Die Geldpolitik der USA | The European

„Finanzkrisen haben nicht per se einen amerikanischen Reisepass“

Oliver Borgis, Weberbank26.03.2014Wirtschaft

Die neue FED-Chefin Janet Yellen macht eine kleine Bemerkung zum Leitzins und schon stehen die Märkte Kopf. Oliver Borgis diskutiert mit Alexander Görlach darüber, wie abhängig wir von der US-Geldpolitik sind.

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AFP/Getty Images

*Alexander Görlach:* Die neue FED-Chefin hat mit einer kleinen, wahrscheinlich unachtsam gemachten Bemerkung über einen möglichen Anstieg des Leitzinses für Schlagzeilen gesorgt. Auf solche Spekulationen reagieren die Märkte sensibel. Wie wichtig ist die FED für unsere Währungspolitik im Euro-Raum?

*Oliver Borgis:* Die Aussage, dass es etwa sechs Monate nach dem Ende des Anleihenkaufprogramms – das voraussichtlich im Dezember ausläuft – zu Zinsanhebungen kommen dürfte, kam etwas zögerlich auf Nachfrage in der Pressekonferenz. Letztlich deckt sie sich aber mit den öffentlich gemachten Prognosen des Gesamtgremiums. Diese wurden sehr transparent mit Angabe einzelner Erwartungswerte für die kommenden Jahre gestern aktualisiert veröffentlicht. Im Durchschnitt erwarten die 17 Mitglieder den Leitzins zum Ende des Jahres 2015 bei gut 1 Prozent – nur zwei rechnen mit dem ersten Zinsschritt erst 2016. Für viele Beobachter ist damit die Frage auf der Agenda, wann die EZB dem Beispiel folgen wird. Denn noch immer setzt die US-Notenbank den Diskussionstenor für die Politik der großen Zentralbanken weltweit. Auch darüber hinaus ist das Vorgehen der FED über viele Kanäle ein wichtiger Faktor für unsere heimische Geldpolitik. Sie beeinflusst die Wirtschafts- und Preisentwicklung des noch immer wichtigsten Handelspartners des Euro-Raums ebenso wie internationale Kapitalströme und die Entwicklung des Wechselkurses zwischen US-Dollar und Euro. Das hat wiederum handfeste Auswirkungen auf unsere Importpreise ebenso wie etwa den Ölpreis und andere relevante Variablen für den Wert unseres Geldes.

„Es ist wichtig, dass die US-Geldpolitik normalisiert wird“

*Görlach:* Die USA waren der Auslöser der Krise des Jahres 2008, erst eine Immobilien-Krise, dann eine Wirtschaftskrise und zuletzt eine Staatsschuldenkrise. Das Land scheint mit sich selbst beschäftigt zu sein. Das Fiskal-Cliff wurde hart umkämpft, der Staat an den Rand der Funktionsfähigkeit getrieben. Angesichts der Abhängigkeit unseres globalen Finanzsystems, so wie Sie es beschreiben, müssen wir uns doch täglich bibbernd fragen, was Amerika als Nächstes für die Welt bereithält. Da scheint ein kleiner Versprecher in einer Pressekonferenz eine Erdnuss zu sein.

*Borgis:* Wenn Sie die Amerikaner fragen, so werden diese ihrerseits Besorgnis äußern, welches Ungemach nach der Schuldenkrise im Euro-Raum von außen auf sie zukommen könnte. Etwa aus China oder anderen Schwellenländern. Oder aus Japan, das die Politik des billigen Geldes und die Staatsverschuldung in nochmals neue Dimensionen schraubt. Finanzkrisen haben nicht per se einen US-amerikanischen Reisepass – Kapitalfehlallokationen sind an vielen Stellen der Welt möglich. Die US-Wirtschaft und das US-Bankensystem sind in besserer Verfassung als vor der Krise, aber es ist sicher nicht zu leugnen, dass die expansive Politik der FED auch neue Wagnisse beinhaltet. Sie hat zur Stützung des zusammengebrochenen Immobilienmarktes für künstlich günstige Finanzierungsbedingungen am Immobilienmarkt gesorgt. Zudem führt die schiere Größe der von den USA ausgehenden internationalen Kapitalströme dazu, dass zu niedrige Dollarzinsen zu Blasen auch im Rest der Welt führen können. Daher ist es für uns alle so wichtig, dass die Normalisierung der US-Geldpolitik angegangen wird, bevor gefährliche Exzesse entstehen. Fast so wichtig, wie die Politik unserer eigenen Notenbank.

„Die FED war um ein Vielfaches großzügiger als die EZB“

*Görlach:* Das heißt, wir sind in vollem Maße abhängig von der Geldpolitik der USA? Sie sagen, die Geldpolitik der Vereinigten Staaten ist für uns genauso wichtig wie die unserer eigenen Notenbank. Das ist ein Zusammenhang, der den wenigsten klar sein dürfte. Was könnte denn von der FED kommen, das sich negativ auf den Euro und damit unsere Wirtschaft auswirkt?

*Borgis:* Bedeutsamer für unseren Währungsraum ist die Politik der EZB. Sie hat das Heft des Handelns für den Euro in der Hand und kann auf die Einflüsse aus dem Dollarraum reagieren. Wenn beispielsweise die Dollarzinsen steigen, werden Anlagegelder vermehrt ihren Weg in den Dollar finden. Umgekehrt dürften internationale Kredite vermehrt in Euro aufgenommen werden, da dort die Zinsen noch niedrig sind, anschließend aber teilweise gleich wieder in Dollar getauscht werden. Über diese Kanäle würde die Nachfrage nach Dollar steigen und nach Euro sinken – ceteris paribus wird der Wechselkurs des Euro folglich belastet. Sollte die FED ab nächstem Jahr also die Zinsen zügiger anheben, als das heute erwartet wird, so müssten wir damit rechnen, dass der Euro an Wert verliert und ein gewisser Preisdruck über höhere Importpreise aufkommt. Für die Exportwirtschaft des Euro-Raums würde dies zunächst positiv sein, da die Ausfuhren für das Ausland erschwinglicher werden. Es wäre also an der EZB, abzuwägen, wie viel der negativen Preiseffekte sie zu tolerieren bereit ist zugunsten der positiven Wirtschaftseffekte. Gegebenenfalls müsste die EZB ihrerseits die Zinsen anheben, um einem übermäßigen Abwertungsdruck entgegenzuwirken, bevor die europäische Binnenkonjunktur dies verträgt und bevor die europäische Staatsverschuldung hinreichend konsolidiert wurde. Solche internationalen Dependenzen sind allgegenwärtig – aus allen Währungsräumen. Keine Währung ist eine Insel. Wenn sie von der FED ausgehen, können sie aber eine besondere Wucht entfalten.

*Görlach:* Wie sind denn die USA im Allgemeinen im Moment aufgestellt? Hat sich etwas an der Mentalität dort durch die Wirtschaftskrise geändert – also beispielsweise ein weg vom kreditfinanzierten Konsumieren?

*Borgis:* Anders als die US-Wirtschaft haben der US-Staatshaushalt und der US-Konsument nicht so viele Fortschritte zu verzeichnen. Allerdings sind die Verbindlichkeiten privater US-Haushalte seit der Finanzkrise durchaus deutlich gesunken. Sie machen heute etwa 77 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung aus, was verglichen mit rund 94 Prozent Mitte 2008 einer Reduzierung um fast 1.000 Milliarden US-Dollar entspricht. Zurückgeführt wurde aber vor allem der kreditfinanzierte Immobilienerwerb, während der Konsum weiter auf Pump finanziert wird. Die Konsumkredite sind nur kurzzeitig reduziert worden und liegen heute wieder rund 400 Milliarden höher als vor der Krise. Sie wachsen mit recht stabilen 6 Prozent und damit nominal um 1 bis 2 Prozent schneller als die Gesamtwirtschaft. Ein zweischneidiges Schwert. Zum einen hat die Konsumfreude beigetragen, die USA wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Zum anderen hätte sich die FED sicher einen qualitativ hochwertigeren Mix als Ergebnis ihrer Stimulanz erhofft. Sie wird nun darauf bauen, durch sukzessive und vor allem rechtzeitig absehbare Zinserhöhungen die Konsumkredite einzubremsen, ohne den Motor ins Stottern, sprich die Konsumenten in Probleme beim Abstottern, zu bringen. Diese Aufgabe halte ich für deutlich schwerer als die der EZB. Denn die FED war um ein Vielfaches großzügiger bei ihren Liquiditätsgaben und bei ihren Anleihenkäufen, die sie mit frisch gedruckten Dollars bezahlt und damit die Geldmenge erhöht hat. Sie ist auf einer rasanten Fahrt und hat gerade erst begonnen, den Fuß langsam vom Gas zu nehmen. Der danach folgende Bremsweg dürfte ein langer werden.

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