Die Freiheit lebt davon, dass die Vorbilder sich vorbildlich verhalten. Wolfgang Schäuble

Netflix und die unaufhaltsame Expansion

Der Video-On-Demand-Krösus Netflix läuft Konkurrenz und klassischem TV immer weiter davon. Gewinne wie Umsätze steigen. Und das Nutzerwachstum 2017 übertrifft alle Erwartungen. Inzwischen zählt der US-Streaming-Dienst 118 Millionen Abos in über 190 Ländern. Der Aktienkurs klettert von Rekordhoch zu Rekordhoch.

Mit den Zahlen zum vierten Quartal 2017 hat die weltgrößte Streaming-Plattform wieder einmal alle überrascht. Und das in gewohnt positiver Art und Weise. Umsatz und Nettoergebnis stiegen auf 3,3 Milliarden beziehungsweise 185,5 Millionen US-Dollar. Damit kletterten die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 30 Prozent in die Höhe, während sich der Gewinn sogar beinahe verdreifachte. Auch mit Blick auf das Gesamtjahr lag das Nettoergebnis in etwa dreimal höher als noch 2016 und die Einnahmen aus dem Streaming-Geschäft stiegen um 36 Prozent auf über elf Milliarden Dollar. "Wir hatten ein schönes viertes Quartal und haben mit Blick auf die globale Expansion des Internet-TVs ein großartiges Jahr abgeschlossen“, schrieb Netflix in seinem Brief an die Aktionäre.

Die wirkliche Überraschung und Top-Nachricht war im Rahmen der Quartalsergebnis-Vorlage aber das glänzende Kundenwachstum. In den letzten drei Monaten 2017 konnte Netflix 8,3 Millionen neue Kunden hinzugewinnen. 1,9 Millionen auf dem Heimatmarkt sowie 6,4 Millionen außerhalb der USA. Im Gesamtjahr 2017 stehen 24 Millionen neu hinzugewonnene Mitgliedschaften zu Buche. Beides Rekordwerte, die sowohl die Erwartungen vieler Analysten als auch die eigenen deutlich übertrafen. Insgesamt kommen die Kalifornier nun auf 118 Millionen abgeschlossene Streaming-Abos in über 190 Ländern. Im laufenden Quartal, also dem ersten des neuen Jahres, sollen nach Wunsch von CEO Reed Hastings noch einmal 6,4 Millionen Neukunden dazu kommen. Mit 4,9 Millionen der Großteil von außerhalb der USA.

Die Aktie steigt und steigt

An der Börse griff nach Bekanntgabe der Zahlen dem Anschein nach jeder zu, der konnte. Mit einem Kursplus von knapp zehn Prozent stieg die Streaming-Aktie erstmals über 250 US-Dollar, markierte demzufolge ein neues Rekordhoch und bescherte Netflix mit über 100 Milliarden Dollar den höchsten Börsenwert seiner noch jungen Unternehmensgeschichte. Damit war und ist der Video-On-Demand-Riese nun mehr wert als die deutschen Industrie-Schwergewichte Daimler und BASF. Seit Beginn des Jahres legte die Netflix-Aktie bereits um zirka 27 Prozent zu, auf Jahressicht können sich Anleger sogar über ein Kursplus in Höhe von 78,6 Prozent freuen. Und charttechnisch scheint der Weg für das Netflix-Papier nach noch weiter oben nun erst einmal frei. Zudem könnten positive Analystenkommentare den Kurs stützen. So meldeten sich kurz nach Bekanntgabe der Zahlen unter anderem die US-Banken JPMorgan und Goldman Sachs zu Wort und hoben ihre Kursziele deutlich an.

Stellvertretend für erstere tat das Analyst Douglas Anmuth mit einer Anhebung von 242 auf 285 Dollar. Er sei vor allem vom hohen Netto-Kundenzuwachs des Online-Filmanbieters überrascht worden, welcher seine Prognose weit übertroffen hätte, schrieb Anmuth in seiner Studie. Goldman-Analyst Heath Terry hob sein Kursziel von 250 auf noch höhere 315 Dollar an. Seine Entscheidung begründete er ebenfalls mit einmal mehr „unerwartet starken Resultaten“ des Streaming-Dienstes. Diese starken Resultate haben ihren Ursprung nicht zuletzt auch in den gut bis sehr gut laufenden Netflix-Eigenproduktionen. Dazu gehörten zuletzt beispielsweise neue Hit-Serien wie „Stranger Things“ oder „Black Mirror“. „Es ist fantastisch, dass in nur fünf Jahren nach dem Start unserer ersten Originalserie bereits zum zweiten Mal in Folge drei der fünf meistgesuchten TV-Shows weltweit von uns produziert wurden“, schrieb Netflix dazu im Brief an die Aktionäre.

Starke Konkurrenz drückt Netflix ins Risiko

Das ist in der Tat eine starke Performance. Und so wundert es wenig, dass Netflix weiter in sogenannte „Originals“ investieren möchte. 2018 zwischen 7,5 und acht Milliarden Dollar. „Wir glauben, dass sich unsere großen Investitionen in Inhalte auszahlen“, schrieb das Streaming-Unternehmen. Das müssen sie auch, denn die Eigenproduktionen sind teuer. In den kommenden Jahren dürfte wohl allein mit 17 Milliarden Dollar an Lizenzgebühren zu rechnen sein. Und in Sachen Kapitalversorgung könnte Netflix durchaus ein wenig Besserung vertragen. 2017 lag der Free-Cash-Flow bei minus zwei Milliarden Dollar, 2018 könnte er sich ins Negative verdoppeln. Doch Netflix kann seine hohen Ausgaben kaum drücken. Würde man seinen Expansionskurs nicht mit aller Macht fortsetzen und nur halbherzig investieren, bekämen Wettbewerber die Chance aufzuholen. Und das will man bei dem Streaming-Krösus unbedingt verhindern. So erhöhen die Kalifornier ungeachtet des Cash-Flow-Problems wohl ihre Marketing-Ausgaben für 2018 von einer auf zwei Milliarden Dollar.

Dass die Konkurrenz nicht schläft, zeigt sich vor allem am Bemühen Disneys, Netflix ausstechenzu wollen. Für über 50 Milliarden Dollar kaufte man zuletzt große Teile des Murdoch-Konzerns 21st Century Fox, beendete die Partnerschaft mit Netflix und kündigte sogleich an, bis 2019 einen eigenen konkurrenzfähigen Streaming-Dienst anbieten zu wollen. Mit „Hulu“ ist der Micky Maus-Konzern schon jetzt kein kleiner Marktteilnehmer. Auch Apple will in Video-On-Demand-Angebote investieren, Alphabet sein Videoportal „Youtube“ mit neuen Inhalten füllen und noch breiter aufstellen. Und Amazon, die derzeitige Nummer Zwei im Streaming-Geschäft, darf als Konkurrent keinesfalls unterschätzt werden.

Der Vorteil des Pioniers

Angesichts dieser namhaften und nicht zuletzt auch äußerst finanzstarken Konkurrenz bleiben die Netflix-Verantwortlichen erstaunlich gelassen. Der Entertainment-Markt sei groß genug für viele erfolgreiche Angebote, so das Unternehmen. Und für den Moment hat Netflix viele Trümpfe in der Hand, um der Konzern zu sein, der den Markt auch in Zukunft weiter beherrscht. Bis die Streaming-Angebote der Konkurrenz wirklich wettbewerbsfähig sind – wenn sie es denn überhaupt werden – könnte Netflix durch seine First-Mover-Position und seine erfolgreichen Eigenproduktionen viele Nutzer bereits an sich gebunden haben. Es ist schwer vorstellbar, dass die dann plötzlich den Anbieter wechseln, sollte Netflix nicht innerhalb kürzester Zeit massiv an Qualität verlieren.

Die unaufhaltsame Expansion könnte also weitergehen. Dass auch Anleger an eine erfolgreiche Netflix-Zukunft glauben, zeigt die Marktkapitalisierung. Mit 100 Milliarden Dollar scheinen die 167 Milliarden des Disney-Konzerns nicht mehr weit entfernt. Die Aktie allerdings steht mit einem KGV in Höhe von 227 inzwischen auch für das exakte Gegenteil einer günstigen Bewertung.

Dieser Beitrag erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

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