Ich bin nicht der Oberlehrer, der anderen Zeugnisnoten erteilt. Rainer Brüderle

Setzen, CCC

Die Arbeit der Rating-Agenturen ist ein Eiertanz. Kommt das Rating zu früh oder zu spät, ist es zu hart oder zu weich, verliert das Institut seine Glaubwürdigkeit. Statt über die Nutzen zu meckern, sollten Staaten also den eigenen Defiziten in die Augen schauen.

Schon aus der griechischen Antike wird berichtet, dass der Überbringer einer schlechten Nachricht bestraft wurde. Noch heute liegt es in Griechenland nahe, zunächst die Analyse und die Datenqualität anzuzweifeln, bevor zur unbequemen Ursachensuche übergegangen wird oder gar einschneidende Maßnahmen eingeleitet werden.

In der Tat galt insbesondere den führenden, US-amerikanischen Rating-Agenturen im vorigen Jahr die Kritik an ihren Länder-Ratings: So sollen sie die Verschuldungskrise durch ihre Herabstufungen noch weiter verschärft haben. Zu frühe Downgradings könnten Mittelabflüsse zur Folge gehabt haben, die ohne Rating-Änderungen nicht zu verzeichnen gewesen wären. Da viele institutionelle Anleger aufgrund gesetzlicher oder selbst auferlegter Regeln verpflichtet sind, sich von riskanten Investments zu trennen und der entscheidende Risikomaßstab dafür das Rating anerkannter Agenturen ist, können Ratings sogar gegen die Überzeugung einzelner Fondsmanager die Kapitalströme beeinflussen.

Herabstufungen kamen zu spät

Die Hoffnung aber, es handle sich im Falle Griechenlands bzw. der „PIGS“ um einen solchen, seltenen Fall der zwangsweisen Auflösung von Anleiheportfolios, musste bald aufgegeben werden: Tatsächlich hinkten die führenden US-amerikanischen Rating-Agenturen auch in diesem Fall eher der Entwicklung hinterher, als dass sie Motor und Auslöser der Krise sein könnten. Wie schon im Falle des Debakels in der Subprime-Krise in den USA kamen die Herabstufungen nicht zu früh, sondern eher zu spät.

Während von Politikern im Rahmen der Subprime-Krise aber das späte Agieren der Rating-Agenturen kritisiert wurde, verhält es sich bei der Krise der Staatsverschuldung umgekehrt: Nun sollen die Rating-Agenturen zu früh herabgestuft haben.

Um hier Richter darüber zu spielen, wer recht hat, bedarf es einer gehörigen Portion Anmaßung. Kaum jemand, der in den Reigen der Kritiker der Rating-Agenturen einstimmt, verfügt annähernd über die Ressourcen, organisatorischen Voraussetzungen, Know-how und Verbindungen, um mit den weltweit vernetzten Analystenteams der führenden Agenturen gleichzuziehen und sich entsprechend fundierte Bonitätsurteile erlauben zu können.

Wichtige deklaratorische Funktion

Bleibt also der Blick auf andere Rating-Agenturen und Marktteilnehmer. Zum einen hat die Feri EuroRating Services AG als einzige in Deutschland ansässige Rating-Agentur, die mit EU-Anerkennung durch die European Securities and Markets Authority (ESMA) Länder-Ratings erteilt, schon lange vor den US-Agenturen Warnungen in Bezug auf die fraglichen Staaten ausgesprochen und ihre Ratings heruntergestuft. Zum anderen sprachen die Märkte mit ihren drastischen Spread-Ausweitungen eine deutliche Sprache, denn die in den Zinsaufschlägen kalkulierten Risikoprämien erreichen ein ungeheuerliches Ausmaß. Vielfach werden die Warnsignale, die von den Risikoprämien ausgehen, noch unterschätzt, da sie im geldpolitisch manipulierten Niedrigzinsumfeld – aus Gründen bloßer Finanzmathematik – absolut niedriger ausfallen als in einer Hochzinsphase.

Rating-Agenturen nehmen hierzu eine wichtige, deklaratorische Funktion wahr, denn sie machen mit ihren Rating-Symbolen in der Art von Schulnoten in einer jedermann verständlichen Form klar, wie es um die wirtschaftliche Fähigkeit, rechtliche Bindung und Willigkeit eines Emittenten bestellt ist, seinen zwingend fälligen Zahlungsverpflichtungen stets vollständig und rechtzeitig nachzukommen.

Das vorsichtige, manchmal zu zögerliche Verhalten der Rating-Agenturen ist nicht zuletzt auch der verschärften Aufsicht und Kontrolle über Rating-Agenturen zu verdanken, denn einerseits werden dadurch die Entscheidungsprozesse innerhalb der Agenturen bürokratisch belastet, andererseits aber auch die Haftungsbedingungen verschärft. Mithin müssen die Rating-Agenturen äußerste Anstrengungen darauf richten, mit ihren Ratings keine nachweisbaren und haftungsbegründenden Schäden anzurichten.

Der Verlauf der Krise hat einmal mehr die Zusammenhänge zwischen Ratings deutlich gemacht: Schon kurz nach der Subprime-Krise 2007 skizzierte beispielsweise Fitch Ratings, wie sich die Krise wie Wasserwellen nach einem Steinwurf auf immer weitere Teile der Wirtschaft ausweiten würde. Wenn die Ratings ganzer Staaten gekürzt werden müssen, bleibt es nicht aus, dass die eng mit staatlicher Verschuldung verwobenen Banken ebenfalls in ihren Ratings leiden.

Ab zur Nachhilfe

Wie schon im antiken Griechenland nutzt es wenig, die Nachricht von der verlorenen Schlacht dadurch aus der Welt zu schaffen, dass man die Stimme zur Nachricht tötet. Schlechte Noten zeigen schon in der Schule, wo die Nachhilfe ansetzen muss. Entsprechend müssen auch Staaten und Gebietskörperschaften lernen, ihre Zahlungsfähigkeit unabhängig kontrollieren und messen zu lassen. Statt US-amerikanische Rating-Agenturen zu kritisieren, muss in Europa beherzt der Aufbau einer gesunden Rating-Kultur u.a. auch mit europäischen Rating-Agenturen angegangen werden – und zwar nicht nur für den nach Basel II und III gebeutelten Mittelstand, sondern auch für jedes Finanzprodukt von Banken, Versicherungen, Kommunen, Ländern und Staaten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roland Benedikter, Claire Hill, Volker Wissing.

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