Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen. Helmut Schmidt

Warten auf das Bitcoin-Beben

Wann endet der Hype? Immer mehr Experten warnen vor den Gefahren des Bitcoin-Booms. Gleichzeitig schafft die Digitalwährung über Futures den Sprung an die Börse, ihr Kurs steigt stetig weiter. Erstaunlich viele Investoren wittern deswegen die Chance auf schnelle Millionengewinne. Sollten sie nicht besser auf die Experten hören?

Haben Sie sich schon einmal die Frage gestellt, was Sie mit 10.000 Bitcoins machen würden? Vermutlich nicht. Denn wenn Sie heute tatsächlich eine solche Menge der digitalen Münzen besäßen, könnten sie sich mit deren Gegenwert von 160 Millionen Dollar so ziemlich alles leisten. Vor sieben Jahren allerdings, am 19. Mai 2010, hat sich ein Programmierer namens Laszlo Hanyec wirklich mit dieser Frage beschäftigt. Und er entschied sich für zwei Pizzen. Über ein Online-Forum bot er den Deal an. Drei Tage später, am 22. Mai 2010, fand Hanyec einen Käufer.

Im Nachhinein dürften es die teuersten zwei Pizzen gewesen sein, die ein Mensch je gekauft hat. Denn während die Mahlzeit damals noch für 40 Dollar den Besitzer wechselte, wäre sie heute die bereits erwähnten 160 Millionen Dollar wert. „Damals hatten Bitcoins keinen richtigen Wert, also war die Idee, sie für eine Pizza einzutauschen, ziemlich cool. Keiner wusste, was für ein Riesending daraus werden würde.“, sagte Hanyec einige Jahre später der New York Times.

Hanyecs ist nur eine von vielen unglaublichen Geschichten, die der Bitcoin Zeit seines Bestehens schon geschrieben hat. Er kam gefühlt wie aus dem nichts, machte Schüler, Computer-Nerds und wohl auch einen Pizza-Verkäufer zu Multimillionären. Und jetzt hat die Kryptowährung sogar Einzug in die hoch-offizielle Finanzwelt gehalten. Seit letztem Montag sind Bitcoin-Terminkontrakte, sogenannte Futures, an der Chicago Board Options Exchange (CBOE) im Handel. Anleger und Investoren können so auf die Wertentwicklung der Cyber-Währung wetten. Und die Digital Coins selbst haben von der zusätzlichen Liquidität, die dadurch auf den Markt kam, in Form von weiteren Kurschüben profitiert.

Reibungslos verlief der Start der neuen Derivate nicht…

In den ersten Stunden musste der Handel zweimal ausgesetzt werden, um größere Kursschwankungen zu verhindern. Am Ende mündete er aber dennoch in den erwarteten Erfolg und nicht zuletzt in einem kräftigen Kursanstieg. Lag der Preis für im Januar auslaufende Futures zum Handelsstart noch bei 15.460 Dollar, verteuerte sich der Kontrakt später um zwischenzeitlich 22 Prozent auf 18.850 Dollar. Am Abend standen dann 17. 900 Dollar auf der Anzeigetafel.

Bei CBOE-Chef Ed Tilly hat das Lust auf mehr geweckt: „Wir werden in den kommenden Monaten Vertrauen schaffen, und bleiben Sie dran, es wird noch mehr kommen“, sagte er gleich noch am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Damit einhergehend wäre es auch durchaus denkbar, dass bald Derivate zu anderen und weniger bekannten Kryptowährungen angeboten werden. Zudem startet der Bitcoin-Terminhandel am 18. Dezember auch an der größten Terminbörse der Welt, der CME in Chicago. Und Anfang 2018 zusätzlich an der Nasdaq. Der Bitcoin und damit die Digitalwährung im Allgemeinen scheint endgültig angekommen in den Finanzsystemen dieser Welt.

Damit geht aber auch ein großes Risiko einher. Schließlich schwankt allein der Bitcoin schon in beträchtlichem Ausmaß, gewinnt und verliert innerhalb von Stunden tausende Dollar an Wert. Derzeit ist eine Münze zirka 17.000 Dollar schwer. Wetten über Terminkontrakte auf das Cyber-Geld sind daher hochspekulativ. Bisher lässt sich noch kein Muster im Verhalten des Bitcoin-Kurses feststellen. Ein bisschen macht er, was er will. Da er in diesem Jahr aber alles in allem schon eine Wertsteigerung von mehr als 1.700 Prozent hinter sich hat, wurde seine hohe Volatilität von Anlegern bisher wohl mehrheitlich ignoriert.

Anzeichen einer gefährlichen Überhitzung

Verstärkt wird die riskante Spekulation noch dadurch, dass wohl bereits jetzt viele Anleger auf Kredit spekulieren. Und nicht zuletzt auch von offensichtlichen Überhitzungserscheinungen, die der Bitcoin-Boom aufweist. „Die Kurse gehen nahezu schon vertikal in Richtung Norden. Der Abstand zu den gleitenden Durchschnitten ist so hoch wie nie zuvor, was auf einen stark überkauften Markt schließen lässt“, schreiben die Experten von Lynxbroker. „Die Gefahr einer baldigen, scharfen und deutlichen Korrektur nach unten ist derzeit enorm hoch.“ Zudem befinde man sich in einer „äußerst euphorischen Phase“, warnen die Analysten weiter. Sozusagen in der finalen Phase, die häufig die Zeit sei, in der auch noch die breite Masse auf den Zug mit aufspringe. Diese Phase sei aber auch sehr oft das „Grande Finale“ eines Trendverlaufs.

All das erinnert – zwar natürlich in einem viel kleineren Rahmen, aber dennoch mehr als einem lieb sein kann – an den aufgeblähten Häusermarkt in den USA, der 2008 bekanntermaßen die letzte große Finanzkrise auslöste. Auch hier bestand bereits eine Blase, die dann durch immer abstrusere Spekulations-Derivate noch weiter aufgebläht wurde, ehe sie schließlich mit großem Knall platzte.

Das könnte auch dem Bitcoin bevorstehen. Die Kryptowährung dürfte derzeit von der anhaltend hohen Begeisterung für Digitales und damit einhergehend auch für die hinter dem Bitcoin stehende Technologie der Blockchain, profitieren. Zudem scheinen die gesamtwirtschaftlichen Voraussetzungen günstig. Die letzte Krise ist knapp zehn Jahre her und das viele Geld, das die Zentralbanken auf den Markt gepumpt haben, will rendite-trächtig investiert werden. Nicht zuletzt ist der Bitcoin auch ein Gegenentwurf zu genau dieser Geldflut-Politik der Notenbanken. Die Digitalwährung ist mengenmäßig begrenzt. Langfristig dürfen nur 21 Millionen Cyber-Münzen in Umlauf gebracht werden. Derzeit dürften knapp 17 Millionen existieren. Man schafft also eine künstliche Verknappung und will die Währung so vor Inflation schützen. Sie kann zudem nicht von Regierungen „missbraucht“ werden, da sie kein offiziell anerkanntes Zahlungsmittel darstellt.

Keine Währung, sondern ein Spekulationsobjekt

Genau das könnte dem Bitcoin aber auch auf kurz oder lang zum Verhängnis werden. Denn worin sonst soll der Nutzen einer Währung bestehen? Und dass ein solcher Nutzen und damit der Wert der elektronisch erzeugten Gegen-Werte wirklich substantiell anerkannt wird, erscheint unwahrscheinlich. Eher mehren sich die Bemühungen von Regierungen und Notenbanken, dem Bitcoin-Gebaren auf irgendeinem Weg einen Riegel vorzuschieben. Der Bitcoin sei, so die Argumentation, keine Währung. Sondern ein hybrides Produkt, letztlich also nichts als ein spekulatives Objekt. Davon ist beispielsweise der österreichische Notenbank-Chef Ewald Nowotny überzeugt, und er forderte jüngst eindringlich, über Regulierungen zumindest zu beraten.

Wohin die Reise für den Bitcoin geht scheint also weiter unvorhersehbar. Durch die Einführung der Futures könnte das Interesse an der Digitalwährung nochmals anziehen. Genauso gut ist denkbar, dass die immer lauter werdenden Warnung angesichts des nun nochmals stark gestiegenen Kurses gehört werden und zumindest stärkere Gewinnmitnahmen folgen. Klar dagegen dürfte sein, dass die Reise beschwerlicher werden wird. Je wertvoller und auch einflussreicher der Bitcoin wird, desto mehr regulatorische Steine dürften ihm in den Weg gelegt werden. Südkorea plant nun beispielsweise eine Steuer auf Bitcoin-Gewinne, Russland schränkt den Zugang zu einigen Internetplattformen der Währung ein und auch China denkt über Verbotsmaßnahmen nach. Noch also fliegt die Cyber-Währung von Erfolgserlebnis zu Erfolgserlebnis, doch die Luft wird dünner. Wer jetzt noch einsteigt oder über Futures auf steigende Kurse wettet, sollte sich den Risiken bewusst sein. Aus dem Bitcoin-Boom nämlich, könnte bald auch ein Bitcoin-Beben werden.

Einer der sein ganz persönliches Bitcoin-Beben bereits erlebt hat, ist James Howell. Der Informatiker war einer der ersten, der Bitcoins schürfte, 7.500 an der Zahl. Dann machte sein Notebook schlapp. Er baute ihn auseinander, verkaufte die einzelnen Teile und schmiss wenig später auch die Festplatte weg. Sie wäre heute 100 Millionen Dollar wert. Noch so eine unglaubliche Geschichte.

Dieser Beitrag erschien auf dem Portal Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Manuel Höferlin, Christoph Keese, Sascha Nicke.

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