Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. David Eagleman

Von der Volks- zur Wählerpartei

Volksparteien sind Geschichte, auch die CDU ist und wird keine mehr. Trotzdem kann sie Mehrheiten gewinnen, wenn es gelingt, einen unverwechselbaren Markenkern zu präsentieren und sie sich auf das C im Namen besinnt.

Nein, es gibt keine Volkspartei CDU mehr – genauso wenig, wie es noch eine Volkspartei SPD gibt. Die Volkspartei, dies erkennen immer mehr Beobachter der politischen Szenerie in Deutschland, war nichts als ein historisches Übergangsstadium parteipolitischer Großorganisationen, das seinen Höhepunkt in den sechziger und siebziger Jahren hatte und seit den Achtzigern langsam zu verfallen beginnt.

Parteien mit einer Massenmitgliedschaft nahe der Millionengrenze und insbesondere mit regelmäßigen Wahlergebnissen von 40 Prozent und mehr gehören der Vergangenheit an. Die CDU, die sich lange Zeit als die Mutter dieses Typus verstand, konnte dem Niedergang einige Jahre länger trotzen als die Sozialdemokratie, doch auch ihr schwinden Mitglieder und Wähler. Jedoch ist es auch für Parteienforscher nur allzu einfach, fortwährend den Niedergang zu beschwören, ohne eine Idee davon zu haben, was danach kommen könnte, daher ein Versuch.

Machtzentrum im Konrad-Adenauer-Haus

Eine Prognose scheint nicht besonders gewagt: Die einstige Volkspartei CDU wird sich zu einer professionellen Wählerpartei entwickeln – oder besser gesagt, sie ist schon auf dem besten Wege dorthin. Im Gegensatz zu einer pluralistischen Volkspartei, deren massenhafte Aktivitas für Leben in den Kommunen, den Landesverbänden und den Vereinigungen beiträgt, konzentrieren sich die Kräfte der professionalisierten Wählerpartei zunehmend auf die Parteizentrale. Dies sei an einem Beispiel erläutert: Versicherte sich Helmut Kohl noch in seinen berüchtigten Telefonanrufen regelmäßig der Unterstützung einzelner Kreisverbände, wird Angela Merkel zwar vorgeworfen, die Parteibasis zu übergehen, doch eine Revolte gegen sie bleibt aus.

Das Machtzentrum der CDU verlagert sich zunehmend ins Kanzleramt und das Konrad-Adenauer-Haus. Das einzelne Mitglied wird dadurch zwar nicht völlig entwertet, aber es ist auch nicht mehr unentbehrlich. Vermutlich wird eine professionelle Wahlkampfführung im Zentrum stehen. Auf Mitgliedsbeiträge ist die Union dank des höheren Spendenaufkommens weniger angewiesen als die SPD.

Doch welche inhaltlichen Positionen vertritt eine solche CDU? Ist dies nicht die Einladung zur Ausrichtung an demoskopischen Umfragen und dem vermeintlichen Wählerwillen der medial aufgeladenen Stimmungsdemokratie? Diese Gefahr droht gewiss, es wäre aber der falsche Weg. Denn Professionalität bedeutet nicht Beliebigkeit. Die Partei muss dem Wähler einen unverwechselbaren Markenkern präsentieren. Das ist keine leichte Aufgabe im Zeitalter nach den großen Utopien. Eine mögliche Antwort können Werte liefern.

Christliche Werte sind Trumpf

Werte repräsentieren kein geschlossenes Weltbild, aber eine Richtschnur für politisches, ökonomisches und soziales Handeln. Die CDU trägt mit dem viel beschworenen „C im Namen“ einen Fundamentalbaustein eines solchen Programms in sich. Christliche Werte standen in der Union in den vergangenen Jahren viel zu häufig hinter den Debatten um Konservatismus und Neubürgertum zurück. Dabei können sich hinter christlichen Werten auch viele Nicht-Christen sammeln, die den Wertehaushalt der Partei teilen.

Dies bedeutet nun nicht, in eine überkommene Dogmatik zurück zu verfallen. Doch der Schutz des ungeborenen Lebens und der menschlichen Würde sowie eine grundsätzliche Skepsis gegenüber einer die Menschen überfordernden technologischen und ökonomischen Entwicklung sind gewiss grundlegend. Damit besitzt die Union in ihrer Tradition ein gewichtiges Pfund, mit dem sie wuchern könnte. Ob sie diese Chance nutzt, steht auf einem anderen Blatt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Herbert Ammon, Valentin Weimer, Nicolai Dose.

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