„Zum Außenhandel gehören immer zwei“

Oliver Borgis, Weberbank12.03.2014Wirtschaft

Wenn es um die deutsche Exportstärke geht, wird gerne mit vorgefertigten Meinungen hantiert. Dass die nicht immer standhalten, zeigt Oliver Borgis im Gespräch mit Alexander Görlach auf.

*Alexander Görlach:* Nicht nur die französische Politik, auch andere Akteure werfen Deutschland vor, zu viel zu exportieren und damit das Ungleichgewicht unter den Europäern zu fördern, also zum Beispiel die Franzosen ärmer zu machen. Gibt es diesen Zusammenhang wirklich?

*Oliver Borgis:* Eine Volkswirtschaft, die mehr exportiert als importiert, spart gesamtwirtschaftlich – sie nimmt mehr ein, als sie ausgibt. Sie baut im Gegenzug für die gelieferten Waren oder Dienstleistungen Devisenreserven oder Zahlungsansprüche quasi als Sparguthaben auf. Das entspricht einer Finanzierung von Investitionen oder von Konsum des Auslands, was nicht verwerflich ist. Dauerhafte Ungleichgewichte dieser Art sind gleichwohl der Stabilität nicht förderlich, vor allem dann, wenn das Ausland über seine Verhältnisse lebt. Damit wird aber deutlich: auch zum Außenhandel gehören immer zwei. Deutschland kann seine Handelspartner nicht zur Abnahme eigener Exporte zwingen. Schließlich ist jede Transaktion eine Kaufentscheidung von Privatpersonen, Unternehmern oder Staaten. Der Zusammenhang ist kein einseitiger.

„Es ist falsch, die Verantwortung allein bei Deutschland zu suchen“

*Görlach:* Dann ist die politisch erhobene Forderung aus Frankreich genau was?

*Borgis:* Dreierlei. Gerichtet an das breite Publikum, scheint es der populistische Versuch, Deutschland in die Defensive und zu größeren Zugeständnissen in der Fiskalpolitik zu bringen. Adressiert an die Politik ist es die Aufforderung, nicht etwa deutsche Exporte zu begrenzen, sondern Anreize zugunsten heimischen Konsums und Investitionen zu geben. Deutsche Importe anzuschieben, ist der deutlich weniger destruktive Weg zum Ausgleich der Handelsbilanz. Aus der Sicht des Volkswirts ist es die Neigung zur Industriepolitik französischer und damit zentralstaatlicher Prägung, die letztlich auf eine Inflationierung der deutschen Wirtschaft über zum Beispiel hohe Lohnrunden abzielt. Einhergehen würde damit eine Reduzierung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, allerdings nicht nur innerhalb Europas, sondern auch auf dem Weltmarkt. Damit aber ist niemandem gedient, auch nicht den europäischen Partnern, die von der deutschen Stärke im Währungs- und Wirtschaftsraum auch sehr profitieren.

*Görlach:* Im Blick auf den europäischen Binnenmarkt: Hier sollen die verschiedenen Nationen in einem harmonisierten Raum wirtschaften. Wie könnten die bspw. von Frankreich gewünschten Effekte erzielt werden, ohne dass aus der Marktwirtschaft eine Planwirtschaft wird?

*Borgis:* Es ist falsch, die Verantwortung zur Vermeidung dauerhafter Schieflagen allein beim Exportland Deutschland zu suchen. Aus meiner Sicht ist die nachhaltigste Lösung die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten. Tatsächlich haben sich beispielsweise die Leistungsbilanzdefizite Italiens, Spaniens, Portugals, Griechenlands, Irlands und Zyperns seit 2009 sogar bereits erheblich reduziert. Einige dieser Länder verzeichnen Fortschritte, die ihnen kaum jemand zugetraut hätte. Diese gelangen vor allem durch schmerzhafte Reformen mit Kostensenkungen bis hin zu Lohnkürzungen und durch Importverzicht. Leider ein steiniger Weg, denn es gibt kein Stellrad, mit dem sich dies ohne Verlierer bewerkstelligen ließe. Umso erstaunlicher, dass genau dieser Pfad von den Euro-Krisenländern erfolgreich beschritten wird.

„Deutschlands Überschuss in der Währungsunion ist bereits zurückgegangen“

*Görlach:* Aber wie wollen Sie das Argument entkräften, dass wir so nur Besitzstandswahrung betreiben?

*Borgis:* Auch innerhalb Deutschlands gibt es Handelsungleichgewichte. Aber niemand käme auf die Idee, dass Baden-Württemberg die Warenausfuhr in andere Bundesländer aktiv beschneiden sollte. Intuitiv ist einsichtig, dass dies ein Negativsummenspiel wäre. Da es keine Fiskalunion der Euroländer gibt, sind die Finanztransfers zwischen den Staaten nicht wie beim deutschen Länderfinanzausgleich geregelt, aber sie finden statt. Durch die Niedrigzinspolitik zugunsten der Finanzierungsbedingungen für Krisenstaaten vollzieht sich zudem eine große Umverteilung von Sparern zu Schuldnern. Es ist ja auch so, dass der Überschuss Deutschlands innerhalb der Währungsunion bereits deutlich zurückgegangen ist – das unverändert hohe Gesamtplus stammt zunehmend aus dem Handel mit Drittstaaten.

*Görlach:* Die Lösung wäre also eine gesamteuropäische Fiskalpolitik?

*Borgis:* Für das Funktionieren und die Stabilität der Euro-Zone wäre das zwar förderlich, aber ob man das will, ist eine andere Frage. Wenn es überhaupt einen Weg dorthin gibt, so ist dieser meiner Meinung nach sicher noch sehr lang. So lang, dass in der Zwischenzeit vermutlich die demografische Entwicklung ohnehin die Vorzeichen der Diskussion umkehrt. Denn Rentner exportieren nicht, sie importieren nur noch. Sogar Auslandsreisen sind Importe von Dienstleistungen. Da auch die heute geborenen Kinder noch bis zum Berufseinstieg nicht zum Export beitragen werden, lässt sich auf Sicht von 15 Jahren recht gut abschätzen, wie sich die Handelsbilanz unter jetzigen wirtschaftlichen Gegebenheiten entwickeln wird: der ehemalige Exportweltmeister beginnt, netto zu importieren. Kaum fassbar, aber so lautet die Prognose des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Nur massive Zuwanderung von Erwerbspersonen oder ein deutlich späterer Renteneintritt würden das überhaupt noch verhindern können. Frankreichs Bevölkerung dagegen wächst dank höherer Geburtenrate und Zuwanderung.

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