„Ausgerechnet in Deutschland ist die Aktienkultur unterentwickelt“

Oliver Borgis, Weberbank12.02.2014Wirtschaft

Die Deutschen behandeln Aktien stiefmütterlich. Im Gespräch mit Alexander Görlach geht Oliver Borgis diesem merkwürdigen Phänomen nach.

*Alexander Görlach*: In der Start-up-Industrie, zu der auch The European seinem Ursprung nach gehört, hat man es häufig mit Investoren zu tun, die gerne über ihr Kapital an Firmen beteiligt sein wollen, an deren Erfolg sie glauben und an dem sie in der Zukunft partizipieren wollen. Ist Anteilserwerb, also Aktienkauf, etwas, was sich außerhalb unserer Branche auch so großer Beliebtheit erfreut?

*Oliver Borgis*: Die Dauerniedrigzinsen führen derzeit bei einigen Anlegern zur Umorientierung zugunsten eines etwas höheren Aktienanteils im Depot. Nach wie vor ist es aber so, dass der deutsche Durchschnittsanleger offenbar nicht gerne an den Firmen beteiligt sein will. Im Gegenteil: Aktien werden von Deutschen seit jeher stiefmütterlich behandelt.

*Görlach*: Was heißt das in Zahlen?

*Borgis*: Im ersten Halbjahr 2013 ist der Anteil der direkt oder indirekt in Aktien investierten Anleger in Deutschland auf 14,6 Prozent der Bevölkerung zurückgegangen. Von großer Beliebtheit kann man trotz guter Kursentwicklung also nach wie vor nicht sprechen.

„Es geht nicht um Schuld, sondern um negative Erfahrungen“

*Görlach*: Ist das immer noch die Katerstimmung aus der letzten Jahrhundertwende? Damals, so sagte man, glaubte auf einmal jeder, mit Aktien reich werden zu können. Was nicht der Fall war: Viele verloren viel Geld.

*Borgis*: Aktien waren damals auf einmal Gesprächsstoff Nummer eins am Gartenzaun und in der U-Bahn. Es entstand ein klassischer Schweinezyklus, der regelmäßig zu Ende geht, wenn alle derselben Meinung sind, es könne nur noch in eine Richtung gehen. Der Höhenflug der Jahre um 2000, der folgende Absturz und dann die Subprime- und Staatsschuldenkrise – der Aktienkultur hätte wohl kaum etwas Schlimmeres passieren können.

*Görlach*: Kann man das nicht auf die Spekulanten oder andere Akteure schieben, ohne dem Aktienhandel per se die Schuld zu geben?

*Borgis*: Es geht nicht um Schuld, sondern um die negativen Erfahrungen, die viele Anleger gemacht haben, die sich seinerzeit das schnelle Glück versprochen und dabei die Finger verbrannt haben. Auch ernsthafte Investoren wurden durch den Misserfolg der damaligen Börsengänge von sogenannten Volksaktien verprellt. Der Aktie als Anlageform hat das nachhaltig geschadet. In den Jahren 1998 bis 2000 hat sich die Zahl der Aktien- und Aktienfondsanleger binnen kurzer Zeit mehr als verdoppelt auf rund 12,8 Mio., um anschließend bis zum Jahr 2011 sukzessive auf rund 8,5 Mio. zu sinken. Erst seit 2012 geht es wieder langsam aufwärts.

*Görlach*: Und was ist heute anders – warum sollte man heute in ein Business gehen, dessen Höhen und Tiefen sich einem, also dem normalen Anleger, nicht erschließen? Wenn wir in Deutschland von Aktien sprechen, meinen wir doch meist DAX-Unternehmen, große Unternehmen. Wer denkt denn dabei schon an Berliner Start-ups?

*Borgis*: Das Schöne an der Wertpapieranlage ist ja, dass man kleinteilig breit diversifizieren kann, was das Risiko reduziert, wenn man eine Branche oder ein Geschäftsmodell nicht detailliert kennt und beurteilen kann. Die laufende Kursfeststellung ist ebenfalls ein Vorteil, der zum Nachteil in Sachen Stressfaktor werden kann.

„Stress entsteht, wenn man Risiken nicht kennt“

*Görlach*: Gibt es überhaupt ein Investment ohne Stressfaktor?

*Borgis*: Chancen und Risiken stehen immer im Verhältnis zueinander – Stress entsteht vor allem, wenn man die Risiken nicht kennt oder diese nicht zur persönlichen Anlagestrategie passen. Ein wichtiges Kaufargument ist dabei immer ein nachvollziehbarer Preis. Ein DAX-Indexstand oberhalb von 8.000 Punkten heute ist überhaupt nicht mehr mit dem des Jahres 2000 vergleichbar. Es steckt viel mehr Substanz und Ertragskraft dahinter – die Gewinnsumme der Unternehmen macht mehr als das 2,5fache von damals aus.

*Görlach*: Wie sind in diesem Zusammenhang Crowdsourcing-Plattformen zu sehen, auf denen von kompetenten Teams vorher ausgewählte und geprüfte neue Unternehmen vorgestellt werden, um in sie zu investieren. Finden die Deutschen, die als mittelständische Nation doch eigentlich viel von Unternehmertum halten müssten, hier vielleicht wieder neuen Zugang zu dem Thema?

*Borgis*: Das würde ich mir sehr wünschen. Crowdsourcing-Plattformen sind zwar vergleichsweise wenig transparent und reguliert, was sicher noch eine Herausforderung in Sachen Anlegerschutz darstellt. Aber ja, sie können einen wertvollen Beitrag zur Offenheit gegenüber Anlagen in Produktivkapital leisten, die gesamtwirtschaftlich und vermögenspolitisch enorm bedeutsam ist. Im Vergleich zu anderen Industrienationen ist ausgerechnet Deutschland in Sachen Aktienkultur unterentwickelt. Unser Bildungssystem vermittelt leider nur den wenigsten das Rüstzeug, um als mündiger Bürger verschiedene Anlageformen bewerten zu können. Und leider auch kein vertieftes Verständnis davon, dass unser aller Wohlstand in Unternehmen erwirtschaftet wird.

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