Von der Volks- zur Wählerpartei

von Oliver D'Antonio28.03.2012Innenpolitik

Volksparteien sind Geschichte, auch die CDU ist und wird keine mehr. Trotzdem kann sie Mehrheiten gewinnen, wenn es gelingt, einen unverwechselbaren Markenkern zu präsentieren und sie sich auf das C im Namen besinnt.

Nein, es gibt keine Volkspartei CDU mehr ‚Äď genauso wenig, wie es noch eine Volkspartei SPD gibt. Die Volkspartei, dies erkennen immer mehr Beobachter der politischen Szenerie in Deutschland, war nichts als ein historisches √úbergangsstadium parteipolitischer Gro√üorganisationen, das seinen H√∂hepunkt in den sechziger und siebziger Jahren hatte und seit den Achtzigern langsam zu verfallen beginnt. Parteien mit einer Massenmitgliedschaft nahe der Millionengrenze und insbesondere mit regelm√§√üigen Wahlergebnissen von 40 Prozent und mehr geh√∂ren der Vergangenheit an. Die CDU, die sich lange Zeit als die Mutter dieses Typus verstand, konnte dem Niedergang einige Jahre l√§nger trotzen als die Sozialdemokratie, “doch auch ihr schwinden Mitglieder und W√§hler”:http://www.theeuropean.de/gerd-langguth/938-die-hausaufgaben-der-cdu. Jedoch ist es auch f√ľr Parteienforscher nur allzu einfach, fortw√§hrend den Niedergang zu beschw√∂ren, ohne eine Idee davon zu haben, was danach kommen k√∂nnte, daher ein Versuch.

Machtzentrum im Konrad-Adenauer-Haus

Eine Prognose scheint nicht besonders gewagt: Die einstige Volkspartei CDU wird sich zu einer professionellen W√§hlerpartei entwickeln ‚Äď oder besser gesagt, sie ist schon auf dem besten Wege dorthin. Im Gegensatz zu einer pluralistischen Volkspartei, deren massenhafte Aktivitas f√ľr Leben in den Kommunen, den Landesverb√§nden und den Vereinigungen beitr√§gt, konzentrieren sich die Kr√§fte der professionalisierten W√§hlerpartei zunehmend auf die Parteizentrale. Dies sei an einem Beispiel erl√§utert: Versicherte sich Helmut Kohl noch in seinen ber√ľchtigten Telefonanrufen regelm√§√üig der Unterst√ľtzung einzelner Kreisverb√§nde, wird Angela Merkel zwar vorgeworfen, die Parteibasis zu √ľbergehen, doch eine Revolte gegen sie bleibt aus. Das Machtzentrum der CDU verlagert sich zunehmend ins Kanzleramt und das Konrad-Adenauer-Haus. Das einzelne Mitglied wird dadurch zwar nicht v√∂llig entwertet, aber es ist auch nicht mehr unentbehrlich. Vermutlich wird eine professionelle Wahlkampff√ľhrung im Zentrum stehen. Auf Mitgliedsbeitr√§ge ist die Union dank des h√∂heren Spendenaufkommens weniger angewiesen als die SPD. Doch welche “inhaltlichen Positionen vertritt eine solche CDU”:http://www.theeuropean.de/richard-schuetze/8832-die-cdu-und-der-zeitgeist? Ist dies nicht die Einladung zur Ausrichtung an demoskopischen Umfragen und dem vermeintlichen W√§hlerwillen der medial aufgeladenen Stimmungsdemokratie? Diese Gefahr droht gewiss, es w√§re aber der falsche Weg. Denn Professionalit√§t bedeutet nicht Beliebigkeit. Die Partei muss dem W√§hler einen unverwechselbaren Markenkern pr√§sentieren. Das ist keine leichte Aufgabe im Zeitalter nach den gro√üen Utopien. Eine m√∂gliche Antwort k√∂nnen Werte liefern.

Christliche Werte sind Trumpf

Werte repr√§sentieren kein geschlossenes Weltbild, aber eine Richtschnur f√ľr politisches, √∂konomisches und soziales Handeln. Die CDU tr√§gt mit dem viel beschworenen ‚ÄěC im Namen‚Äú einen Fundamentalbaustein eines solchen Programms in sich. Christliche Werte standen in der Union in den vergangenen Jahren viel zu h√§ufig hinter den “Debatten um Konservatismus und Neub√ľrgertum”:http://www.theeuropean.de/debatte/9167-neue-partei-rechts-der-cdu zur√ľck. Dabei k√∂nnen sich hinter christlichen Werten auch viele Nicht-Christen sammeln, die den Wertehaushalt der Partei teilen. Dies bedeutet nun nicht, in eine √ľberkommene Dogmatik zur√ľck zu verfallen. Doch der Schutz des ungeborenen Lebens und der menschlichen W√ľrde sowie eine grunds√§tzliche Skepsis gegen√ľber einer die Menschen √ľberfordernden technologischen und √∂konomischen Entwicklung sind gewiss grundlegend. Damit besitzt die Union in ihrer Tradition ein gewichtiges Pfund, mit dem sie wuchern k√∂nnte. Ob sie diese Chance nutzt, steht auf einem anderen Blatt.

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