„Vom Abbau der Handelsschranken profitieren alle“

Oliver Borgis, Weberbank22.08.2014Wirtschaft

Die europäische Integration hat allen Beteiligten Vorteile geboten – wenn auch nicht gleichermaßen. Oliver Borgis spricht mit The European über Fehlallokationen von Kapital, den Fallstrick des Euros und den Sonderfall Griechenland.

*The European:* Herr Borgis, die Bertelsmann-Stiftung hat vor Kurzem eine Studie veröffentlicht, die überschrieben ist mit: „Dänemark und Deutschland größte Gewinner der europäischen Integration“. Kann man das so pauschal überhaupt sagen?

*Oliver Borgis*: Pauschalisieren sollte man das nicht. Die Studie stellt auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ab. Andere Dimensionen bleiben außen vor. Das betrifft zum Beispiel Gesundheit, Bildung und Umwelt, aber auch Frieden, Freizügigkeit und politischer Einfluss in der Welt als ideelle Werte, die über Wachstumseffekte hinausgehen. Neben nicht-ökonomischen und schwer quantifizierbaren Facetten fehlt beispielsweise eine niedrigere Zinsbelastung aus der Staatsverschuldung als Vorteil, der bares Geld wert ist und nicht nur an seiner Wachstumswirkung gemessen werden kann. Aber auch wenn man den begrenzten Blickwinkel berücksichtigt, so resultiert das Top-Ergebnis Deutschlands aus einer mir streitbar erscheinenden Methodik. Ich bin überzeugt, dass die europäische Integration positive ökonomische Effekte hat. Aber die dürften in der ein oder anderen Volkswirtschaft mit einem höheren Öffnungsgrad als Deutschland durchaus größer gewesen sein. Ein allgemeineres Fazit der Studie ist, dass, mit der Ausnahme Griechenlands, die europäische Integration allerorts zugenommen hat und davon auch allgemein wirtschaftlich profitiert wurde.

„Selbst Euro-Gegner waren nicht für einen EU-Austritt“

*The European:* Hätte es den einzelnen Ländern noch besser ergehen können, wenn sie nicht Teil der europäischen Integration gewesen wären?

*Borgis:* Die Studie versucht genau dies zu simulieren und bejaht die Frage für Griechenland. Sie differenziert allerdings nicht nach Effekten der EU-Mitgliedschaft und denen der Euro-Einführung. Von einem Abbau von Handelsschranken und Grenzbarrieren profitieren alle, allerdings in unterschiedlichem Maße. Ein ruinöser Verdrängungswettbewerb wird durch die Aufsicht der EU unterbunden. Ich denke, die Integration hat allen Beteiligten Vorteile geboten – allerdings konnten nicht alle Länder diese Chancen effektiv nutzen. Insbesondere die Staaten, die auch am Euro teilnehmen, haben in den ersten Jahren enorme Vorteile gehabt, die aber ihre Tücken hatten. Bisherige Weichwährungs- und Hochzinsländer haben mit dem Euro auf einen Schlag Stabilität implementiert. Als Fallstrick haben sich aber die einhergehend stark gesunkenen Zinsen erwiesen. Diese lösten kreditfinanzierte Boomphasen aus, welche Strukturprobleme überdeckten und zu Kapitalfehlallokationen führten. Am plastischsten ist dies am spanischen Immobilienmarkt und an den griechischen Staatsfinanzen zu erkennen. Ohne die Möglichkeit, die eigene Währung abzuwerten, ist es nun sehr mühsam, verlorene Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Für die Integration spricht aber, dass teilweise über vorübergehende Austritte aus dem Euro diskutiert wurde, um nach einer Abwertung einen Neustart wagen zu können. Aber selbst Euro-Gegner haben meines Wissens keinen Austritt auch aus der EU vorgeschlagen.

*The European:* Wer leidet am meisten unter den stark gesunkenen Zinsen? Sind es die Spanier und Griechen, oder ist es dort nur am deutlichsten zu sehen?

*Borgis:* Darunter leidet auch Deutschland, und zwar nicht nur der deutsche Sparer. Zunächst klingt es ja paradox, dass eine Volkswirtschaft unter günstigeren Finanzierungsbedingungen leiden kann. Man würde das am ehesten erwarten, wenn eine Kreditklemme entsteht. Aber das ist erst in den letzten Jahren in Südeuropa ein Problem geworden. Bei der Euro-Einführung Ende der 1990er-Jahre war das nicht der Fall, da gab es trotz sinkender Zinsen ausreichend Kapitalgeber. Privatanleger haben daraufhin, euphorisiert von Billigkrediten, begonnen, schlechte Entscheidungen zu treffen – sich zum Beispiel für Käufe am spanischen Immobilienmarkt zu überschulden. Politiker haben, geblendet von der Zinsersparnis in den öffentlichen Haushalten, ihre Hausaufgaben vernachlässigt – zum Beispiel die Schuldenkonsolidierung und Strukturreformen in Griechenland. Das sind aber in der Tat nur die offensichtlichsten Beispiele. Auch Italien, Frankreich und viele andere Euro-Staaten haben Reformeifer vermissen lassen. Nicht nur, aber sicher auch mangels Druck von den Zinslasten. Nicht die niedrigen Zinsen an sich, sondern ein falscher Umgang damit hat zu Auswüchsen und zu Unterlassungssünden geführt. Mit den negativsten Folgen natürlich zuvorderst in solchen Mitgliedsländern, die den Mix aus niedriger Inflation, stabiler Währung und niedrigen Zinsen aus der Zeit ihrer nationalen Währung nicht kannten. Es ist kein Zufall, dass die Schuldenkrise die Länder umso stärker getroffen hat, je weniger eigene Stabilitätshistorie sie vor dem Euro-Start hatten. In der Rückschau ist es vielleicht sogar als Generationenproblem zu betrachten.

*The European:* Die Studie bezieht sich auf die Zahlen von 1992 bis 2012. Wie sieht die Entwicklung in der Zeit danach aus? Ist der Abstand zwischen erfolgreichen Ländern wie Deutschland und weniger erfolgreichen Ländern wie Spanien größer oder kleiner geworden?

*Borgis:* Obwohl insbesondere Portugal und zuletzt Spanien deutliche Verbesserungen verzeichnen konnten, haben sie insgesamt wirtschaftlich noch nicht aufgeholt. Die Zeichen stehen aber gut, dass sie das 2014 schaffen könnten, zumal sich dort erfreulicherweise auch die Arbeitsmarktdaten verbessern. Italien und Griechenland dagegen sind weiter abgerutscht. Das gilt auch für Frankreich, das zwar noch nicht als Krisenland gelten muss, aber per 2012 im zweiten Teil der Tabelle zu finden ist und sich seitdem deutlich unterdurchschnittlich entwickelt. Allerdings kann ich das nur aus den vorliegenden Wachstumszahlen versuchen abzuleiten, aber nicht exakt die Zahlen der Studie aktualisieren. Diese zerlegt das Wachstum quasi in eines mit und ohne Integrationswirkungen, was nur anhand des verwendeten Weltwirtschaftsmodells namens VIEW der Prognos AG nachvollziehbar ist. Mir scheint es aber plausibel, anzunehmen, dass von den laut Studie größten Integrationsprofiteuren alle bis auf Finnland weiter zu den größten Gewinnern gehören. Am meisten nach vorne klettern dürften übrigens Großbritannien und Schweden, beides Länder, die wie Dänemark zwar Teil der EU, aber nicht des Euro-Raums sind.

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