Die Bürger halten es schon aus, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Wolfgang Schäuble

Die Ressourcen-Lüge

Auch wenn der Ausbau von erneuerbaren Energien weltweit vorangetrieben wird, führt bisher kein Weg an fossilen Energieträgern wie Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran vorbei, um die Energienachfrage von fast 7,5 Milliarden Menschen stillen zu können.

Wie das „fossil“ im Namen aber schon andeutet, haben diese Energieträger ein großes Problem: Ihre Vorkommen sind endlich. Und in der weltweiten Medienlandschaft wird seit Jahrzehnten kontinuierlich an dem Szenario gearbeitet, dass dieser Umstand wohl in einer baldigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Katastrophe zu enden hätte. Bis heute aber sind uns Erdöl und Co. noch nicht ausgegangen und es sieht auch nicht danach aus, als würden sie das in den nächsten 50 Jahren. Wie endlich sind sie also wirklich, unsere fossilen Brennstoffe? Bei weitem nicht so endlich wie manch einer denken mag. Das Grundproblem: Vielen ist der Unterschied zwischen Ressourcen und Reserven nicht klar, doch der ist gewaltig.

Ressourcen sind nach Definition zum einen die konventionellen und unkonventionellen Vorkommen (hierzu gehören beispielsweise Ölschiefer oder Ölsande) des jeweiligen Rohstoffes, die geologisch betrachtet möglich sind, aber nicht nachgewiesen sind. Hinzu kommen zum anderen nachgewiesene Vorkommen, die jedoch im Augenblick technisch beziehungsweise wirtschaftlich nicht gewinnbar sind. Reserven dagegen sind diejenigen Rohstoffvorkommen, die sowohl technisch als auch wirtschaftlich gewinnbar und dazu mit hoher Genauigkeit bestätigt sind. Ohne Hinzunahme der kumulierten Förderung stehen Ressourcen und Reserven gemeinsam für das sogenannte „verbleibende Potenzial“.

Dieses also müsste man eigentlich betrachten, wenn man sich damit auseinandersetzen will, wie lange unsere Energierohstoffe noch halten könnten. Zu oft werden aber nur die Reserven für Schätzungen verwendet und dabei selten erklärt, dass jene häufig nur ein kleiner Teil dessen sind, was von dem jeweiligen Rohstoff noch in Form von Ressourcen vorhanden ist. Denn mal ehrlich: Wer glaubt ernsthaft daran, dass Erdöl aufgrund einer irgendwann eintretenden wirtschaftlichen Unrentabilität in Sachen Förderung nicht mehr aus der Erde geholt wird. Sollten bis dahin erneuerbare Energien nicht die gesamte Mobilität revolutioniert haben, ist eine weltweite staatlich subventionierte Förderung wohl eher wahrscheinlich, als das kein Flugzeug mehr abhebt. Wenn wir dagegen wissen wollen welche Menge des Rohstoffs jetzt gerade und zu den gegebenen Bedingungen verfügbar ist, dann ist die Anzahl der Reserven entscheidend. So weit, so einfach.

Tatsächlich kompliziert wird es, wenn man sich damit beschäftigt, wann Ressourcen zu Reserven werden und umgekehrt. Das ändert sich praktisch jeden Tag. Auch deshalb sind Zahlen zur langfristigen Verfügbarkeit von fossilen Energieträgern immer mit Vorsicht zu genießen. Selbst wenn Ressourcen und Reserven klar voneinander getrennt werden. Schließlich ist jene Verfügbarkeit abhängig von Angebot und Nachfrage und dem sich daraus bildenden Weltmarktpreis des jeweiligen Rohstoffs. Daraus folgt: Je niedriger dieser Preis ist, desto schwerer wird es die Vorkommen wirtschaftlich rentabel zu fördern. Aus Reserven können dann plötzlich wieder Ressourcen werden. Technische Innovationen hin zu weniger kostenintensiven Fördermethoden oder ein Anstieg des Weltmarktpreises könnten aus diesen Ressourcen aber auch wieder Reserven machen. Zudem können Angebot und Nachfrage natürlich politisch gesteuert sein. Oft genug war dies in der Vergangenheit der Fall und auch zum jetzigen Zeitpunkt ist der Ölpreisverfall keine Folge eines natürlichen Nachfragerückgangs auf dem Weltmarkt, sondern vielmehr die eines aufgrund verschiedenster politischer Gründe künstlich herbeigeführten Überangebots seitens der Förderländer. Durch den niedrigen Ölpreis ist die Förderung des Energierohstoffs dann wiederum vielerorts unrentabel geworden. Wenn nicht subventioniert, wurden auch hier aus Reserven wieder Ressourcen. Der Anteil der Reserven und der Ressourcen am verbleibenden Potenzial unterliegt also einem ständigen Wandel.

Wirft man nun einen Blick auf die im Vergleich recht zuverlässigen Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), wird deutlich: Die fossilen Energierohstoffe unseres Planeten sind zwar endlich, aber wenn nicht politisch oder durch den Klimawandel erzwungen, werden auch die Kinder von heute das finale Ende der Brennstoffe nicht erleben. Die Wissenschaftler schätzten in ihrer aktuellen Studie, welche sich mit der Auswertung des Jahres 2015 befasst, die global in Ressourcen gespeicherte Energie auf 552.523 Exajoule (EJ). Die Reserven sollten im Vergleichszeitraum ungefähr 38.443 EJ wert gewesen sein. All das sind eher konservative Schätzungen, dafür ist die BGR bekannt. Weltweit verbrauchten die Menschen im vergangenen Jahr 550 EJ an Energie. Und davon kamen 9,6 Prozent aus alternativen Energien. Bleiben 521 EJ aus fossilen Brennstoffen. Teilt man allein die Reserven durch diese Zahl, kommt man auf 74 Jahre, in denen die Menschheit weiter so viel Energie verbrauchen könnte wie bisher.

Klar, wir verbrauchen Jahr um Jahr mehr davon. 2014 wurden weltweit 540 EJ verbraucht, 2015 waren es bereits zehn EJ mehr. Doch schließlich wächst auch der Anteil erneuerbarer Energien immer weiter. Selbst wenn die derzeitigen Reserven nur noch halb so lange hielten, in Zukunft werden noch sehr viele Ressourcen zu Reserven werden, wenn das Angebot knapper wird und die Nachfrage steigt. Und sowieso dann, wenn es nicht mehr anders geht. Dann eben über Subventionen. Teilt man die verfügbaren Ressourcen durch die 521 EJ kommt man auf 1060 Jahre fossile Brennstoff-Verfügbarkeit. Hinzu kommt: Auch 2016 stieg die verfügbare Menge an Ressourcen und Reserven sogar einmal mehr ganz leicht an, da immer noch neue Vorkommen entdeckt werden.

Das klingt sehr danach, als würde ein wirkliches Energierohstoff-Problem gar nicht existieren. So einfach ist es dann allerdings nicht, denn der Großteil der in Ressourcen und Reserven gespeicherten Energie fällt auf die Stein- und Braunkohle zurück. Bei den Ressourcen sind es nach BGR-Angaben 89 Prozent. Erdgas folgt mit 5,8 Prozent. Erst dann und gemeinsam mit dem Rest (hauptsächlich Uran) kommt Erdöl mit 3,5 Prozent. Auch bei den Reserven führt die Kohle mit einem Anteil von 55,4 Prozent. An zweiter Stelle folgt das Erdöl mit 23,5 Prozent, dann Erdgas mit 19,4 Prozent. Beim Anteil am globalen Primärenergieverbrauch ist es andersherum. Hier führt Erdöl deutlich mit 34,9 Prozent vor der Kohle mit 29,2 Prozent.

Das Problem: Noch fährt das Auto mehrheitlich nicht elektrisch, das Flugzeug fliegt mit Kerosin und das Containerschiff hat einen Dieselantrieb. Die auf den ersten Blick beinahe unendlich wirkenden Kohleressourcen und Reserven bringen da also zunächst wenig. Aber selbst wenn der Verbrennungsmotor weiterhin das Maß aller Dinge bliebe, sind es bei derzeitigem globalen Verbrauch immer noch 81 Jahre bis die bisher bekannten Erdölressourcen aufgebraucht wären. Hinzu kommen Erdgasressourcen, die nach derzeitigem Verbrauchsstand noch 240 Jahre hielten.

Klar, die fossilen Brennstoffe sind wie jeder andere Rohstoff endlich. Und es wird allerhöchste Zeit sich mit Alternativen zu beschäftigen. Aufgrund des Klimawandels und einer intakten Umwelt sowieso, aber auch deshalb, da jene Energieträger irgendwann tatsächlich aufgebraucht sein werden. Und irgendwann kommt oft schneller als man denkt. Doch bei allem richtigen und notwendigen Enthusiasmus in Richtung Energiewende, Aussagen über ein baldiges Ende der fossilen Brennstoffe sind schlichtweg falsch. Es sei denn die Definition von bald lautet irgendwo zwischen einhundert und tausend Jahren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bündnis 90 Die Grünen, Boris Palmer, Bündnis 90 Die Grünen.

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