der Börse für Volkswagen weiter geht. Erst einmal scheint ein Großteil der Anleger zufrieden mit dem Wechsel an der Konzernspitze, die Aktie verspürte durch die Neuigkeiten deutlichen Rückenwind. Mit Diess und den geplanten Umstrukturierungen im Konzern dürften einige Wachstumsphantasien wiedererweckt worden sein. Und durch den Kursrutsch nach Bekanntwerden der Abgastrickserei ist VW auch heute noch günstig bewertet. 24 von 27 Analysten raten zum Kauf, vor allem die starken fundamentalen Zahlen überzeugen die Experten. Damit das so bleibt, weiß Diess wofür er bezahlt wird: „Wir müssen Tempo machen und deutliche Akzente setzen, insbesondere bei der Elektromobilität, so der designierte CEO. Aber Obacht: Solche Ankündigungen gab es auch schon unter Matthias Müller in gewohnter Regelmäßigkeit.

Volkswagen ist auch das Titelthema dieser woche in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gabriel Felbermayr, Markus Ross, Mario Ohoven .

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