In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Jean Ziegler

Die Zweckmühle

Käuflich, voreingenommen und blind: Die Ratingagenturen haben derzeit keinen guten Stand. Doch das Umsatteln auf staatliche EU-Institute würde das Problem nicht lösen, mehr Wettbewerb im Rating-Markt ist jedoch ein guter Anfang.

Die politische Diskussion um die Rolle der Ratingagenturen ist eine Diskussion der Interessenkonflikte: Nach Ausbruch der Subprime-Krise 2007 machte man den US-Agenturen zum Vorwurf, aufgrund ihrer Interessen an stark steigenden Erträgen aus Ratingaufträgen vermögensgedeckte Wertpapiere von Zweckgesellschaften zunächst systematisch zu gut beurteilt und dann massenhaft zu schnell herabgestuft zu haben. 2011 fühlen sich nun Regierungen überrascht, dass ihre überbordende Staatsverschuldung zu Herabstufungen führt.

Wer zahlt, schafft an

Kritiker glaubten einen Webfehler in den Ratingsystemen schnell gefunden zu haben: Wer zahlt, schafft an. Emittenten kaufen sich gute Ratings, so die simplifizierende Logik, um damit ihre Wertpapiere überteuert zu verkaufen, sich also günstiger zu refinanzieren. Was für den Einzelnen denkbar ist, kann aber nicht für alle Kunden einer Ratingagentur gelten: Es liegt im Wesen des Ratings, Kreditwürdigkeit nicht absolut, sondern relativ anhand einer Ratingskala zum Ausdruck zu bringen. Selbst wenn man Ratings auf einer solchen Skala nach oben oder unten schiebt, würde sich an der relativen Positionierung nichts ändern. Gleiche Risiken bleiben gleich, Bessere würden weiterhin von Schlechteren unterschieden.

Gleich, ob eine Ratingagentur von Emittenten, von Anlegern oder vom Staat bezahlt wird, Interessenkonflikte kann es für Ratinganalysten immer geben. Während Emittenten auf „gute“ Ratings zielen, haben Investoren ein Interesse am Werterhalt ihrer Portefeuilles. Großinvestoren könnten – wenn sie alleine an die Stelle von Emittenten träten – durch Androhung von Abonnementkündigungen Druck ausüben, um bestimmte Ratings zu erreichen.

Der Staat soll einerseits die Aufsicht über die Ratingagenturen führen, ist aber andererseits der wichtigste Schuldner an den Finanzmärkten überhaupt. Eine staatliche Ratingagentur würde daher an Glaubwürdigkeitsverlust kranken. Mit Ratingbeamten, die nach Vorschrift Ratings erteilen, wäre den dominanten US-Agenturen nicht beizukommen.

Die Schuldenkrisen europäischer Staaten wie Griechenland oder Portugal wurden von der Feri EuroRating Services, einer seit mehr als zwei Jahrzehnten mit Länderratings befassten und EU-anerkannten Ratinagentur aus Bad Homburg, viel früher vorausgesehen als von den US-Agenturen. Das Bezahlmodell spielt bei diesen Ratings überhaupt keine Rolle, da Länderratings nicht im Auftrag der jeweiligen Regierungen erstellt werden. Der Unterschied zu den US-Agenturen besteht hier nur in der größeren Treffgenauigkeit des ökonometrischen Modells, das die Urteile der Feri EuroRating Services stützt.

Falscher Gebrauch der Ratings

Die Verwerfungen in den Finanzmärkten beruhen auf falschem Gebrauch der Ratings. Klippeneffekte von Ratings fallen umso schärfer aus, je einseitiger sich die Finanzmärkte (und ihre Regulierer) an den beiden führenden US-Agenturen ausrichten. Zwar kann staatlich der Gebrauch von Ratings zurückgedrängt werden, nicht aber bei den vielen institutionellen und privaten Investoren sowie Emittenten, die privatrechtlich ihre Anlagestatuten oder Zinsanpassungsklauseln an Ratings koppeln.

Auf der einen Seite für starke Wettbewerber gegen die US-Agenturen sorgen, auf der anderen Seite aber den Einfluss von Ratings zurückdrängen zu wollen, kann nicht gleichzeitig gelingen: Eine europäische Alternative zu den US-Agenturen kann nur in einem wachsenden Ratingmarkt gedeihen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roland Benedikter, Oliver Everling, Claire Hill.

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Mehr zum Thema: Portugal, Wirtschaftskrise, Rating-agentur

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